Das Restaurant Tantris in München bei Abenddämmerung: der denkmalgeschützte Bau von Justus Dahinden, warm beleuchtet, mit den Fabeltier-Skulpturen am Eingang//TASTE
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Restaurant
02 Juni 2026

Der Tempel in Orange

Jakob Bach·8 Min. Lesezeit

Seit 1971 steht im Münchner Norden ein Restaurant, das aussieht wie ein Raumschiff aus einem schöneren Jahrzehnt und das vier Ausnahmeköche hervorgebracht hat. Eine Annäherung ans Tantris. Und an die Frage, warum ein Haus mit so viel Vergangenheit ausgerechnet jetzt wieder so lebendig wirkt.

Du betrittst kein Restaurant, du betrittst eine Überzeugung. Die Tür gibt nach, der Münchner Vorstadtlärm fällt ab, und über dir hängen sie: Halbkugeln aus orangefarbenem Kunststoff, die ein Licht werfen, das es so seit fünfzig Jahren nirgends sonst gibt. Lobsterrot an den Wänden, Trüffelschwarz an den Sesseln aus schwerem Leder. Es riecht nach Bienenwachs und nach etwas, das gleich aus der Küche kommt. Du bist im Tantris, und du bist im Jahr 1971. Und das ist kein Vorwurf, das ist das Beste daran.

Quick Fitting

  • Das Tantris in der Johann-Fichte-Straße im Stadtteil Schwabing-Freimann eröffnete am 2. Dezember 1971 und sieht innen bis heute aus wie damals: lobsterrot, trüffelschwarz, mit den ikonischen orangefarbenen Kugellampen.
  • Der Bau des Schweizer Architekten Justus Dahinden steht seit 2012 unter Denkmalschutz und gilt als eines der herausragenden Zeugnisse der Nachkriegsarchitektur in München.
  • Vier Köche schrieben hier Geschichte: Eckart Witzigmann, Heinz Winkler, Hans Haas und heute Benjamin Chmura, der das Restaurant Tantris mit zwei Michelin-Sternen führt.
  • Seit dem Umbau 2021 ist das Haus ein „Maison Culinaire“ mit mehreren Konzepten unter einem Dach: das Restaurant Tantris, das à-la-carte-Lokal Tantris DNA und die Bar Tantris.

Die meisten Spitzenrestaurants altern wie ein Anzug, der aus der Mode kommt. Sie werden renoviert, entkernt, in Greige getaucht, bis sie aussehen wie jedes andere teure Lokal von Kopenhagen bis Singapur. Das Tantris hat sich geweigert. Es ist seinem Jahrzehnt treu geblieben, mit einer Sturheit, die man erst Mut nennen muss und dann Größe. Und genau darin liegt die Geschichte, die dieses Haus heute wieder so interessant macht.

Ein Bauunternehmer baut sich ein Restaurant

Am Anfang stand kein Koch, sondern ein Mann mit einer Idee, die in München damals niemand hatte. Fritz Eichbauer, Münchner Bauunternehmer, wollte ein Spitzenrestaurant, nicht als Geschäft, sondern als Haltung. Ein Jahr vor den Olympischen Spielen, im Dezember 1971, eröffnete er an der Johann-Fichte-Straße ein Haus, das mit der bürgerlichen Gemütlichkeit der bayerischen Gastronomie so wenig zu tun hatte wie ein Raumschiff mit einer Bushaltestelle.

Beauftragt hatte er den Schweizer Architekten Justus Dahinden. Was der ablieferte, war eine fast sakrale Architektur aus Sichtbeton, mit steil ansteigenden Wänden, die sich zur Mitte hin auftürmen: ein Tempel der Sinne, nicht der Andacht. Heute steht der Bau unter Denkmalschutz und gilt als eines der wichtigsten Zeugnisse der Münchner Nachkriegsmoderne. Damals dürfte er auf manchen gewirkt haben wie eine Provokation in Beton.

Der Name selbst ist ein Versprechen. Tantris ist das Anagramm aus Tristan, dem Liebenden aus der Sage, ein Hinweis darauf, dass es hier um mehr gehen sollte als um Sättigung. Es ging um Hingabe.

Fein angerichteter Gourmet-Teller mit Filet, Frühlingsgemüse und Jus auf weißem Porzellan
Präzision als Sprache: In dieser Liga wird ein Teller nicht dekoriert, er wird komponiert. Stimmungsbild. Bild: Pexels / Rene Terp.

