Es ist kurz vor sieben, als wir München verlassen, und die Stadt liegt noch im blauen Licht, das sie nur eine halbe Stunde am Tag hat. Auf der A8 nach Süden steht der Verkehr dünn, der Tank ist voll, und vorne, wo der Himmel sich noch nicht entschieden hat, ahnt man die erste Kette der Alpen mehr, als man sie sieht. Wir haben kein Frühstück eingeplant und keinen festen Halt bis Mittag. Das ist der ganze Plan: möglichst wenig Plan.
Quick Fitting
- Die Idee: nicht die schnellste Verbindung von München an die Côte d’Azur, sondern die schönste. Eine reale, fahrbare Linie über den Brenner, durch Norditalien und entlang der Riviera bis St. Tropez.
- Drei Etappen, kein Tagespensum unter Druck: München bis Südtirol, Südtirol bis an die ligurische Küste, dann der Küstenstreifen bis Saint-Tropez. Wer Zeit hat, hängt einen Umweg über die Berge der Alpes-Maritimes an.
- Es ist eine Strecke für einen Grand Tourer, einen Wagen, der lange Distanzen mag, leise läuft und im richtigen Moment hörbar wird. Es geht ums Fahren, nicht ums Auto.
- Das Eigentliche passiert zwischen den Orten: der Wechsel von alpiner Kühle zu mediterraner Wärme, das Licht, die Pausen, die man sich nimmt, weil man kann.
Eine Grand Tour ist kein Transfer. Ein Transfer fragt, wie schnell. Eine Grand Tour fragt, wie schön. Beide enden am selben Ort (in diesem Fall in einem Hafenort am Golfe de Saint-Tropez), aber sie kommen unterschiedlich dort an. Der eine erschöpft, der andere reicher. Wir wollten den zweiten Weg, und dafür braucht es vor allem eine Entscheidung: die Autobahn dort zu verlassen, wo sie aufhört, ein Versprechen zu sein.
Du kannst diese Strecke in einem langen Tag durchprügeln, knapp neun Stunden reine Fahrzeit, wenn nichts dazwischenkommt. Wir haben drei daraus gemacht. Nicht weil es nötig wäre, sondern weil das Dazwischen der eigentliche Grund ist, loszufahren.
Erste Etappe — über den Brenner
Der Brenner ist der niedrigste der grossen Alpenübergänge, und vielleicht ist er deshalb so unterschätzt. Man rauscht heute über die Europabrücke bei Innsbruck, dieses kühne Betonband hoch über dem Wipptal, und merkt kaum, dass man gerade den Hauptkamm der Alpen quert. Wir haben uns Zeit gelassen, bei Innsbruck einen Kaffee genommen und der Brücke das angetan, was sie verdient: einen Moment Aufmerksamkeit, bevor man sie überquert.
Hinter dem Pass kippt alles. Die Beschilderung wird zweisprachig, dann italienisch. Bei Sterzing riecht die Luft anders, in Bozen liegt das erste Mal diese trockene Wärme über dem Talkessel, die nichts mehr mit dem Morgen in München zu tun hat. Wir sind keine vier Stunden gefahren und schon in einer anderen Welt. Südtirol, wo der Apfel und der Wein sich denselben Hang teilen. Hier endet die erste Etappe, früh genug, um abends noch über eine Promenade zu schlendern, in der Deutsch und Italienisch in einem Satz Platz finden.
Ein Wort zum Wagen, und dann nicht mehr. Diese Strecke verlangt keine 500 PS, sie verlangt einen Sitz, in dem du nach acht Stunden noch sitzen magst, und einen Motor, der bei Tempo auf der Autostrada nicht schreit. Ein Grand Tourer eben, gebaut, um weit zu fahren, nicht um auf der Ampel zu gewinnen. Der Rest ist Geschmack. Was zählt, ist, dass du am Pass die Fenster herunterlässt und hörst, wie die Welt von Tannenharz auf Stein und später auf Salz umschaltet.
Zweite Etappe — bis ans Meer
Der zweite Tag ist der lange. Von Südtirol aus geht es über die Brennerautobahn weiter ins Etschtal, an Trient vorbei, bis sich die Berge bei Verona zur Po-Ebene öffnen: flach, weit, agrarisch, ein Übergangsland, das man eher durchquert als bewundert. Hier ist die Autostrada ehrlich Mittel zum Zweck. Wir haben in Verona nicht gehalten; das hebt man sich für eine eigene Reise auf.
