Reichenbach: Warum eine handglasierte Servierplatte aus Thüringen jeden Designteller alt aussehen lässt
Die Manufaktur Reichenbach glasiert jedes Stück von Hand, brennt bei 1380 Grad – und macht Servierplatten, von denen keine zwei identisch sind.
//TASTEDie Manufaktur Reichenbach glasiert jedes Stück von Hand, brennt bei 1380 Grad – und macht Servierplatten, von denen keine zwei identisch sind.
Eine handglasierte Servierplatte aus der Porzellanmanufaktur Reichenbach ist kein Geschirr, sondern ein Unikat. Die Farbe wird von Hand aufgetupft, die Glasur bei 1380 Grad in den Scherben eingebrannt, und genau deshalb gleicht keine Platte exakt der nächsten. Du kaufst nicht ein Produkt, du kaufst ein Stück Handwerk.
Stell dir einen Tisch vor, auf dem eine einzige Servierplatte den Ton angibt. Sie ist nicht weiß, sie ist nicht laut, sie hat eine Farbe, die im Licht arbeitet. An einer Stelle dichter, an einer anderen heller, weil jemand sie von Hand aufgetragen hat und nicht eine Maschine. Genau das ist der Unterschied zwischen einem Industrieteller und einem Stück aus Reichenbach.
Die Porzellanmanufaktur Reichenbach liegt in Thüringen, am Hermsdorfer Kreuz, dort wo sich die A9 und die A4 treffen. Eine unscheinbare Adresse für eine Sache, die alles andere als unscheinbar ist. Was hier entsteht, hat mit dem Geschirr aus dem Möbelhaus so viel zu tun wie ein handgenähter Schuh mit einem Turnschuh von der Stange. Mehr zum Thema: Leinen aus Helfenberg: Tischwäsche, die Generationen hält.
Der Name Reichenbach ist seit 1830 mit Thüringer Porzellan verbunden, damals ging es um die künstlerische Handbemalung des weißen Scherbens. Die Manufaktur selbst, wie sie heute produziert, wurde im Jahr 1900 von neun ortsansässigen Porzellanmalern gegründet. Neun Männer, die ihr Handwerk ernst nahmen, an einem Ort, der bis heute produziert.
Das ist keine Marketing-Geschichte, das ist Kontinuität. In einer Branche, in der vieles längst nach Fernost ausgelagert wurde, findet die Herstellung bei Reichenbach zu 100 Prozent in Thüringen statt. Vom Formenbau über das Handdrehen bis zum Glasieren und Brennen bleibt jeder Schritt im Haus. Das merkst du dem Ergebnis an, auch wenn du nicht weißt warum. Mehr zum Thema: Foie gras ohne Stopfen: was auf diesem Porzellan serviert werden darf.
Industrieporzellan ist perfekt. Handwerk ist genau, aber nie identisch. Genau darin liegt der Unterschied, den man fühlt.
Der Moment, der eine Reichenbach-Platte ausmacht, ist der Glasurbrand. Nach dem ersten Brand, dem Schrühbrand bei rund 950 Grad, ist der Scherben saugfähig wie ein Schwamm. Dann wird er in die Glasur getaucht, die er regelrecht aufnimmt. Im zweiten Brand, dem Glasurbrand bei 1380 Grad, verschmilzt die Glasur mit dem Porzellan und bildet eine glatte, glänzende Oberfläche.
Diese Zahl ist kein Detail für Techniker. 1380 Grad sind der Grund, warum die Glasur nicht aufsitzt, sondern Teil des Scherbens wird. Eine handglasierte Platte hat keine Beschichtung, die irgendwann abplatzt. Sie hat eine Oberfläche, die durch und durch gehört, wozu sie gehört. Das ist der Unterschied zwischen einem Stück, das Generationen übersteht, und einem, das du in drei Jahren ersetzt.