Die Köche, die hier Geschichte schrieben

Eichbauer holte sich auf Empfehlung des elsässischen Meisters Paul Haeberlin einen jungen, noch unbekannten Österreicher: Eckart Witzigmann. Es war eine der folgenreichsten Personalentscheidungen der deutschen Gastronomiegeschichte. Witzigmann brachte dem Tantris seine ersten Michelin-Sterne und wurde später, in seinem eigenen Münchner Lokal Aubergine, zum ersten deutschsprachigen Drei-Sterne-Koch und zum einzigen, den der Gault-Millau je zum „Koch des Jahrhunderts“ kürte. Das Tantris war seine Bühne, bevor er selbst zur Legende wurde.

1978 übernahm Heinz Winkler die Küche und kochte das Tantris 1981 auf drei Michelin-Sterne, als erst zweites Restaurant Deutschlands überhaupt. Damals war Winkler einer der jüngsten Drei-Sterne-Köche der Welt. Nach ihm prägte Hans Haas, ein Tiroler von stiller Konsequenz, das Haus über Jahrzehnte und hielt zwei Sterne mit einer Verlässlichkeit, die in der nervösen Sterneszene fast aus der Zeit gefallen wirkte.

Es ist eine Ahnenreihe, die ihresgleichen sucht. Kaum ein Restaurant in Europa kann auf eine derart dichte Folge prägender Köche verweisen, und kaum eines hat diese Geschichte so wenig zur Reliquie erstarren lassen.

Wahre Gastronomie ist etwas, das aus dem Herzen kommen muss und weniger aus dem Kopf.— Felix Eichbauer, Inhaber des Tantris

Das Interieur, das niemand anrühren durfte

Wer heute zum ersten Mal hineingeht, braucht einen Moment. Die Augen müssen sich gewöhnen an das warme, gedämpfte Licht der orangefarbenen Lampen, an das Rot der Wände, an die schwarzen Ledersessel, in die man sinkt wie in eine Verabredung mit dem Genuss. Es ist eine Farbwelt, die in keinem Designhandbuch von heute mehr vorkommt. Und genau das ist der Punkt.

Bei der Restaurierung Anfang der 2000er-Jahre durch den Architekten Stephan Braunfels ging es nicht ums Modernisieren, sondern ums Bewahren. Die Teppiche wurden in der Schweiz originalgetreu nachgewebt, die markanten orangefarbenen Lampenschirme nach dem Original aus den siebziger Jahren in Italien nachgefertigt. Man hat nicht aufgeräumt. Man hat konserviert, was die meisten längst weggeworfen hätten.

Das ist eine Wette gegen den Zeitgeist, und sie geht auf. Denn während sich der globale Fine-Dining-Look immer ähnlicher wird, wirkt das Tantris heute wie das genaue Gegenteil von austauschbar. Es ist unverwechselbar, weil es sich nie verbiegen ließ. Du sitzt nicht in einem Restaurant von 2026, das so tut, als sei es zeitlos. Du sitzt in einem echten Stück 1971, und das trägt weiter als jede Nachahmung des Zeitlosen.

Elegant gedeckter Tisch in einem warm beleuchteten Speiseraum bei Kerzenlicht, gedämpfte Atmosphäre
Würde ohne Staub: gedämpftes Licht, schweres Gedeck, ein Raum, der zur Verabredung mit dem Genuss wird. Stimmungsbild. Bild: Pexels / Jonathan Borba.

Maison Culinaire: die Wiedergeburt

2021 wagte das Haus den vielleicht mutigsten Schritt seiner jüngeren Geschichte. Aus dem einen Tantris wurde ein „Maison Culinaire“, ein Genießerhaus mit mehreren Konzepten unter einem Dach. Das Restaurant Tantris für die große, klassische Linie. Das Tantris DNA als beweglicheres, à la carte geführtes Lokal. Und die Bar Tantris, für die Stunde davor oder danach. Ein Restaurant öffnete sich, ohne sich aufzugeben.

In der Küche steht heute Benjamin Chmura, der seit Oktober 2021 die kulinarische Verantwortung trägt. Im Frühjahr 2022 erkochte er dem Restaurant Tantris zwei Michelin-Sterne, der erste Beleg, dass der Umbau nicht nur Geste war. Chmura, ausgebildet unter anderem am renommierten Institut Paul Bocuse in Lyon, verbindet die französische Schule mit der Disziplin, die dieses Haus seit Witzigmann verlangt. Das Tantris DNA wiederum hat seinen eigenen Stern und seine eigene, lockerere Tonart.

Im Frühjahr 2026 ordnete sich auch die Führung des Hauses neu: Sabine Eichbauer übernahm, in der Tradition des familiengeführten Betriebs, die Geschäftsführung und damit die Verantwortung für ein Erbe, das nun in der dritten Generation der Familie liegt. Ein Haus, das sich bewegt, ohne seine Wurzeln zu kappen.

