Einschlafen in Wien, aufwachen in Rom.
Warum Europa den Nachtzug wiederentdeckt, vom Pod für dreißig Euro bis zum italienischen Luxuszug mit Drei-Sterne-Küche.
Slow RoutesWarum Europa den Nachtzug wiederentdeckt, vom Pod für dreißig Euro bis zum italienischen Luxuszug mit Drei-Sterne-Küche.
Es passiert irgendwo zwischen dem Abendessen und dem ersten Tunnel. Die Landschaft draußen wird dunkel, das Abteil wird eng und warm. Du merkst, dass du zum ersten Mal seit Langem nirgendwo sein musst. Der Zug fährt, während du schläfst. Das ist der ganze Trick. Europa hat ihn wiederentdeckt.
Ich gebe zu, ich hatte den Nachtzug abgeschrieben. Zu klapprig, zu langsam, ein Verkehrsmittel für Nostalgiker. Was mich eines Besseren belehrt, ist nicht Romantik. Es sind neue Züge, ausgebuchte Verbindungen und ein Netz, das jeden Monat größer wird.
Der Motor der Renaissance steht in Wien. Die ÖBB, Österreichs Staatsbahn, hat bei Siemens dreiunddreißig Nightjet-Züge einer neuen Generation bestellt. Der erste fuhr 2023 von Hamburg nach Wien und Innsbruck, seit 2025 ist die ganze Flotte unterwegs.
Ein solcher Zug hat sieben Wagen, davon zwei reine Schlafwagen. Neu sind die Mini-Kabinen, kleine Schlafkapseln für Alleinreisende, die man von innen abschließt. Kein Teilen mit Fremden mehr, kein Smalltalk auf der oberen Pritsche. Wer mehr will, nimmt ein Schlafabteil der Kategorie Comfort Plus, mit eigener Toilette und abgetrennter Dusche. Jeder Schlafplatz hat eine Leselampe, eine Steckdose, einen USB-Anschluss und WLAN. Die Betten sind fest verbaut, nicht mehr die wackligen Klappkonstruktionen von früher, damit du wirklich schläfst und nicht nur liegst.

Man erwartet, dass so etwas teuer ist. Ist es nicht. Ein Bett in einer Mini-Kabine beginnt bei knapp dreißig Euro, ein Platz im Doppelabteil bei rund siebzig, ein eigenes Schlafabteil bei etwa hundertfünfzehn Euro. Nach oben ist Luft, ein Solo-Abteil kann in der Hauptsaison mehrere hundert Euro kosten. Aber der Einstieg liegt auf der Höhe eines Billigflugs, nur dass du deine Nacht und deinen nächsten Tag geschenkt bekommst.
Genau das treibt die Rückkehr. Fliegen wird teurer, das Reisen mit kleinerem Fußabdruck wichtiger. Das Netz wächst und reicht inzwischen an hundert Städte heran. Und es kommen neue Linien dazu. Seit 2026 fährt ein privater Schlafwagen von Paris über Brüssel nach Berlin, dreimal die Woche.
Am Ziel steigst du mitten in der Stadt aus. Dein Tag hat noch nicht angefangen.//Travel · Slow Routes
Der Reiz ist nicht die Ausstattung. Es ist der Moment am Morgen, wenn du die Jalousie hochziehst und draußen etwas anderes liegt als am Abend. Du bist in Wien eingeschlafen, jetzt steht Nebel über einem See, den du nicht kennst. Das Land spricht schon eine andere Sprache.

Nachts hörst du den Zug arbeiten, das leise Rollen, das Klacken an den Weichen, ab und zu ein Bahnhof, der halb im Schlaf vorbeizieht. Es ist kein perfekter Schlaf. Es ist ein anderer. Am Ziel steigst du mitten in der Stadt aus, nicht an einem Flughafen vierzig Kilometer draußen. Dein Tag hat noch gar nicht angefangen.
Am anderen Ende der Skala fährt seit 2025 der La Dolce Vita Orient Express, Italiens erster eigener Luxuszug. Vorgestellt wurde er im Bahnhof Roma Ostiense, die erste Fahrt ging Anfang April in die Weinberge rund um Montalcino. Acht Routen führen durch vierzehn italienische Regionen und über die Grenze bis Paris, Istanbul und Split. Gekocht wird an Bord von Heinz Beck, der in Rom drei Michelin-Sterne hält.
Das ist eine andere Welt als die Mini-Kabine für dreißig Euro. Und trotzdem dieselbe Idee. Die Reise ist nicht die Strecke zwischen zwei Punkten. Die Reise ist die Nacht dazwischen.
Vielleicht ist das die eigentliche Rückkehr. Nicht der Zug, sondern die Erlaubnis, langsam zu sein. Du gibst eine Nacht her und bekommst einen Morgen an einem Ort, den du sonst überflogen hättest. Das Fenster ist beschlagen, der Kaffee ist mittelmäßig. Draußen wird ein Land hell, das gestern noch weit weg war.
ÖBB hat dreiunddreißig neue Nightjet-Züge bestellt, seit 2025 ist die Flotte komplett im Einsatz. Sie verbindet Städte in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien und den Niederlanden, in einem Netz, das an hundert Städte heranreicht.
Ein Bett in einer Mini-Kabine beginnt bei knapp dreißig Euro, ein Platz im Doppel-Schlafabteil bei rund siebzig, ein eigenes Schlafabteil bei etwa hundertfünfzehn Euro. Nach oben reicht die Spanne bis mehrere hundert Euro für ein Solo-Abteil in der Hauptsaison.
Italiens erster eigener Luxuszug, seit 2025 unterwegs. Acht Routen führen durch vierzehn italienische Regionen und bis Paris, Istanbul und Split, die Küche kommt von Drei-Sterne-Koch Heinz Beck. Das ist das Luxus-Ende einer Bewegung, die beim Dreißig-Euro-Pod anfängt.
Wege, die länger dauern und mehr bleiben. Nachtzüge, langsame Routen, der Weg als Ziel. Bleib in //Travel.