Das schönste Beispiel für diese Haltung ist die Colour-Serie, gestaltet von Gerd Sommerlade nach klassischen Vorlagen um 1800. Hier wird die Farbe nicht gespritzt und nicht gedruckt, sondern von Hand aufgetupft. Jedes Teil wird dadurch zum Unikat. Die Serie umfasst 45 verschiedene Artikel in elf Farben, auf Wunsch mit handgemaltem Goldrand, der nach einem weiteren Brand von Hand poliert wird, bis er einen seidenmatten Glanz hat.
Tupfen statt Spritzen klingt nach einer Nuance. In Wahrheit ist es der ganze Punkt. Eine maschinell gefärbte Fläche ist überall gleich dicht. Eine von Hand aufgetragene lebt von kleinen Unterschieden, von einem Verlauf, der sich ergibt und nicht geplant ist. Eine Servierplatte aus dieser Serie ist deshalb nie nur eine Farbe, sie ist eine Stimmung. Stell ein paar geröstete Feigen darauf, ein Stück Käse, ein wenig dunkles Brot, und die Platte tut, was gutes Handwerk tun soll: Sie macht das Essen besser, ohne sich vorzudrängen.
Dass Reichenbach kein verstaubtes Traditionshaus ist, zeigt die Zusammenarbeit mit Paola Navone. Die italienische Designerin arbeitet seit 2003 mit der Manufaktur, unter dem Label Paola Navone per Reichenbach sind eigenständige Kollektionen entstanden. Die Serie New Baroque etwa spielt mit dem Kontrast zwischen mattem, unglasiertem Porzellan und einer azurblauen Glasur. Alt und neu, rau und glatt, in einem Stück.
Eine Manufaktur, die seit 1900 produziert, holt sich eine Mailänder Designerin ins Haus und lässt sie machen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Es zeigt ein Selbstbewusstsein, das aus Können kommt. Wer sein Handwerk beherrscht, hat keine Angst vor einer fremden Handschrift. Genau diese Mischung aus Thüringer Tradition und italienischem Gestaltungswillen macht das Sortiment so interessant.
Eine handglasierte Servierplatte ist eine Investition, keine Frage. Aber sie ist eine der wenigen, die man jeden Tag sieht und benutzt. Geschirr aus dem Discounter verschwindet im Schrank und fällt nie auf, im positiven wie im negativen Sinn. Eine Platte aus Reichenbach fällt auf, weil sie nicht laut ist. Sie liegt da, fängt das Licht, und irgendwann fragt jemand am Tisch, woher die ist.
Du musst kein Sammler sein, um das zu verstehen. Es reicht, einmal von etwas zu servieren, das jemand mit der Hand gemacht hat. Die kleine Unregelmäßigkeit in der Glasur, der Rand, der minimal anders fällt als beim Nachbarstück, das ist kein Fehler. Das ist der Beweis, dass ein Mensch daran gearbeitet hat. In einer Welt voller identischer Dinge ist genau das der Luxus.
Weil Farbe und Glasur von Hand aufgetragen werden. In der Colour-Serie wird die Farbe von Hand aufgetupft, dadurch ergeben sich kleine Unterschiede in Dichte und Verlauf. Kein Stück gleicht dem anderen exakt.
Nach dem ersten Brand, dem Schrühbrand bei rund 950 Grad, folgt der Glasurbrand bei 1380 Grad. Dabei verschmilzt die Glasur mit dem Porzellan zu einer glatten, glänzenden Oberfläche, die nicht abplatzen kann.
Der Name Reichenbach steht seit 1830 für Thüringer Porzellan. Die Manufaktur in ihrer heutigen Form wurde 1900 von neun ortsansässigen Porzellanmalern gegründet und produziert bis heute am selben Standort in Thüringen.
Beides. Reichenbach arbeitet seit 2003 mit der italienischen Designerin Paola Navone zusammen, unter anderem an der Serie New Baroque mit ihrem Kontrast aus mattem Porzellan und azurblauer Glasur. Tradition und zeitgenössisches Design schließen sich hier nicht aus.
Quelle Titelbild: Pexels / Yan Krukau