//LIVINGWiener Geflecht: Warum Thonet nie aus der Mode war
Bugholzstühle auf einer Café-Terrasse: über hundert Jahre altes Design, das noch immer im täglichen Gebrauch steht. Foto: Pexels.
30. Juni 2026 // 09:15 Uhr

Wiener Geflecht: Warum Thonet nie aus der Mode war

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Sechs Holzteile, zehn Schrauben, ein Jahrhundert Kaffeehaus-Geschichte. Wie gebogenes Buchenholz zum stillen Gegenentwurf gegen austauschbares Möbeldesign wurde und warum die Manufaktur bis heute nicht museal wirkt.

Manche Möbelstücke muss man erklären. Ein Bugholzstuhl mit Wiener Geflecht erklärt sich selbst, sobald man sich hinsetzt. Das Geflecht gibt leicht nach, das gebogene Holz federt minimal mit. Irgendwo zwischen Sitzfläche und Rückenlehne stellt sich eine Frage: Warum wirken neue Stühle oft schwerer, aber weniger stabil als dieser hundertfünfundsechzig Jahre alte Entwurf?

Grundriss

  • Der als Kaffeehaus-Klassiker bekannte Bugholzstuhl wurde um 1859 für die Wiener Kaffeehaus-Kultur entworfen und besteht aus nur sechs Holzteilen und zehn Schrauben
  • Wiener Geflecht bezeichnet das handgeflochtene Sitzgeflecht aus Rattan, das den Stuhl optisch wie haptisch prägt
  • Die Manufaktur mit Sitz in Hessen fertigt bis heute klassische wie zeitgenössische Bugholz-Modelle in eigener Produktion

Ein Flatpack-Konzept vor dem Flatpack

Lange bevor Möbelhäuser das Prinzip zum Massengeschäft machten, löste ein Bugholzstuhl aus dem neunzehnten Jahrhundert bereits das Problem, das jede Möbelversandfirma bis heute beschäftigt: Wie transportiert man ein Sitzmöbel effizient über weite Strecken? Der Stuhl besteht aus nur sechs Holzteilen und zehn Schrauben und konnte zerlegt und platzsparend versendet werden, ein frühes Flatpack-Konzept, entstanden für die Wiener Kaffeehaus-Kultur um 1859.

Diese Reduktion auf sechs Teile ist keine Sparmaßnahme, sondern eine Konstruktionsleistung. Jedes Teil muss mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen, tragen, federn, verbinden, ohne dass die Form darunter leidet. Genau diese Disziplin unterscheidet den Entwurf von späteren Nachahmungen, die zwar ähnlich aussehen, aber selten dieselbe strukturelle Klarheit erreichen.

Handwerker bearbeitet Holz mit Hobel in der Werkstatt
Sechs Teile, zehn Schrauben, aber jeder Handgriff in der Werkstatt zählt einzeln. Foto: Pexels / Ksenia Chernaya.

Wie Buche zur Kurve wird

Das Bugholz-Verfahren basiert auf dem Dämpfen und Biegen von Holzstäben, historisch aus Buche, in Metallformen. Die gebogenen Elemente werden verleimt und geben dem Möbel seine charakteristische leichte, elastische Silhouette. In der Manufaktur wird das Holz unter Dampf in Stahlformen gebogen, es riecht dabei warm und leicht feucht. Die entstehenden Bögen wirken wie eine einzige geschwungene Linie, obwohl sie tatsächlich aus verleimten Schichten bestehen.

Diese Technik erklärt, warum ein Bugholzstuhl leichter aussieht, als er ist, aber trotzdem stabil bleibt. Massives, gerade gesägtes Holz müsste für dieselbe Stabilität deutlich dicker sein. Die gebogene Form verteilt Kräfte anders, entlang der Faser statt quer dazu, ein struktureller Vorteil, den man dem fertigen Stuhl nicht ansieht.

Das Geflecht, das mitatmet

Wiener Geflecht bezeichnet das handgeflochtene Sitzgeflecht aus Rattan, das bei Bugholz-Klassikern typischerweise in aufwendigen Mustern von Hand gefertigt wird und den Stuhl optisch wie haptisch prägt. Wenn man sich auf frisch geflochtenes Wiener Geflecht setzt, gibt das Rohr unter dem Gewicht ein leises, fedriges Knarren. Die offene Webung lässt Luft durch die Sitzfläche zirkulieren, was Kaffeehäusern ihren leichten, unaufdringlichen Sitzkomfort verlieh.

Wiener Geflecht Muster in Nahaufnahme
Sechseckiges Rattan-Geflecht, von Hand geknüpft: das Muster, das jeden Bugholzstuhl sofort erkennbar macht. Foto: Pexels.

