Die Weinberge von Chassagne-Montrachet mit dem Dorf am Fuß der Côte de Beaune//TASTE
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Wein
02 Juni 2026

Das Beste aus dem Montrachet

Jakob Bach·8 Min. Lesezeit

In Chassagne-Montrachet macht eine Familie seit 1920 Chardonnay, der nach seinem Hang schmeckt. Ihr Herzstück liegt in einer Lage, die als die berühmteste Weißweinlage der Welt gilt — und von der ihnen kaum mehr gehört als eine Handvoll Reben. Über die Weine von Guy Amiot, und warum gerade das Kleinste vom Größten erzählt.

Es gibt im Burgund einen Hang, der so unscheinbar aussieht, dass man dreimal vorbeifahren würde, wüsste man nicht, was unter ihm liegt. Ein flacher Buckel zwischen Puligny und Chassagne, knapp acht Hektar, von einer Mauer halb umfasst, im Sommer staubig, im Herbst golden. Auf dem Schild steht ein Wort, das Weinsammler in eine andere Atemfrequenz versetzt: Montrachet. Und an einem Streifen dieses Hangs, schmaler als ein Tennisplatz, stehen die Reben einer Familie, die hier seit über hundert Jahren nichts anderes herstellt, als Chardonnay.

Quick Fitting

  • Domaine Guy Amiot et Fils in Chassagne-Montrachet wird seit 1920 von einer Familie geführt — heute in vierter und fünfter Generation, der Winzer Thierry Amiot mit seinem Bruder Fabrice und Thierrys Tochter Héloïse.
  • Das Herzstück ist eine winzige Parzelle im Grand Cru Le Montrachet, rund neun Ar groß. Daraus entstehen in einem normalen Jahr nur etwa zwei Fässer — ein paar Hundert Flaschen.
  • Die Stärke des Hauses liegt aber in den Premiers Crus von Chassagne-Montrachet — Les Caillerets, Les Vergers, Les Chaumées — plus der raren Puligny-Lage Les Demoiselles, gleich neben dem Montrachet.
  • Der Stil: Chardonnay, im Holzfass vergoren, lange auf der Hefe, mit Bâtonnage und spontaner malolaktischer Gärung. Lagentreue statt Eichen-Effekt. Weine, die nach Stein schmecken und auf Jahre angelegt sind.

Die Familie heißt Amiot. Die Domaine, in Chassagne-Montrachet, trägt heute den Namen Guy Amiot et Fils. Und sie ist einer der Gründe, warum dieser Flecken Erde im Gespräch unter Weintrinkern dieselbe Ehrfurcht auslöst wie ein großes Bauwerk oder ein altes Gemälde. Der Montrachet gilt vielen als die größte Weißweinlage der Welt — eine Einschätzung, die man teilen oder bestreiten kann, die aber seit Generationen kaum jemand belächelt.

Was diese Weine besonders macht, ist nicht der Lärm um sie, sondern die Stille darunter. Bei Amiot wird wenig geredet und viel gewartet.

Hundert Jahre auf einem Hügel

Die Geschichte beginnt 1920. Arsène Amiot legt mit seiner Frau Flavie den Grundstein, ein kleiner Betrieb, ein paar Parzellen, der Boden der Côte de Beaune unter den Füßen. Der Sohn Pierre übernimmt, dann der Enkel Guy, dessen Name bis heute auf dem Etikett steht. Seit den frühen Neunzigern führt Thierry Amiot den Keller — der Winzer, die Hand am Wein. Sein Bruder Fabrice kümmert sich um Markt und Vertrieb. Und Héloïse, Thierrys Tochter, ist bereits in den Reben, sie schreibt das nächste Kapitel.

Heute umfasst die Domaine knapp zehn Hektar, verteilt über Chassagne, Puligny, Saint-Aubin und Santenay. Das klingt nach wenig, und in absoluten Zahlen ist es das auch. Aber in Burgund zählt nicht die Fläche, sondern wo sie liegt. Ein Hektar an der falschen Stelle ist Tafelwein. Ein paar Ar an der richtigen sind Legende. Amiot besitzt von beidem etwas — und vom Teuersten am wenigsten.

Neun Ar im Allerheiligsten

Der Montrachet-Anteil der Familie misst rund neun Ar — neunhundert Quadratmeter, ein Stück Land, kaum größer als drei Tennisplätze. Dieser Streifen hat eine eigene Geschichte. Er lag im Sektor, der früher Dent de Chien hieß, der Hundezahn, und erst mit der Festlegung der Appellation in den Grand Cru Montrachet aufgenommen wurde. Heute ist es schlicht Montrachet, ohne Zusatz, das oberste Stockwerk, das es im weißen Burgund gibt.

Aus diesen neun Ar wird in einem durchschnittlichen Jahr ungefähr so viel Wein, dass er in zwei Fässer passt. Zwei Fässer, das sind grob sechshundert Flaschen für die ganze Welt. Manche Jahrgänge fallen kleiner aus. Diese Knappheit ist kein Marketingtrick, sondern Arithmetik: kleiner Hang, alte Reben, niedriger Ertrag, weil ein Berg wie dieser nicht für die Menge gemacht ist.

Genau hier liegt das Missverständnis, dem viele aufsitzen. Sie jagen die zwei Fässer Montrachet und übersehen, dass die eigentliche Visitenkarte des Hauses ein Stockwerk tiefer steht — in den Premiers Crus, die mehr verfügbar, deutlich bezahlbarer und oft die ehrlichere Geschichte sind.

