Reihen reifender Sektflaschen auf der Hefe in einem warm beleuchteten Weinkeller//TASTE
15 September 2026

Taittinger pflanzt in Kent: Warum das beste Champagner-Haus jetzt auf englische Kreide setzt

Benedikt Langer·7 Min. Lesezeit

Domaine Evremond hat den ersten Schaumwein veröffentlicht. Ein Champagner-Haus baut in England, weil dort dieselbe Kreide liegt wie zuhause. Das verändert die Landkarte.

Taittinger, eines der ältesten Häuser der Champagne, hat in Kent gepflanzt und Anfang 2025 seinen ersten englischen Schaumwein vorgestellt. Der Grund ist keine Laune, sondern Geologie: Unter Südengland liegt dieselbe Kreide wie unter der Champagne. Wer das ignoriert, verpasst die spannendste Bewegung im europäischen Schaumwein.

Quick Fitting

  • Domaine Evremond in Chilham, Kent, gehört mehrheitlich dem Champagner-Haus Taittinger, dazu der britische Importeur Hatch Mansfield um Patrick McGrath.
  • Erste Reben 2017 gepflanzt, heute rund 61 Hektar. Das Ziel sind 400.000 Flaschen pro Jahr.
  • Der erste Wein, die Classic Cuvée Edition 1, kam Ende Januar 2025 in den Handel, Basisjahrgang 2020, 12,5 Prozent, 7 Gramm Dosage, rund 58 Euro die Flasche.
  • Die Weinkellerei wurde im September 2024 von der Herzogin von Edinburgh eröffnet, das Besucherzentrum folgte im Frühjahr 2025.
  • England zählt inzwischen über 1.100 Weingüter auf rund 4.840 Hektar. Auch Pommery, Henkell Freixenet und Jackson Family Wines sind eingestiegen.

Ein Champagner-Haus zieht nach Norden

Es gibt Nachrichten, die man zweimal lesen muss. Ein Haus wie Taittinger, das seit 1734 in Reims Champagner macht, pflanzt Reben in der englischen Grafschaft Kent und bringt 2025 seinen ersten Schaumwein heraus, der nicht Champagner heißen darf, weil er nicht aus der Champagne kommt. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Markenfehler. Auf den zweiten ist es die logischste Entscheidung der letzten Jahre.

Das Projekt heißt Domaine Evremond, liegt in Chilham westlich von Canterbury und ist eine Partnerschaft. Taittinger hält den größten Anteil, dahinter steht der britische Weinimporteur Hatch Mansfield mit Patrick McGrath, einem alten Freund von Pierre-Emmanuel Taittinger. Die ersten Reben gingen 2017 in den Boden. Heute stehen dort rund 61 Hektar, und das erklärte Ziel sind 400.000 Flaschen im Jahr. Das ist kein Hobby, das ist eine Ansage. Mehr zum Thema: Vermouth im Holzfass: die andere Art, Europa zu trinken.

Es geht um die Kreide, nicht ums Klima allein

Der Reflex lautet: Klimawandel, England wird wärmer, jetzt geht dort eben auch Wein. Das stimmt, greift aber zu kurz. Die eigentliche Pointe liegt unter der Oberfläche. Der Kreidegürtel, der die Champagne prägt, taucht im Ärmelkanal ab und kommt in Südengland wieder hoch. Die South Downs und die Hügel von Kent sitzen auf demselben Gestein wie die Lagen rund um Reims und Épernay.

Kreide tut für Schaumwein zwei Dinge. Sie speichert Wasser und gibt es langsam ab, was den Reben auch in trockenen Phasen Frische erhält. Und sie gibt dem Wein diese feine, salzige Mineralität, die guten Champagner von simplem Sekt unterscheidet. Taittinger hat seinen Standort in Chilham genau wegen dieser tiefen, gut drainierenden Kreideböden und der nach Süden gerichteten Hänge gewählt. Wer in der Champagne weiß, wie wertvoll dieser Untergrund ist, sucht ihn anderswo natürlich gezielt. Mehr zum Thema: Albariño und Sauvignon Blanc – zwei Atlantik-Weine.

Ein Champagner-Haus folgt nicht dem Wetter. Es folgt dem Gestein, das es seit dreihundert Jahren kennt.

Was im ersten Wein steckt

Der erste Wein, die Classic Cuvée Edition 1, kam Ende Januar 2025 in den Handel. Er trägt die klassische Champagner-Handschrift: ein Verschnitt aus Pinot Noir, Chardonnay und Pinot Meunier, Basis ist der Jahrgang 2020 mit etwas 2019 dabei, drei Jahre auf der Hefe gereift, im August 2024 degorgiert. 12,5 Prozent Alkohol, 7 Gramm Dosage, also trocken gebaut. Der Listenpreis liegt bei umgerechnet rund 58 Euro die Flasche.

Die ersten Urteile waren freundlich bis begeistert. Anne Krebiehl, Master of Wine, vergab 93 Punkte und beschrieb den Wein als schlank, sauber und elegant, mit gut eingebundener Säure und einem salzigen Zug auf der zitrischen Frucht. Das ist genau die Sprache, die man sonst für guten Blanc de Blancs aus der Champagne reserviert. Geplant sind außerdem ein Rosé und eine Prestige-Cuvée. Edition 2 auf Basis 2021 stand schon in den Startlöchern.

