Handwerker in einer traditionellen Porzellan- oder Silbermanufaktur bei feiner Handarbeit//TRAVEL
19 Januar 2026

Die Stadt im Hinterhof: Reisen durch ihre Werkstätten

Cedric Zuber·6 Min. Lesezeit

Manufakturen, Materialkultur und kleine Ateliers erzählen mehr über einen Ort als jede Top-Ten-Liste. Ein Reiseweg entlang der Werkstätten von Berlin, München und Wien.

Die meisten Städte zeigen Reisenden zuerst ihre Fassade: das Wahrzeichen, den Aussichtspunkt, die Gasse, durch die alle gehen. Wer einen Ort wirklich verstehen will, dreht die Reihenfolge um. Er sucht die Werkstätten, in denen seit Generationen etwas mit der Hand entsteht. Dort steht die Stadt ohne Schminke.

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  • Manufakturen erzählen die Geschichte einer Stadt über Material, Handwerk und Beharrlichkeit.
  • Berlin, München und Wien halten Ateliers, die seit Jahrhunderten am selben Ort produzieren.
  • Viele Werkstätten haben Schauräume und feste Öffnungszeiten, der Besuch ist planbar.
  • Eine Werkstattreise ersetzt die Sehenswürdigkeit nicht, sie geht ihr eine Ebene tiefer.

Die Stadt liegt im Hinterhof

Eine Top-Ten-Liste sortiert eine Stadt nach Bekanntheit. Eine Werkstatt sortiert sie nach Können. Das ist ein anderer Blick, und er führt fast immer abseits der großen Achsen, in einen Hof, eine Seitenstraße, ein altes Quartier am Wasser. Dort findest du Menschen, die ein Material so gut kennen, dass sie es kaum noch erklären müssen.

Drei Städte im deutschsprachigen Raum eignen sich besonders für diese Art zu reisen. Berlin, München und Wien tragen jeweils eine Manufaktur, die so alt ist, dass ihre Geschichte ein Stück Stadtgeschichte geworden ist. Du kannst sie an einem Nachmittag besuchen und nimmst danach ein präziseres Bild des Ortes mit, als es jede Bustour liefert.

Berlin: das blaue Zepter von KPM

Berlins älteste noch produzierende Manufaktur steht im Westen der Stadt, an der Wegelystraße. Die Königliche Porzellan-Manufaktur, kurz KPM, wurde am 19. September 1763 von Friedrich dem Großen gegründet. Der König erwarb die Vorläufer-Manufaktur im selben Jahr für 225.000 preußische Reichstaler, eine für die Zeit gewaltige Summe, und machte das Porzellan zur Sache des Staates.

Seither führt jedes Stück das kobaltblaue Zepter als Marke, ein Zeichen, das seit über 250 Jahren für Handarbeit steht. Seit 1872 sitzt die Produktion im heutigen KPM-Quartier an der Wegelystraße. Wer dort durch die Werkstätten geht, sieht, wie eine Tasse durch viele Hände läuft, bevor sie das Zepter tragen darf. Das erklärt den Preis und es erklärt die Stadt: Berlin hat sich seinen Anspruch früh selbst verordnet.

München: Handarbeit ohne Maschine

München führt das Thema gleich doppelt vor. Auf dem Gelände von Schloss Nymphenburg, wo sie seit 1761 sitzt, fertigt die Porzellan Manufaktur Nymphenburg seit 1747 jedes Stück ausschließlich in Handarbeit, ganz ohne Automatisierung. Die Werkstätten ziehen ihre Energie bis heute aus der Wasserkraft des Schlossgrabens. Das ist geduldiges Handwerk, eingebettet in eine barocke Kulisse.

Wenige Kilometer entfernt schlägt ein anderes Tempo. In einem Hinterhof-Atelier in der Fraunhoferstraße 31 arbeitet WERKSTATT:MÜNCHEN, 1996 von Klaus Lohmeyer gegründet. Hier entsteht Avantgarde-Schmuck aus Silber und pflanzlich gegerbtem Leder, roh, dunkel und sehr eigen. Die beiden Adressen zeigen dieselbe Stadt aus zwei Zeiten: die fürstliche Manufaktur und das junge Atelier, beide kompromisslos in der Sache.

Wien: sechs Generationen Silber

Wien hält die Tradition im siebten Bezirk wach. Jarosinski und Vaugoin produziert dort seit 1847 Silberbestecke und Tafelwaren in Handarbeit und gilt als älteste Wiener Silberschmiede. Inzwischen führt die sechste Generation die Werkstatt, und noch immer werden die Silberwaren von Hand geschlagen, Schlag für Schlag, bis die Oberfläche ihren stillen Glanz bekommt.

Eine solche Adresse erzählt von einer Stadt, die ihre Tafelkultur nie ganz aufgegeben hat. Du betrittst keinen Showroom mit Hochglanz, sondern eine Werkstatt, in der das Geräusch des Hammers älter ist als die meisten Gebäude ringsum. Genau das ist der Reiz: Wien serviert dir nicht das Klischee vom Walzer, sondern das Handwerk, das hinter dem guten Leben steht.

Wie du eine Stadt über ihre Werkstätten liest

Der Reiseweg ist einfach vorzubereiten. Suche vor der Ankunft nach der ältesten produzierenden Manufaktur eines Ortes und nach einem jungen Atelier, das im selben Material arbeitet. Die Spanne zwischen beiden zeigt dir, wie eine Stadt mit ihrer eigenen Tradition umgeht, ob sie sie museal pflegt oder weiterdenkt.

Plane Zeit für das Gespräch ein, denn das eigentliche Wissen steckt in den Menschen, die dort arbeiten. Viele Werkstätten zeigen ihre Stücke in eigenen Schauräumen mit festen Öffnungszeiten, der Besuch ist also planbar. Am Ende eines solchen Tages kennst du eine Stadt über das, was ihre Hände können. Das bleibt länger als der schnelle Blick aufs Wahrzeichen.

Gut zu wissen

Kann man diese Manufakturen wirklich besichtigen?

Ja. KPM in Berlin und die Porzellan Manufaktur Nymphenburg in München führen eigene Schauräume, und WERKSTATT:MÜNCHEN zeigt seine Stücke im Atelier-Showroom. Jarosinski und Vaugoin in Wien empfängt Besucher in seiner Silberschmiede im siebten Bezirk. Ein Anruf vorab lohnt sich, besonders für einen Blick in die Produktion.

Wann hat WERKSTATT:MÜNCHEN geöffnet?

Der Atelier-Showroom in der Fraunhoferstraße 31 ist montags bis freitags von 13 bis 19 Uhr und samstags von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Welche Städte eignen sich noch für eine Werkstattreise?

Das Prinzip funktioniert überall dort, wo altes Handwerk überlebt hat. Berlin, München und Wien sind ein dichter Einstieg, weil sie je eine sehr alte Manufaktur und lebendige junge Ateliers im selben Ort verbinden. Von dort aus lässt sich der Blick auf jede Stadt mit eigener Materialkultur übertragen.

Pack für die nächste Reise also nicht nur die Liste der Sehenswürdigkeiten ein. Notiere dir eine Werkstatt und nimm dir Zeit für das, was dort entsteht. Wenn du den Ort danach mit anderen Augen verlässt, hast du ihn genauer gelesen.

Bildquelle: Titelbild: Pexels / Yan Krukau.
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