
Mercedes EQS: Was aus dem Luxus-Stromer wurde, der einst für 2020 geplant war
2019 berichteten wir, dass Mercedes ab 2020 ein elektrisches Topmodell namens EQS plant. Sechs Jahre später steht fest, was daraus wurde, warum der Start sich verschob und wieso der eigene Designchef das Auto heute für zu früh hält.
Als wir im Sommer 2019 über Mercedes‘ Pläne für ein elektrisches Topmodell schrieben, hieß es: ab 2020 kommt der EQS, das Flaggschiff einer ganz neuen Stromer-Familie. Heute, fast sieben Jahre später, kennen wir nicht nur das Auto, sondern auch seine Geschichte: einen verschobenen Start, eine Rekord-Reichweite, gemischte Verkaufszahlen und einen Designchef, der offen einräumt, dass der Wagen zu früh kam. Hier liest du, was aus der Vision wurde.
- Geplant für 2020, vorgestellt im April 2021, ausgeliefert ab August 2021. Der EQS kam ein Jahr später als angekündigt.
- Keine elektrische S-Klasse, sondern ein eigenständiges Topmodell auf reiner Elektro-Plattform mit bis zu 770 Kilometern WLTP-Reichweite.
- Markenzeichen: der Hyperscreen, eine durchgehende Glasfläche von 141 Zentimetern Breite quer über das Armaturenbrett.
- Preis zum Start ab knapp 98.000 Euro, das AMG-Topmodell jenseits von 152.000 Euro.
- 2026 folgt eine komplett neue Generation mit 800-Volt-Technik und bis zu 926 Kilometern Reichweite, Marktstart Anfang 2027.

Die ursprüngliche Ansage war klar formuliert. Michael Kelz, damals Chefentwickler der EQ-Baureihe, sagte uns 2019 sinngemäß: Es werde ein Elektroauto auf dem Niveau einer S-Klasse geben, aber es werde keine S-Klasse sein. Genau so kam es. Der EQS teilt mit der Verbrenner-S-Klasse weder Plattform noch Karosserie. Er steht auf einer eigens entwickelten Elektro-Architektur, die später auch das kleinere EQE-Modell trug.
Warum aus 2020 erst 2021 wurde
Der angekündigte Produktionsstart für 2020 ließ sich nicht halten. Mercedes stellte die Serienversion erst im April 2021 vor, die Auslieferung begann im August desselben Jahres. Ein Jahr Verzug ist bei einem komplett neuen Antriebsstrang und einer frischen Plattform keine Überraschung, für ein als Technologie-Schaufenster geplantes Flaggschiff aber ein spürbares Signal.
Beim Marktstart lieferte der EQS dann ab, was ihn über Jahre zum Reichweiten-Primus machte. Die Basis EQS 350 kam mit einer 90,6-kWh-Batterie auf rund 626 Kilometer, der EQS 450+ mit 107,8 kWh schaffte bis zu 768 Kilometer nach WLTP. Das war zum Erscheinen ein Bestwert in der Oberklasse und blieb es lange. Der Einstiegspreis lag Anfang 2022 bei knapp 98.000 Euro, die AMG-Variante kletterte über 152.000 Euro.
Wir werden ein Elektroauto haben, das ohne Zweifel auf dem Niveau einer S-Klasse ist, aber es wird keine S-Klasse sein.
Der Hyperscreen und die Frage nach echtem Luxus
Innen setzte Mercedes auf eine Idee, die der Wagen bis heute trägt: den Hyperscreen. Eine durchgehende Glasfläche von 141 Zentimetern Breite zieht sich quer über das gesamte Armaturenbrett und vereint drei Displays unter einer Scheibe. Das war 2021 ein echtes Statement und half, den EQS als digitale Luxus-Limousine zu positionieren.
