//TRAVELHolzboot zieht Kielwasserspur über den Comer See bei Abendlicht
21. Juni 2026 // 09:15 Uhr

Comer See: Wo Villen noch immer flüstern

InspiredByLuxury·//TRAVEL

46 Kilometer lang, 425 Meter tief, seit dem 16. Jahrhundert Ziel der Grand Tour. Wer den Comer See nur als Tagesausflug aus Mailand behandelt, verpasst genau das, was ihn besonders macht.

Der Comer See lässt sich nicht in einem Nachmittag abhaken. Wer es versucht, sieht Bellagio, ein paar Fotos, vielleicht ein Eis. Dann fährt er zurück nach Mailand, ohne je verstanden zu haben, warum Reisende seit Jahrhunderten genau hierher zurückkommen. Der See gehört ans Boot, an den frühen Morgen, an ein Zimmer mit Blick auf Wasser statt auf einen Parkplatz.

Boarding

  • 46 Kilometer Länge, bis zu 425 Meter Tiefe: einer der tiefsten Seen Italiens, gebaut für mehrtägige Umrundungen statt Kurztrips
  • Bellagio ist die bekannteste, aber nicht die einzige Perle: Varenna, Menaggio und Tremezzo sind per Linienfähre verbunden
  • Historische Villenhotels wie Villa d’Este und Grand Hotel Tremezzo stehen seit über hundert Jahren in Familienhand

Warum das Boot der einzig richtige Zugang ist

Der See ist mit 46 Kilometern Länge, 425 Metern maximaler Tiefe und 146 Quadratkilometern Fläche einer der tiefsten und größten Voralpenseen Italiens. Diese Größe ist der Grund, warum Straßen am Ufer selten die schnellste Verbindung sind. Navigazione Laghi betreibt ein dichtes Fährnetz zwischen Dutzenden Anlegestellen, darunter Como, Bellagio, Varenna, Menaggio und Tremezzo. Wer sich auf das Bootstaxi-System einlässt, merkt schnell, dass Bellagio zwar die zentrale Perle ist, aber eben nur eine von vielen. Der östliche Arm mit Lecco und der westliche mit Cernobbio haben einen komplett eigenen Charakter, ruhiger, weniger fotografiert, genauso schön.

Villen, die zur Grand Tour gehörten, bevor der Begriff erfunden wurde

Mehrere Villen am Ufer entstanden ab dem 16. Jahrhundert und wurden erst später zu Hotels, um Reisende der klassischen Grand Tour zu beherbergen. Villa d’Este in Cernobbio ist das bekannteste Beispiel: 1568 von Pellegrino Pellegrini als Sommerresidenz für Kardinal Tolomeo Gallio erbaut, heute 151 Zimmer in zwei historischen Bauten auf einem rund zehn Hektar großen Park. Das Grand Hotel Tremezzo wirkt dagegen fast jung. Es eröffnete erst 1910, gegründet von Enea und Maria Gandola, die als Grand-Tour-Reisende selbst die besten Häuser Europas kennengelernt hatten, bevor sie ihr eigenes bauten. Bis heute ist es in Familienhand.

Neoklassizistische Villa mit Garten direkt am Comer See
Villenhotels wie Passalacqua in Moltrasio verbinden Olivenhaine und Rosengärten mit wenigen, sehr großzügigen Suiten. Foto: KI-generiert.

Kleiner, neuer, genauso ernst genommen

Nicht jedes Grand-Hotel-Erlebnis am See ist über hundert Jahre alt. Passalacqua in Moltrasio, ein 1787 erbautes neoklassizistisches Villenhotel, bietet nur 24 Suiten auf rund sieben Acres mit Olivenhainen, Rosen und Jasmin. Es gilt als eine der gefragtesten Adressen der Region. Noch jünger ist The Lake Como EDITION in Cadenabbia, eröffnet in einem restaurierten Palazzo von 1830, mit 148 Zimmern, einem privaten Steg und Restaurants von Mauro Colagreco. In der Lobby Bar glänzt eine Theke aus celadon-grünem Marmor unter einer fast fünf Meter hohen Kassettendecke, eine Raumhöhe, die man am See sonst eher aus den historischen Villen kennt als aus einem Neubau.

