//STYLEModel in futuristischem Outfit mit verspiegeltem Visor im Neonlicht - Sinnbild für digitale Mode
13. Juli 2020 // 09:44 Uhr

Virtual Clothing – Das digitale Fashion Statement

InspiredByLuxury·Aus dem Archiv, neu aufgelegt

2020 verkaufte die Marke Carlings Jacken, die niemand anziehen konnte – rein digital, nur fürs Foto. Wir haben damals berichtet. Fünf Jahre später ziehen wir Bilanz: Was wurde aus der virtuellen Mode?

Im Sommer 2020 haben wir hier eine Frage gestellt, die damals nach Science-Fiction klang: Würdest du Geld für ein Kleidungsstück ausgeben, das du nie in den Händen hältst? Die norwegische Marke Carlings verkaufte digitale Jacken für rund 15 Pfund das Stück, getragen wurden sie nur auf dem Instagram-Foto. Fünf Jahre später ist die Antwort differenzierter, als wir gedacht hätten: Die reine NFT-Mode ist krachend gescheitert, das praktische Drumherum hat sich durchgesetzt.

Quick Fitting

  • Digitale Mode bezeichnet Kleidung, die nur als 3D-Datei existiert und per Bildbearbeitung oder AR auf dein Foto montiert wird – kein Stoff, keine Lieferung.
  • 2020 war Carlings Vorreiter, die Pioniere DRESSX und The Fabricant kamen dazu, 2021 sprang die Luxusbranche mit NFT-Mode auf.
  • Der NFT-Hype ist eingebrochen: Nike hat seine Digital-Sneaker-Schmiede RTFKT im Dezember 2025 still verkauft, der NFT-Gesamtmarkt schrumpfte binnen eines Jahres um rund zwei Drittel.
  • Geblieben ist die nüchterne Variante: AR-Anprobe und virtuelle Umkleiden, mit denen Marken wie Gucci, Prada und Zalando Retouren senken.
  • Der Markt für digitale Mode lag 2024 bei rund 1,1 Milliarden Euro und soll laut Analysten bis 2035 deutlich wachsen – aber als Werkzeug, nicht als Sammlerstück.
Model in futuristischem Outfit mit verspiegeltem Visor im Neonlicht - Sinnbild für digitale Mode

Stell dir vor, du bist online shoppen und stolperst über eine Statement-Jacke. Du überlegst kurz, ob sie dir stehen würde, und kaufst sie. Statt einer Lieferung lädst du ein Foto von dir hoch. Zurück bekommst du dasselbe Bild, nur sitzt die Jacke jetzt passgenau auf deinem Körper. Du wirst dieses Stück niemals wirklich tragen. Aber du kannst es virtuell anziehen und die Likes dafür einsammeln. Genau das hat Carlings 2020 zur Realität gemacht, und es klang nach einer Folge Black Mirror.

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Warum digitale Mode 2020 plötzlich Sinn ergab

Der Trend wirkte absurd, wurde aber von drei Entwicklungen getragen, die alle schon längst da waren.

Erstens der Preis und die Wegwerf-Logik von Social Media. Aufwendige Designerstücke kosten in der echten Welt vierstellige Eurobeträge und werden wegen ihres auffälligen Designs oft nur ein einziges Mal fotografiert. Brand-Managerin Kicki Persson von Carlings nannte die Resonanz auf die erste virtuelle Kollektion vom November 2019 überraschend positiv. Ihr Argument: Zu einem Preis von rund 15 Pfund pro Teil demokratisiere man die Mode und schaffe einen Look ganz ohne ökologischen Fußabdruck.

Die Leute glauben, das sei nichts Echtes. Aber die Verkaufszahlen sind unvorstellbar.

So beschrieb es Matthew Drinkwater, Direktor der Fashion Innovation Agency am London College of Fashion. Er war 2020 überzeugt, dass digitale Kleidung erst in fünf bis zehn Jahren im Alltag ankommt. Mit dieser Einschätzung sollte er, wie wir heute wissen, ziemlich genau richtig liegen – nur anders, als alle dachten.

Zweitens die Zahlungsbereitschaft für Digitales. Dass Menschen echtes Geld für virtuelle Güter ausgeben, bewies die Gaming-Branche. Im Mobile-Game Kim Kardashian: Hollywood kauften Spieler mit echtem Geld digitale Outfits von Karl Lagerfeld, Cavalli oder Balmain für ihre Avatare. Das Spiel spielte in sechs Jahren über 240 Millionen Euro ein. Wer das tut, gibt vielleicht auch für die eigene virtuelle Jacke Geld aus.

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Drittens die Normalisierung der Bildmanipulation. Seit es Instagram-Filter gibt, ist die optische Aufbesserung kein Tabu mehr. Ob gesättigte Farben, AR-Make-up oder ein digital aufgesetztes Kleidungsstück – der bearbeitete Look ist alltäglicher Bestandteil unserer Storys und Timelines geworden.