1971
Eröffnung am 2. Dezember, ein Jahr vor den Münchner Olympischen Spielen
2
Michelin-Sterne für das Restaurant Tantris unter Benjamin Chmura (Stand 2026)
2012
Seit diesem Jahr steht der Dahinden-Bau unter Denkmalschutz

Warum es sich heute lohnt

Es gibt in München glanzvollere Adressen, kühlere, modischere. Es gibt Häuser, die schneller auf der Höhe des nächsten Trends sind. Keines aber hat diese Tiefe der Herkunft. Wenn du im Tantris sitzt, isst du nicht nur ein Menü. Du sitzt in einem Raum, in dem Witzigmann seine ersten Sterne erkochte, in dem fünfzig Jahre deutsche Gastronomiegeschichte verhandelt wurden, und der trotzdem nicht museal wirkt. Das ist eine seltene Kombination: Würde ohne Staub.

Ehrlich bleibt: Ein Abend hier ist eine Investition, und die orangefarbene Wucht der siebziger Jahre ist nicht jedermanns Geschmack. Wer es minimalistisch mag, wer das nordische Understatement liebt, wird sich hier vielleicht überfordert fühlen. Das Tantris ist laut in seiner Gestaltung und leise in allem anderen. Es verlangt, dass du dich auf ein Jahrzehnt einlässt, das nicht deines ist.

Aber wer das tut, bekommt etwas, das die meisten Restaurants verlernt haben: einen Abend, den man mit keinem anderen verwechselt. In einer Stadt, die ihre besten Häuser oft glattschleift, bis sie funkeln wie überall, ist das Tantris ein Bekenntnis. Es behauptet nicht, zeitlos zu sein. Es ist einfach es selbst geblieben, und das ist, fünf Jahrzehnte später, das Modernste, was ein Restaurant sein kann.

Gut zu wissen

AdresseJohann-Fichte-Straße 7, 80805 München (Schwabing-Freimann), im Norden der Stadt.
KonzeptTantris Maison Culinaire: Restaurant Tantris (klassisch, Menü), Tantris DNA (à la carte) und Bar Tantris.
KücheRestaurant Tantris unter Benjamin Chmura, zwei Michelin-Sterne (Stand 2026); Tantris DNA mit eigenem Stern.
ArchitekturBau von Justus Dahinden (1971), seit 2012 denkmalgeschützt; Restaurierung durch Stephan Braunfels.
Erbegegründet von Fritz Eichbauer; Kochlegenden Eckart Witzigmann, Heinz Winkler und Hans Haas prägten das Haus.

Vielleicht ist das die wahre Lektion dieses Hauses. Mode kommt und geht, der Greige-Look von heute ist der vergessene Look von morgen. Was bleibt, ist das, was den Mut hatte, sich selbst zu sein. Wenn du das nächste Mal durch den Münchner Norden fährst, dann weißt du jetzt, dass dort hinter Sichtbeton ein orangefarbenes Licht brennt, seit über fünfzig Jahren, und dass es nicht aufhört zu leuchten, nur weil sich der Geschmack der Zeit verändert hat. Manche Dinge muss man nicht neu erfinden. Man muss sie nur halten.

Die Details

Wo genau liegt das Tantris?

In der Johann-Fichte-Straße 7, 80805 München, im Stadtteil Schwabing-Freimann im Norden der Stadt. Der denkmalgeschützte Bau von Justus Dahinden stammt aus dem Jahr 1971.

Wie viele Michelin-Sterne hat das Tantris?

Das Restaurant Tantris hält unter Küchenchef Benjamin Chmura zwei Michelin-Sterne (Stand 2026), das separate Lokal Tantris DNA im selben Haus einen weiteren Stern.

Was ist das Besondere an der Einrichtung?

Das Interieur ist im Originalstil der frühen siebziger Jahre erhalten: lobsterrote Wände, schwarze Ledersessel und die ikonischen orangefarbenen Kugellampen. Bei der Restaurierung wurden Teppiche und Lampen originalgetreu nachgefertigt statt modernisiert.

Welche berühmten Köche kochten hier?

Eckart Witzigmann eröffnete die Küche 1971, Heinz Winkler erkochte 1981 drei Sterne, danach prägte Hans Haas das Haus über Jahrzehnte. Heute führt Benjamin Chmura das Restaurant Tantris.

Bildmaterial dieser Geschichte: Titelbild zeigt das reale Tantris; die beiden Innenmotive sind Stimmungsbilder via Pexels. Quelle Titelbild: Wikimedia Commons / Oliver Raupach, CC BY 2.5. Fakten u. a. nach Angaben des Hauses (tantris.de), Guide Michelin, münchen.travel, MünchenWiki und HOGAPAGE.

Jakob Bach schreibt für InspiredByLuxury über das, was sich lohnt, und über das, was bleibt. Diese Annäherung ist eine persönliche Position, kein Restaurantführer. Reservieren muss man trotzdem selbst.

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