//CULTUREGeschwungene Steinstufen eines antiken Amphitheaters
Antiker Stein als Zuschauerraum: die Stufen eines römischen Amphitheaters. Foto: Frans van Heerden.
20. Juni 2026

Oper in einem 2000 Jahre alten Stein

InspiredByLuxury·//CULTURE

In Verona wird jeden Sommer ein römisches Amphitheater zur größten Opernbühne unter freiem Himmel. Ein Blick auf ein Festival, das antiken Stein, Sterne und Verdi zusammenbringt.

Stell dir vor, du sitzt auf einem Stein, den vor fast zweitausend Jahren römische Hände behauen haben, während über dir der Abendhimmel dunkel wird und unten ein Orchester die ersten Takte von Verdi anstimmt. Genau das passiert in Verona, wenn die Arena zur Opernbühne wird. Kein modernes Konzerthaus kann das bieten, was dieser uralte Ort mühelos hat: die Zeit selbst als Kulisse. Kein Bühnenbild der Welt könnte diese Aura nachbauen, weil sie nicht gebaut, sondern gewachsen ist.

Prolog

  • Die Arena di Verona ist ein römisches Amphitheater aus der Mitte des 1. Jahrhunderts
  • Das diesjährige Opernfestival ist die 103. Ausgabe und läuft von Mitte Juni bis in den September
  • Eröffnet wurde es mit einer Neuinszenierung von Verdis „La Traviata“
  • Aida ist seit der ersten Festivalsaison 1913 das Signaturwerk der Arena

Ein Amphitheater, das nie in Rente ging

Die Arena di Verona ist keine Ruine, die man von hinter Absperrungen bestaunt. Sie ist eine der wenigen antiken Spielstätten, die bis heute genutzt werden. Das Amphitheater stammt aus der Mitte des 1. Jahrhunderts, hat eine ovale Grundfläche von etwa 140 mal 100 Metern, ist 31 Meter hoch und bietet rund 30.000 Plätze. Damit ist es das größte noch bespielte römische Amphitheater Italiens. Man muss sich das vor Augen halten: An diesem Ort saßen schon vor Jahrhunderten Menschen, um Schauspiele zu sehen. Heute sitzen sie dort für Verdi und Puccini. Kaum ein anderer Kulturort verbindet Vergangenheit und Gegenwart so selbstverständlich.

Sein bekanntestes Detail ist die sogenannte Ala, ein erhaltenes Stück der Außenfassade, das heute als Wahrzeichen Veronas gilt. Es überstand sogar das schwere Erdbeben von 1117. Die Fassade besteht aus behauenem Kalkstein-Bossenwerk aus der nahen Valpolicella, jenem Landstrich, der sonst für seinen Wein bekannt ist. Unter den Sommerabendhimmeln kühlt dieser Stein langsam nach. Die elliptische Steinwanne fängt Orchesterklang und Chor wie in einer offenen Resonanzkammer.

Verwitterte antike Kalksteinmauer eines Amphitheaters
Der behauene Kalkstein der Arena stammt aus der Valpolicella. Foto: Engin Akyurt.

Das älteste Opernfestival der Welt

Dass in diesem Amphitheater überhaupt Oper gespielt wird, geht auf das Jahr 1913 zurück. Damals begann mit einer Aufführung von Verdis Aida das Opernfestival, das bis heute als das weltweit älteste noch aktive gilt. Aida ist seither das Signaturwerk der Arena, das Stück, mit dem alles anfing und das in fast jeder Saison zurückkehrt. Über hundert Jahre hinweg hat sich so eine ununterbrochene Tradition gebildet, die den Sommer in Verona prägt wie kaum ein anderes Ereignis.

Das diesjährige Festival ist bereits die 103. Ausgabe. Es läuft von Mitte Juni bis in den September und umfasst rund fünfzig Abendvorstellungen, laut Veranstalter die längste Festivalgeschichte, die es in der Arena je gab. Eröffnet wurde die Saison mit einer Neuinszenierung von Verdis „La Traviata“, die erstmals mit dem Pariser Moulin Rouge zusammenarbeitet. Das Programm reicht von gleich zwei Aida-Produktionen über Nabucco und La Bohème bis zu Turandot, das in diesem Jahr das hundertjährige Jubiläum seiner Uraufführung feiert. Dazu kommen Gala-Abende wie Roberto Bolle and Friends und Konzertformate wie Carmina Burana. Es ist ein Programm, das Opernkenner ebenso anspricht wie Menschen, die einfach einen unvergesslichen Sommerabend suchen.

Kein modernes Konzerthaus kann das bieten, was dieser uralte Ort mühelos hat: die Zeit selbst als Kulisse.

Wenn der Abend zur Vorstellung wird

Ein Abend in der Arena beginnt lange vor dem ersten Ton. Rund zwei Stunden vor dem Beginn strömen die Besucher über die Piazza Bra, das Herz Veronas, während die Kassen öffnen und sich die Ränge langsam füllen. Die Opernabende starten typischerweise gegen 21.15 Uhr, wenn es dunkel genug ist, dass Bühnenlicht und Sterne miteinander konkurrieren können.