Spannend wird es wieder bei Genua. Die Stadt klemmt zwischen Berg und Meer, und genau dort, an der ligurischen Küste, beginnt der Teil, für den man fährt. Die Riviera di Ponente, der westliche Bogen Liguriens, schiebt sich zwischen die Hänge und das Tyrrhenische Meer. Wer die Autostrada A10 verlässt und die alte Küstenstrasse nimmt, fährt durch Orte wie Finale Ligure und Alassio, vorbei an den Palmen von Sanremo, dem letzten grossen italienischen Namen vor der Grenze. Es ist langsamer, klar. Es ist auch der Grund, warum man nicht geflogen ist.
Bei Ventimiglia wird aus Italien Frankreich, fast unmerklich, eine Grenze, die heute nur noch ein Schild ist. Dahinter Menton, die erste Stadt der Côte d’Azur, mit ihren ockerfarbenen Fassaden und den Zitronen, auf die sie so stolz ist, dass sie ihnen ein eigenes Februarfest widmet. Hier könnte der zweite Tag enden, am Rand des Mittelmeers, mit dem Wissen, dass das Schönste noch kommt.
Ein Transfer fragt, wie schnell. Eine Grand Tour fragt, wie schön. Beide enden am selben Ort, aber sie kommen unterschiedlich dort an.— Notiz vom zweiten Abend, irgendwo zwischen Genua und Menton
Wer hier einen Tag übrig hat, dem sei ein Umweg ans Herz gelegt, der nicht ans Meer führt, sondern nach oben. Über Sospel klettert die D2566 in engen Kehren zum Col de Turini hinauf, jenem Pass auf gut 1.600 Metern, den die Rallye Monte Carlo seit Jahrzehnten berühmt gemacht hat: 34 Haarnadeln durch dunklen Nadelwald, eine Strasse, die regelmässig zu den schönsten der Welt gezählt wird. Es ist ein Bogen weg vom Ziel und mitten ins Eigentliche: fahren um des Fahrens willen.
Dritte Etappe — das Licht wird südlich
Der letzte Tag ist der kürzeste und der schönste. Von Menton aus folgt man der Küste nach Westen, an Monaco vorbei, durch Nizza mit seiner Promenade des Anglais, an der die Palmen in einer Reihe stehen, gleich hoch, gleich weit, als hätte sie ein Stadtgärtner mit dem Lineal gesetzt. Hinter Cannes beginnt dann der Abschnitt, den man sich merkt: die Corniche d’Or.
Diese Strasse, 1903 vom Touring Club de France angelegt, zieht sich rund 27 Kilometer durch das Estérel-Massiv zwischen Cannes und Saint-Raphaël. Links der rote Porphyr der Berge, rechts das Meer, das hier nicht blau ist, sondern türkis kippt, wo es flach über den Fels läuft. Der Streifen zwischen Agay und Le Trayas, in den roten Fels gesprengt, ist das spektakulärste Stück, eine Folge von Buchten, an denen man eigentlich an jeder zweiten anhalten möchte. Wir haben uns auf drei beschränkt. Es waren zu wenige.
Hinter Saint-Raphaël wird das Land sanfter. Die Strasse führt durch Fréjus und dann am Wasser entlang nach Sainte-Maxime, und von dort sieht man zum ersten Mal über die Bucht hinüber: dort, am gegenüberliegenden Ufer des Golfe de Saint-Tropez, liegt das Ziel. Man kann den Golf umrunden, durch Port Grimaud mit seinen Kanälen, oder im Sommer die Fähre nehmen, die in zwanzig Minuten direkt in den alten Hafen tuckert. Wir sind gefahren, weil wir nach drei Tagen nicht aussteigen wollten.
Und dann ist man da. Saint-Tropez empfängt einen nicht mit einem Knall, sondern mit einer Hafenkante, an der Maler ihre Staffeleien gegen die Yachten stellen, als hätte sich seit hundert Jahren nichts verschoben, was diesen Ort ausmacht und warum er mehr ist als sein Ruf, erzählen wir an anderer Stelle ausführlich. Für den Moment reicht das Gefühl, das jede gute Grand Tour am Ende schenkt: dass der Weg den Ort schon enthalten hat, lange bevor man ankam.
