Trüb im Glas, klar in der Sache: Naturwein gehört auf die Spitzenkarte
Was lange als Nischengeschmack galt, kuratieren Spitzensommeliers heute selbstbewusst neben den großen Klassikern. Ein Blick auf die Häuser, die den Ton angeben.
//TASTEWas lange als Nischengeschmack galt, kuratieren Spitzensommeliers heute selbstbewusst neben den großen Klassikern. Ein Blick auf die Häuser, die den Ton angeben.
Vor wenigen Jahren war Naturwein in der gehobenen Gastronomie ein Randthema, etwas für eingeweihte Gäste und mutige Sommeliers. Heute steht er auf den ambitioniertesten Karten im deutschsprachigen Raum, und zwar nicht als Kuriosität, sondern als ernst gemeinte Begleitung.
Lange Zeit lief Naturwein unter besonderer Beobachtung. Er stand am Ende der Karte, klein gedruckt, mit einem entschuldigenden Unterton. Wer ihn bestellte, bekam oft erst eine Erklärung und dann den Wein. Diese Reihenfolge hat sich gedreht.
In den ambitioniertesten Häusern des deutschsprachigen Raums ist Naturwein heute selbstverständlicher Teil der Auswahl. Sommeliers stellen ihn nicht mehr in eine Ecke, sondern direkt neben die etablierten Erzeuger. Damit verschiebt sich, was als seriöse Begleitung zu einem guten Essen gilt.
Das ist mehr als ein Trend in der Glasfüllung. Es ist eine Aussage darüber, was eine Weinkarte leisten soll: nicht nur Sicherheit verkaufen, sondern auch Position beziehen. Genau hier wird es interessant, weil sich an dieser Entscheidung der Anspruch eines Hauses ablesen lässt.
Naturwein entsteht mit so wenig Eingriff wie möglich. Spontane Gärung, kaum bis keine Zusätze, oft ungefiltert. Das Ergebnis sieht anders aus als ein klar polierter Klassiker: trüb, manchmal mit leichtem Mostton, lebendig im Glas. Was bei einem konventionellen Wein als Fehler gälte, ist hier Teil der Idee.

Der erste Schluck überrascht viele. Naturwein kann wild wirken, kantig, manchmal fast salzig, dann wieder überraschend präzise. Er verlangt Aufmerksamkeit und gibt sie zurück. Genau diese Reibung ist der Grund, warum gute Sommeliers ihn lieben und warum er polarisiert.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen lebendig und kaputt. Ein guter Naturwein ist ungeschönt, aber nicht fehlerhaft. Die Kunst der Kuratierung liegt darin, die Flaschen auszuwählen, die spannend sind, ohne ins Unsaubere zu kippen. Das trennt eine ernsthafte Karte von einer, die nur modisch sein will.
Ein guter Sommelier stellt Naturwein nicht aus Mode neben den Grand Cru, sondern weil beide etwas zu sagen haben.
Das MAST Weinbistro in Wien ist zu einer der führenden Adressen für Naturwein in Österreich geworden. Über 1.500 Weine auf einer 24-seitigen Karte, Schwerpunkt auf natürlichen und biodynamischen Erzeugern, dazu ein Michelin Green Star und ein BIB Gourmand. Gault&Millau kürte die Weinkarte zur Karte des Jahres, und bei den Falstaff Red Wine Guide Awards 2025 gewannen Matthias Pitra und Steve Breitzke die Kategorie für die beste Naturweinkarte.
In Berlin verfolgt Nobelhart & Schmutzig einen anderen, ebenso konsequenten Weg. Auf rund 900 Getränkepositionen finden sich Naturweine aus dem Jura oder organischer Lambrusco neben dem Ungewohnten. Sommelier Billy Wagner kuratiert die Liste bewusst herausfordernd und lokal, als Werkzeug, um Gäste zu konfrontieren statt sie zu beruhigen.
Auch im alpinen Raum ist die Bewegung angekommen. Im Hotel Alpenstern in St. Johann in Tirol führt Sommelier Maximilian Steinfeld rund 2.000 Positionen, in denen Klassiker, Raritäten und naturbelassene Weine nebeneinanderstehen. Und im Ösch Noir verantwortet Michael Häni eine der ambitioniertesten Weinkarten im deutschsprachigen Raum, mit einem eigenen Pairing, das Naturwein neben die großen Gewächse stellt.
Naturwein zu listen ist für ein Spitzenhaus kein bequemer Weg. Die Weine sind weniger berechenbar, schwerer zu erklären und nicht jedem Gast leicht zu vermitteln. Trotzdem entscheiden sich immer mehr Sommeliers dafür, und das hat einen Grund.
Eine Weinkarte ist auch ein Bildungsangebot. Wer Naturwein neben den Grand Cru stellt, lädt den Gast ein, zu vergleichen, zu zweifeln, neu zu schmecken. Das ist anspruchsvoller als eine reine Sicherheitskarte, aber es passt zu einem Haus, das ohnehin nichts dem Zufall überlässt.
Dazu kommt die Nähe zu kleinen Betrieben. Naturwein bedeutet fast immer Handarbeit, kurze Wege und überschaubare Mengen. Für eine Küche, die Herkunft ernst nimmt, ist das die logische Fortsetzung des eigenen Anspruchs ins Glas hinein.
Das erste Zeichen ist die Selbstverständlichkeit. Auf einer guten Karte steht Naturwein nicht in einem eigenen, leicht exotischen Block, sondern dort, wo er thematisch hingehört, gleichberechtigt neben den etablierten Namen.

Das zweite Zeichen ist die Erzählung des Sommeliers. Wer dir einen Naturwein empfiehlt und in zwei Sätzen sagen kann, warum gerade dieser zu deinem Gericht passt, hat ihn nicht aus Mode auf die Karte genommen. Die schwächeren Karten erkennst du daran, dass sie viele seltsame Etiketten haben, aber keine Linie dahinter.
Und schließlich erkennst du es am eigenen Erlebnis. Eine ernst gemeinte Naturweinkarte überrascht dich, ohne dich vorzuführen. Du gehst mit einem Geschmack nach Hause, den du vorher nicht kanntest, und mit dem Gefühl, etwas verstanden zu haben.
Naturwein wird mit möglichst wenig Eingriff erzeugt: spontane Gärung, kaum oder keine Zusätze, oft ungefiltert. Dadurch wirkt er häufig trüb und lebendiger als ein konventionell ausgebauter Wein.
Nein. Das Spektrum ist groß, von ruhig und präzise bis kantig und ungewohnt. Entscheidend ist die Auswahl. Ein guter Naturwein ist ungeschönt, aber nicht fehlerhaft.
Daran, dass Naturwein gleichberechtigt neben den Klassikern steht und der Sommelier jede Empfehlung begründen kann. Viele exotische Etiketten ohne Kuratierung sind eher ein schlechtes Zeichen.
Am Ende geht es nicht um Naturwein gegen Klassiker, sondern um die Lust, beidem zuzuhören. Wer einmal erlebt hat, wie ein lebendiger Wein ein Gericht öffnet, bestellt das nächste Glas nicht mehr aus Gewohnheit.