Beim Raumgefühl traf der Wagen allerdings nicht jeden Geschmack. Viele Interessenten bemängelten, dass das stark gerundete One-Bow-Design trotz des S im Namen nicht die Proportionen und die Großzügigkeit einer klassischen S-Klasse bietet. Der EQS wirkt eher wie ein riesiges Fließheck als wie eine repräsentative Stufenheck-Limousine. Genau dieser Punkt sollte die Verkaufszahlen prägen.
Gemischte Bilanz und ein bemerkenswertes Eingeständnis
Der große Durchbruch blieb aus. Der EQS verkaufte sich solide, aber nie so stark wie die Verbrenner-S-Klasse zu ihren besten Zeiten. 2025 erreichte das gesamte Top-End-Segment von Mercedes, also EQS-Limousine, EQS SUV und die klassischen S-Klasse-Modelle zusammen, rund 268.000 Einheiten, etwa 15 Prozent des Konzernabsatzes. Der Gesamtabsatz von Mercedes gab im selben Jahr um rund zehn Prozent nach.
Im Juli 2025 wurde es offen. Mercedes‘ Designchef räumte öffentlich ein, dass die elektrische Luxuslimousine in dieser Form rund zehn Jahre zu früh gekommen sei. Ein ungewöhnlich ehrlicher Satz für ein laufendes Modell. Er erklärt, warum die nächste Generation den Kurs deutlich korrigiert.
Was 2026 und 2027 bringen
Mercedes hat den EQS bereits überarbeitet. Das Facelift bringt eine neu gestaltete Front, einen aufrecht stehenden, beleuchteten Stern auf der Haube und Powerdomes auf der Motorhaube, alles Schritte, die das Auto optisch näher an die klassische Markensprache rücken sollen.
Der große Sprung folgt danach. Für die nächste Generation kündigt Mercedes eine neue 800-Volt-Architektur an, die schnelleres Laden und ein effizienteres Energiemanagement ermöglicht. Der EQS 450+ soll dann bis zu 926 Kilometer WLTP-Reichweite schaffen und mit bis zu 350 kW laden, womit sich in zehn Minuten rund 320 Kilometer nachladen lassen. Die offizielle Vorstellung wird frühestens Mitte 2026 erwartet, der Marktstart Anfang 2027, mit einem Einstiegspreis ab etwa 94.000 Euro.
Aus der Vision von 2019 ist also ein reales Auto geworden, das technisch beeindruckt, kommerziell aber polarisiert. Die spannendere Frage ist, ob die nächste Generation mit klassischerem Auftritt und Rekord-Reichweite endlich die Kundschaft trifft, die der erste EQS verfehlt hat. Wenn dich elektrische Visionen mit Geschichte reizen, wirf auch einen Blick auf den Bentley EXP 100 GT und seine Grand-Touring-Vision für 2035, und darauf, wie radikal der Jaguar Type 00 in Miami Pink das Thema Luxus-Stromer neu denkt.
Die Details
▸Wann kam der Mercedes EQS wirklich auf den Markt?
Geplant war der Start für 2020. Vorgestellt wurde die Serienversion im April 2021, ausgeliefert wird der EQS seit August 2021. Der ursprüngliche Plan verschob sich also um etwa ein Jahr.
▸Ist der EQS eine elektrische S-Klasse?
Nein. Der EQS steht auf einer eigenen Elektro-Plattform und ist ein eigenständiges Topmodell der EQ-Baureihe, keine elektrifizierte Version der bestehenden S-Klasse. Schon der damalige Chefentwickler stellte das klar.
▸Wie weit kommt der EQS mit einer Ladung?
Die erste Generation schafft je nach Variante bis zu rund 770 Kilometer nach WLTP. Die für 2027 geplante Neuauflage mit 800-Volt-Technik soll bis zu 926 Kilometer erreichen.
▸Was kostet der EQS?
Zum Start lag der Einstiegspreis Anfang 2022 bei knapp 98.000 Euro, das AMG-Topmodell über 152.000 Euro. Die kommende Generation soll ab rund 94.000 Euro beginnen.