Die Etappen
1 · München → Südtirolüber A8 und Brenner (A13/A22), Europabrücke bei Innsbruck, Ankunft Bozen. Rund 280 Kilometer, gut drei Stunden ohne Pausen.
2 · Südtirol → Côte d’AzurEtschtal, Verona, Po-Ebene, dann ligurische Küste über Genua bis Menton. Die längste Etappe, mit Umweg über die alte Küstenstrasse.
3 · Menton → Saint-TropezNizza, Cannes, die Corniche d’Or durch das Estérel, Saint-Raphaël, Sainte-Maxime, der Golf. Kurz, aber der Höhepunkt.
Optionaler Bogenüber Sospel und die D2566 zum Col de Turini (rund 1.600 m) und zurück. Ein halber Tag, reines Fahrvergnügen.
Was so eine Fahrt wirklich braucht
Es ist verführerisch, eine Strecke wie diese in Zahlen zu fassen: Höhenmeter, Pässe, Kilometer. Aber das Wesentliche steht nicht im Bordcomputer. Es braucht die Bereitschaft, früh loszufahren und spät anzukommen, ohne dazwischen auf die Uhr zu sehen. Es braucht die Disziplin, nicht jede Bucht der Corniche d’Or mitzunehmen, weil man sonst nie ankommt. Und die Grosszügigkeit, wenigstens drei davon doch zu nehmen.
Und es braucht eine kleine Lüge, die man sich selbst erzählt: dass das Ziel der Grund sei. In Wahrheit ist Saint-Tropez nur der Punkt, an dem man irgendwann anhalten muss. Der Grund war der Brenner im Morgenlicht, das erste Italienisch hinter dem Pass, der rote Fels über dem türkisen Wasser. Der Grund war die Strecke. Das ist die schönste Art, nach Süden zu fahren: so, dass das Ankommen sich anfühlt wie das Ende eines Stücks, das man hätte länger hören wollen.
Vielleicht ist das die einzige Regel, die wirklich zählt. Plane die Etappen, nicht die Stunden. Lass dem Wagen seinen langen Atem und dir deinen. Und wenn das Meer das erste Mal türkis kippt, dann nimm den Fuss vom Gas, nicht weil eine Kurve kommt, sondern weil dieser eine Blick es verdient. Der Süden läuft nicht weg. Er wartet, seit immer, am Ende der Strasse.
Die Details
Wie lange braucht man für die Strecke?
Reine Fahrzeit von München nach Saint-Tropez liegt bei etwa neun Stunden über die schnellste Route. Als Grand Tour mit Pausen und Umwegen lohnen sich drei Tage: eine Etappe bis Südtirol, eine bis an die Côte d’Azur, eine entlang der Küste. Wer den Col de Turini mitnimmt, plant einen halben Tag mehr ein.
Wann ist die beste Zeit?
Spätes Frühjahr und früher Herbst. Im Mai und Juni sind die Alpenpässe offen, die Küste ist noch nicht überlaufen, und das Licht steht günstig. Den Hochsommer meidet, wer die Corniche d’Or ohne Stau fahren will, dann am besten früh am Morgen.
Welches Auto passt zu dieser Route?
Ein Grand Tourer im Wortsinn: ein Wagen, der lange Strecken mag, auf der Autostrada leise bleibt und in den Kehren des Estérel wach wird. Es geht nicht um Höchstleistung, sondern um Komfort über Distanz und um Charakter im richtigen Moment.
Brenner oder Schweizer Alpen?
Beides ist möglich. Der Brenner ist der direkte, niedrigste Weg nach Norditalien und führt elegant über Verona Richtung ligurische Küste. Die Schweizer Route über den Gotthard ist eine eigene, ebenso schöne Reise, aber sie ist ein anderer Artikel.
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Quelle Titelbild: Wikimedia Commons / Céréales Killer, CC BY-SA 4.0
Jakob Bach schreibt für InspiredByLuxury über das Reisen und das Fahren, und über den Unterschied zwischen Ankommen und Unterwegssein. Diese Strecke ist real und fahrbar; die Reihenfolge der Orte stimmt. Die Eile ist optional.
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