Wer den See nur von der Uferstraße kennt, hat ihn noch nicht wirklich gesehen.

Villa del Balbianello und die Kunst des Verzichts

Nicht jede berühmte Villa ist ein Hotel. Das ist Teil ihres Reizes. Villa del Balbianello auf der Halbinsel Lavedo bei Lenno wurde Ende des 18. Jahrhunderts aus einem Franziskanerkloster zum literarischen Rückzugsort umgebaut. Der Sammler Guido Monzino vermachte sie später der italienischen Denkmalstiftung FAI, öffentlich begehbar, aber nicht dauerhaft bewohnbar. Genau diese Unerreichbarkeit macht den Besuch zu einem bewussten Termin statt zu einer Selbstverständlichkeit. Ähnlich verhält es sich mit einigen der bekannten Privatanwesen entlang des Westufers, die man von der Fähre aus sieht, aber respektvoll unbetreten lässt.

Musik zwischen den Gärten

Wer im Sommer anreist, trifft auf ein zusätzliches Programm abseits der Architektur. Das LakeComo Music Festival läuft von Anfang Juni bis weit in den September hinein, mit Konzerten in historischen Villen, Gärten und Theatern rund um Como und die Brianza. Ein Abendkonzert im Park einer Villa, die man tagsüber nur von außen gesehen hat, verschiebt den Blick auf den Ort noch einmal deutlich.

Bootstaxi legt an einer Promenade in Bellagio am Comer See an
Das Fährnetz von Navigazione Laghi verbindet Como, Bellagio, Varenna und Menaggio, oft die schnellere Route als die Uferstraße. Foto: KI-generiert.

Wie man sich den See wirklich erschließt

Wer mehrere Tage bleibt, sollte den See in Etappen denken statt in Sehenswürdigkeiten. Ein Tag für Bellagio und die Fähre nach Varenna, ein Tag für den ruhigeren Westarm um Cernobbio und Moltrasio, ein Abend für ein Konzert oder ein Dinner am Wasser in Tremezzo. Der Lecco-Arm im Südosten, überragt vom 96 Meter hohen Glockenturm der Basilica di San Nicolò, liefert die alpinste Kulisse und die wenigsten Touristen. Genau diese Mischung aus Nähe zu Mailand und tatsächlicher Weite macht den See zu einer eigenständigen Reise, keiner Ergänzung.

Gut zu wissen

Wie kommt man am besten über den See?

Über das Fährnetz von Navigazione Laghi, das Como, Bellagio, Varenna, Menaggio und Tremezzo sowie weitere Orte verbindet. Für private Erkundungen sind Bootstaxis und gemietete Motorboote die flexiblere Alternative zur oft langsameren Uferstraße.

Ist Bellagio der einzige lohnende Ort am See?

Nein. Bellagio ist die bekannteste Perle, aber Varenna, Menaggio, Tremezzo und der ruhigere Lecco-Arm im Südosten bieten einen eigenen, weniger überlaufenen Charakter.

Was unterscheidet die historischen Villenhotels von neueren Häusern?

Häuser wie Villa d’Este oder das Grand Hotel Tremezzo bestehen seit über hundert Jahren, oft in Familienhand. Neuere Adressen wie The Lake Como EDITION setzen auf zeitgenössisches Design in restaurierten historischen Gebäuden.

Bildquelle: Titelbild und Beitragsbilder KI-generiert.

Weiterlesen

Mehr aus //TRAVEL

Albergo Diffuso: Schlafen im ganzen Dorf
//TRAVEL

Albergo Diffuso: Schlafen im ganzen Dorf

21. Juli 2026
Das Grandhotel in seiner stillsten Zeit
//TRAVEL

Das Grandhotel in seiner stillsten Zeit

12. Juli 2026
Einschlafen in Wien, aufwachen in Rom
//TRAVEL

Einschlafen in Wien, aufwachen in Rom

11. Juli 2026