Diese späte Anfangszeit ist Teil des Zaubers. Man sitzt, während die Hitze des Tages aus dem Stein weicht. Gemeinsam mit tausenden anderen wartet man auf den Moment, in dem das Licht ausgeht. Bei Nabucco etwa kommt dann jener Chormoment, das berühmte „Va, pensiero“, in dem der ganze Ort für einen Augenblick zu verharren scheint. Tausende Menschen halten dann gemeinsam den Atem an. Der Klang steigt an den alten Steinwänden empor, als hätte die Arena selbst eine Stimme. Sollte ein Unwetter aufziehen, kann der Beginn um bis zu 150 Minuten verschoben werden, denn hier gibt es kein Dach, nur den Himmel.

Nächtliche Open-Air-Bühne mit Lichteffekten und Publikum
Die Opernabende beginnen erst, wenn der Himmel über der Arena dunkel wird. Foto: Göran Svensson.

Zwischen Volksfest und Grand Luxe

Das Schöne an der Arena ist, dass sie beide Welten zulässt. Der Eintritt beginnt bei rund 28 Euro, was einen Platz auf den antiken Steinstufen bedeutet, wo schon vor zweitausend Jahren das Publikum saß. Es ist Oper als Volksfest, zugänglich und unmittelbar, ohne Kleiderordnung und ohne Schwellenangst. Viele bringen ein kleines Kissen mit, denn der antike Stein ist hart. Genau das gehört zur Erfahrung dazu. Man sitzt, wie man vor zweitausend Jahren gesessen hätte, mit dem Rücken zur langen Geschichte und dem gespannten Blick zur Bühne. Dieser einfache, körperliche Kontakt zum antiken Stein ist am Ende mehr wert als jeder Samtsessel.

Am anderen Ende steht ein Premium-Erlebnis mit dem Namen Star Roof. Auf einer Terrasse zwischen dem ersten Ring und der Ala erwartet eine kleine Zahl von Gästen, maximal 24 pro Abend, ein Begrüßungsgetränk und ein serviertes Menü auf Drei-Sterne-Niveau, bevor es hinunter auf die besten Plätze im Parkett geht, mit Blick auf Bühne und Sterne zugleich. So spannt sich unter demselben Sternenhimmel ein Bogen vom einfachen Steinsitz bis zum kuratierten Gourmet-Abend. Beide Erlebnisse gehören zur selben Arena.

Der Weg lohnt sich

Es gibt viele Orte, an denen man gute Oper hören kann. Was Verona einzigartig macht, ist nicht allein die Musik, sondern der Rahmen. Hier verbindet sich ein perfekt erhaltenes Stück Antike mit lebendiger Gegenwartskultur, ohne dass das eine museal und das andere aufgesetzt wirkt. Der Stein trägt die Musik, die Musik füllt den Stein. Dazwischen sitzt ein Publikum aus aller Welt.

Wer einen Sommerabend in Verona plant, sollte früh kommen, auf der Piazza Bra einen Espresso trinken und den Ort auf sich wirken lassen, bevor die Ränge sich füllen. Denn das eigentliche Erlebnis ist nicht nur die Aufführung, sondern der ganze Abend, von der letzten Sonne auf dem Kalkstein bis zum Nachhall des Schlussakkords, der sich in der ovalen Wanne verliert. Manche kommen für die Musik, manche für den Ort, die meisten für beides. Und fast alle gehen mit dem Gefühl nach Hause, an etwas teilgenommen zu haben, das sich nicht wiederholen lässt.

Gut zu wissen

Wie alt ist die Arena di Verona?

Das Amphitheater stammt aus der Mitte des 1. Jahrhunderts und ist damit fast zweitausend Jahre alt. Es hat eine ovale Grundfläche von etwa 140 mal 100 Metern, ist 31 Meter hoch und ist das größte noch bespielte römische Amphitheater Italiens.

Wann beginnen die Opernabende?

Die Vorstellungen starten typischerweise gegen 21.15 Uhr, wenn es dunkel genug ist. Die Kassen öffnen rund zwei Stunden vorher, Besucher sollten also früh da sein. Bei Unwetter kann der Beginn um bis zu 150 Minuten verschoben werden, denn die Arena hat kein Dach.

Was kostet ein Platz?

Der Eintritt beginnt bei rund 28 Euro für einen Platz auf den antiken Steinstufen. Am oberen Ende steht das Premium-Angebot Star Roof mit Begrüßungsgetränk, gehobenem Menü und besten Parkettplätzen für eine sehr kleine Zahl von Gästen pro Abend.

Bildquelle: Titelbild Frans van Heerden; Beitragsbilder Engin Akyurt und Göran Svensson (Pexels).

Quellen und weiterführende Informationen: Fondazione Arena di Verona.

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