Was wurde daraus? Vom NFT-Hype zum Kater

2021 explodierte die Idee. Aus 15-Pfund-Jacken wurden NFT-Kollektionen, und die Luxusbranche sprang auf. Nike kaufte die Digital-Sneaker-Schmiede RTFKT, Gucci und Dolce & Gabbana verkauften virtuelle Stücke, Plattformen wie DRESSX und The Fabricant sammelten Millionen ein. DRESSX, 2020 von Daria Shapovalova und Natalia Modenova gegründet, führt heute nach eigenen Angaben über 3.500 digitale Teile und arbeitet mit Meta, Roblox, Google und Farfetch.

Dann kam der Kater. Der NFT-Markt brach ein, sein Gesamtwert fiel binnen eines Jahres um rund zwei Drittel. Im Januar 2025 kündigte Nike an, RTFKT einzustellen, im Dezember 2025 verkaufte der Konzern die Sparte still und ohne genannten Kaufpreis weiter – vier Jahre teures Experiment, beendet. Einzelne RTFKT-Sammlerstücke, einst für Tausende Euro gehandelt, waren am Ende fast nichts mehr wert. Die Vision vom Kleiderschrank als Krypto-Portfolio ist geplatzt.

Was bleibt: das Werkzeug, nicht das Sammlerstück

Verschwunden ist die virtuelle Mode trotzdem nicht. Sie hat nur die Seite gewechselt – vom Spekulationsobjekt zum praktischen Hilfsmittel. Die AR-Anprobe ist im Massenmarkt angekommen: Google rollte 2024 eine KI-gestützte Funktion aus, die Kleidung realistisch auf dein eigenes Foto rechnet, inklusive Faltenwurf und Passform. Adidas, Asos, Zalando und Net-a-Porter betreiben virtuelle Umkleiden, Luxusmarken wie Gucci, Prada, Fendi und Burberry experimentieren mit AR-Spiegeln. Der Nutzen ist messbar: AR-Anprobe kann die Retourenquote bei Kleidung deutlich senken, und ein Großteil der Luxuskundschaft erwartet sie inzwischen als Standard.

Auch der Markt selbst lebt, nur nüchterner. Branchenbeobachter taxieren das Volumen für digitale Mode auf rund 1,1 Milliarden Euro im Jahr 2024 und erwarten starkes Wachstum bis 2035 – getragen von AR-Anprobe, 3D-Design und virtuellen Welten, nicht von spekulativen Sammlerjacken. Carlings, DRESSX und The Fabricant existieren weiter, ihre Stücke verkaufen sich heute eher als kreatives Spielzeug für Content denn als Investment.

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Bleibt die Frage, die wir uns 2020 gestellt haben: Kann man eine emotionale Bindung zu Kleidung aufbauen, die gar nicht existiert? Fünf Jahre später ist die ehrliche Antwort: für die meisten nicht. Was zählt, ist nicht das Besitzen eines Pixel-Stücks, sondern das, was sich anfühlt wie echtes Shoppen – nur ohne Fehlkauf und Rücksendung. Genau das hat überlebt.

Kurz geklärt

Was ist digitale Mode überhaupt?

Kleidung, die nur als 3D-Datei existiert. Sie wird per Bildbearbeitung oder Augmented Reality auf dein Foto oder deinen Avatar gerechnet. Es gibt keinen Stoff, keine Lieferung und keinen Schrank – das Stück lebt ausschließlich auf dem Bildschirm.

Kann man digitale Kleidung heute noch kaufen?

Ja. Plattformen wie DRESSX, The Fabricant und Carlings sind weiter aktiv. Der Fokus hat sich aber verschoben: weg vom NFT als Spekulationsobjekt, hin zu kreativen Looks für Social-Media-Content und zur AR-Anprobe im Online-Shop.

Warum ist der NFT-Hype um Mode gescheitert?

Der gesamte NFT-Markt brach ein und verlor binnen eines Jahres rund zwei Drittel seines Werts. Nike stellte 2025 seine Digital-Sneaker-Sparte RTFKT ein, Sammlerstücke wurden fast wertlos. Die Idee vom Kleiderschrank als Krypto-Investment hat sich nicht durchgesetzt.

Was ist von der virtuellen Mode geblieben?

Der praktische Teil: die virtuelle Anprobe. Google, Zalando, Asos und Luxushäuser wie Gucci und Prada setzen AR und KI ein, um Kleidung vor dem Kauf am eigenen Bild zu zeigen. Das senkt Retouren und ist für viele Kundinnen und Kunden inzwischen Standard.

Ist digitale Mode wirklich nachhaltiger?

Ein rein virtuelles Stück verbraucht keinen Stoff, kein Wasser und keinen Transport. Sinnvoll ist das vor allem dort, wo sonst ein Outfit nur für ein einziges Foto gekauft würde. Als Ersatz für den Alltagsschrank taugt es nicht – aber als Werkzeug gegen Fast-Fashion-Fotokäufe hat das Argument Substanz.

Mehr aus unserer Welt zwischen Mode, Technik und Zukunft: Wenn das Metaverse das nächste große Reiseziel wird, ein Blick auf die Fashiontrends 2024 und das neue Einkaufserlebnis der digitalen Boutique von Hublot.

Bildquelle: Pexels / Mikhail Nilov
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