Dieses Detail wird oft übersehen, ist aber der eigentliche Komfort-Trick des Entwurfs. Ein gepolsterter Stuhl isoliert, ein Geflecht-Stuhl belüftet.

In vollen, warmen Kaffeehäusern des neunzehnten Jahrhunderts war das kein Nebeneffekt, sondern eine praktische Notwendigkeit, die bis heute funktioniert, auch wenn kaum jemand mehr stundenlang im Kaffeehaus sitzt wie damals.

Ein Geflecht-Stuhl isoliert nicht. Er belüftet. Genau deshalb hält man es dort länger aus als auf jedem gepolsterten Sessel.

Museal ist das Gegenteil des Ziels

Vitra führt Bugholz-Designklassiker im eigenen Programm und positioniert sie ausdrücklich als Pionierleistung des Möbelbaus, verankert im internationalen Design-Handel, nicht nur als Historie in einem Museum. Auch das Vitra Design Museum in Weil am Rhein dokumentiert Bugholz im Kontext moderner Möbelgeschichte, mit einer klaren Einordnung: Gegenentwurf zu kurzlebiger Massenware, nicht Reliquie.

Genau dieser Unterschied zählt. Ein Museumsobjekt wird angeschaut. Ein Bugholzstuhl wird benutzt, jeden Tag, in Kaffeehäusern, Wohnzimmern und Restaurants weltweit. Die Manufaktur in Frankenberg, Hessen, baut bis heute sowohl den Nr.-14-Kanon als auch zeitgenössische Kollektionen und Designerkooperationen, ein Zeichen dafür, dass hier eine lebendige Werkstatt arbeitet, kein reines Archiv.

Made in Germany, gedacht in Wien

Die Geschichte des Unternehmens beginnt 1836 in Boppard am Rhein, verlagert sich im Lauf des neunzehnten Jahrhunderts nach Wien und schließlich in die heutige Fertigung in Frankenberg. Diese Wanderung durch drei Orte spiegelt sich bis heute in der Marke: der Name bleibt mit Wien verbunden, obwohl die eigentliche Produktion längst in Deutschland liegt. Klassiker wie zeitgenössische Modelle entstehen aus Massivholz und traditionellen Fertigungsschritten, Biegen, Schleifen, Lackieren, Geflecht, in eigener Werkstatt.

Diese Herkunftsgeschichte ist kein Marketingzusatz, sondern erklärt, warum das Produkt so aussieht, wie es aussieht. Eine Wiener Kaffeehauskultur, die leichte, stapelbare Sitzmöbel brauchte, traf auf eine deutsche Handwerkstradition, die diese Anforderung technisch lösen konnte. Beides zusammen ergab einen Entwurf, der beide Herkünfte in sich trägt.

Was an einem alten Stuhl heute noch überzeugt

Der Kaffeehaus-Klassiker bleibt in Gastronomie und Wohnkultur ein Evergreen, weil seine Kombination aus filigraner Bugholz-Rückenlehne, runder Sitzform und hellem Geflecht in Kaffeehäusern wie in Premium-Interieurs weltweit wiedererkennbar bleibt. Das ist selten in einer Branche, die sonst von Saisontrends lebt. Ein Möbelstück, das seit über hundertfünfzig Jahren im Wesentlichen unverändert produziert wird, muss etwas richtig gemacht haben, das keine Designsprache der Zwischenzeit ersetzen konnte.

Wer heute einen solchen Stuhl kauft, kauft keine Nostalgie. Er kauft eine Konstruktionslösung, die zufällig auch schön aussieht und noch funktioniert, wenn der aktuelle Trendstuhl längst im Sperrmüll steht.

Kurz geklärt

Was macht den Bugholzstuhl konstruktiv besonders?

Er besteht aus nur sechs Holzteilen und zehn Schrauben, ein frühes Flatpack-Konzept aus der Zeit um 1859. Das Bugholz-Verfahren, gedämpftes und in Metallformen gebogenes Holz, verleiht ihm eine leichte, elastische Form bei hoher Stabilität.

Was ist Wiener Geflecht genau?

Wiener Geflecht bezeichnet das handgeflochtene Sitzgeflecht aus Rattan, das bei Bugholz-Klassikern in aufwendigen Mustern gefertigt wird. Es belüftet die Sitzfläche und macht ein Sitzmöbel über lange Zeit angenehm, ohne zu polstern.

Wo wird die Manufaktur heute betrieben?

Die Fertigung liegt heute in Frankenberg, Hessen. Von dort aus entstehen sowohl klassische Modelle als auch zeitgenössische Kollektionen und Designerkooperationen in traditioneller Handarbeit.

Bildquelle: Titelbild und Beitragsbilder Pexels.

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