Eine Eröffnung mit königlichem Segen

Dass dieses Projekt mehr ist als eine stille Investition, zeigte die Eröffnung. Im September 2024 weihte die Herzogin von Edinburgh die Weinkellerei ein, im Frühjahr 2025 öffnete das Besucherzentrum für Gäste. Ein Champagner-Haus, das in England eine gläserne Kellerei mit Cellar Door baut, denkt nicht in einem schnellen Exit. Es denkt in Generationen, so wie man es in Reims gewohnt ist.

Die Investition wird auf rund 15 Millionen Pfund taxiert. Das ist viel Geld für einen Markt, den vor zwanzig Jahren kaum jemand auf der Weinkarte ernst genommen hätte. Genau das macht den Schritt so aussagekräftig: Hier wettet kein Außenseiter, sondern ein Haus, das Schaumwein besser versteht als fast jeder andere.

Taittinger ist nicht allein

Domaine Evremond ist der sichtbarste, aber nicht der einzige Vorstoß. Das Champagner-Haus Pommery ist in England engagiert, der spanisch-deutsche Sekt-Riese Henkell Freixenet kaufte 2022 das Weingut Bolney in Sussex, und die kalifornische Jackson Family Wines hat eine eigene englische Sparte aufgebaut. Wenn drei Schwergewichte aus drei Ländern unabhängig voneinander dieselbe Insel ansteuern, ist das kein Zufall mehr, sondern ein Trend mit Kapital dahinter.

Der Rahmen passt dazu. England zählt inzwischen über 1.100 Weingüter auf rund 4.840 Hektar Rebfläche, und 2024 wurden mehr als zehn Millionen Flaschen erzeugt, der Großteil davon Schaumwein. Eine junge Branche, die schnell wächst und genau das Produkt liefert, in dem die Großen ihr Handwerk haben. Für ein Champagner-Haus ist das ein gemachtes Bett.

Warum dich das als Genießer angeht

Du musst kein Sammler sein, um aus dieser Entwicklung etwas mitzunehmen. Englischer Schaumwein aus Kreideböden bietet einen Stil, der der Champagne nahe ist, oft mit noch etwas mehr Säure und Spannung, weil das Klima kühler bleibt. Wer Blanc de Blancs liebt, findet hier eine eigene Handschrift, die nicht Kopie sein will, sondern Verwandtschaft zeigt.

Der schönste Test ist auch hier das Nebeneinander. Stell eine gute Edition aus Kent neben einen klassischen Champagner und probiere blind. Du wirst Unterschiede schmecken, in der Frucht, im Schmelz, im Nachhall. Aber du wirst auch verstehen, warum ein Haus aus Reims den Kanal überquert hat. Es ist dieselbe Kreide, dieselbe Sorgfalt, nur ein anderer Himmel darüber. Genau diese Mischung aus Vertrautheit und Eigensinn macht englischen Schaumwein gerade zum spannendsten Glas, das du dieses Jahr aufmachen kannst.

Gut zu wissen

Warum heißt der Wein von Taittinger nicht Champagner?

Weil Champagner eine geschützte Herkunftsbezeichnung ist und nur für Schaumwein aus der französischen Region Champagne gilt. Domaine Evremond steht in Kent, England, also heißt der Wein schlicht englischer Schaumwein, gemacht nach derselben Flaschengärungs-Methode.

Was kostet die erste Edition von Domaine Evremond?

Die Classic Cuvée Edition 1 kam Anfang 2025 für umgerechnet rund 58 Euro die Flasche in den Handel. Sie reifte rund drei Jahre auf der Hefe, basiert auf dem Jahrgang 2020 und ist mit 7 Gramm Dosage trocken ausgebaut.

Warum pflanzen Champagner-Häuser in England?

Vor allem wegen der Geologie. Der Kreidegürtel der Champagne setzt sich unter dem Ärmelkanal hindurch bis nach Südengland fort. Dazu kommt ein kühles Klima, das für die feine Säure von Schaumwein ideal ist. Neben Taittinger sind auch Pommery, Henkell Freixenet und Jackson Family Wines engagiert.

Wie groß ist die englische Weinbranche inzwischen?

England zählt über 1.100 Weingüter auf rund 4.840 Hektar Rebfläche. 2024 wurden mehr als zehn Millionen Flaschen erzeugt, der überwiegende Teil davon Schaumwein. Die Branche wächst seit Jahren zweistellig.

Quelle Titelbild: Pexels / Joel Zar

Weiterlesen

Mehr aus //TASTE

Warum echtes Brot drei Tage braucht
//TASTE

Warum echtes Brot drei Tage braucht

12. Juli 2026
Foie Gras ohne den Zwang
//TASTE

Foie Gras ohne den Zwang

12. Juli 2026
Vegane Rezepte: perfekte Mahlzeiten wenn es draußen immer kühler wird
//TASTE

Vegane Rezepte: perfekte Mahlzeiten wenn es draußen immer kühler wird

26. Juni 2026