Ein Hektar an der falschen Stelle ist Tafelwein. Ein paar Ar an der richtigen sind Legende. Amiot besitzt von beidem etwas — und vom Teuersten am wenigsten.— Über die Geometrie des Burgund

Reihen heller Eichenfässer in einem warm beleuchteten Weinkeller
Im Holzfass vergoren, lange auf der Hefe, der Ausbau bei den großen Cuvées über fast zwei Jahre: Bei Amiot reift der Wein in seinem eigenen Takt. Bild: Wikimedia Commons / Dennis G. Jarvis, CC BY-SA 2.0. (Stimmungsbild aus einem Fasskeller, kein Beleg der realen Domaine.)

Die Lagen, in denen das Haus zu Hause ist

Chassagne-Montrachet ist Amiots Heimatadresse, und die Premiers Crus dort sind das Rückgrat. Les Caillerets zuerst — der Name kommt von den caillots, den Kieselsteinen, die hier den Boden bilden. Die Parzelle der Familie liegt bei rund zwei Drittel eines Hektars, südostexponiert, auf Lehm und Kalk, die Reben um die siebzig Jahre alt. Steiler Hang, magerer Boden: Die Rebe hat, wie es die Domaine selbst beschreibt, keine andere Wahl, als wenig zu tragen und es gut zu tun. Aus karger Erde kommt Konzentration.

Daneben Les Vergers, die Obstgärten, etwas weicher, runder, mit gut einem halben Hektar. Und Les Chaumées, höher gelegen, kühler, mit einer Spur mehr Spannung in der Säure. Wer die drei nebeneinander probiert, lernt mehr über Terroir als aus jedem Lehrbuch: gleicher Winzer, gleicher Keller, gleiches Jahr — und drei Weine, die sich erkennbar unterscheiden, weil drei verschiedene Böden sprechen.

Dazu kommt eine Rarität aus dem Nachbardorf: Puligny-Montrachet Les Demoiselles, ein winziger, hochfeiner Zipfel der Puligny-Caillerets, direkt neben dem Montrachet selbst. Ein Wein mit aristokratischer Zurückhaltung, der erst nach Jahren ganz zu sich kommt. Rot gibt es bei Amiot auch — Chassagne ist eines der wenigen Dörfer, das ernsthaften roten Pinot neben dem weißen Chardonnay kennt, etwa aus Clos Saint-Jean und La Maltroie. Aber das Herz dieses Hauses schlägt weiß.

Die Schlüssel-Lagen

Le Montrachet Grand Crurund 0,09 ha, im früheren Sektor Dent de Chien; etwa zwei Fässer pro Jahr.
Chassagne-Montrachet 1er Cru Les Cailleretsca. 0,66 ha, Südost, Lehm und Kalk, Reben um 70 Jahre.
Chassagne-Montrachet 1er Cru Les Vergersca. 0,55 ha, runder und zugänglicher im Stil.
Chassagne-Montrachet 1er Cru Les Chauméeshöher gelegen, kühler, mit straffer Säure.
Puligny-Montrachet 1er Cru Les DemoisellesMikro-Parzelle direkt neben dem Montrachet, sehr fein.

Was im Keller passiert

Der Stil bei Amiot ist klassisch im besten Sinn, und er ist über die Jahre eher leiser geworden. Die Trauben werden von Hand gelesen, der Most vergärt im französischen Eichenfass. Während des Ausbaus rührt man die Feinhefe auf — Bâtonnage, jenes Aufwirbeln des Depots am Fassboden, das dem Wein Textur und einen Anklang von Brioche und Haselnuss gibt, ohne ihn fett zu machen. Die malolaktische Gärung, die scharfe Apfelsäure in weichere Milchsäure verwandelt, läuft spontan, bei Kellertemperatur, ohne Eile.

Entscheidend ist die Zeit. Der Ausbau der großen Cuvées dauert inzwischen knapp zwei Jahre — länger als bei vielen Nachbarn. Holz ist Werkzeug, nicht Statement: Wer bei Amiot die frische Eiche sucht, die alles übertüncht, sucht vergebens. Der Wein soll nach dem Hang schmecken, nicht nach dem Fass. Das ist eine Haltung, keine Mode. Und sie erklärt, warum diese Weißweine jung oft fast spröde wirken und erst nach fünf, acht, manchmal zehn Jahren ihre ganze Karte ausspielen.

Weißwein wird ins Glas gegossen, im Freien bei weichem Licht
Im Glas: blasses Goldgelb, kein Pomp. Erst mit Luft kommen Zitrusöl, Stein und ein Hauch Haselnuss — Weine, die man kühl, aber nicht eiskalt trinken sollte. Bild: Wikimedia Commons / Shixart1985, CC BY 2.0. (Stimmungsbild, kein Beleg der realen Domaine.)

Warum diese Weine besonders sind

Es gibt im weißen Burgund Häuser, die lauter sind, teurer, gefeierter. Was Amiot besonders macht, ist eine seltene Kombination: ein Fuß im Allerheiligsten, der Montrachet, und ein ganzes Bein in Lagen, die man tatsächlich öffnen und trinken kann, ohne ein Vermögen zu riskieren. Die Premiers Crus von Chassagne sind hier kein Beifang neben dem Grand Cru, sie sind das Werk.

Dazu kommt die Kontinuität. Hundert Jahre, dieselbe Familie, dieselben Reben, ein Übergang von Generation zu Generation ohne Bruch. In einer Region, in der Parzellen alle paar Jahrzehnte zwischen Erben und Investoren wechseln, ist das ein Wert an sich. Wer einen Amiot trinkt, trinkt nicht das Produkt einer Saison, sondern die Summe von Entscheidungen, die über vier Generationen getroffen wurden — welche Rebe bleibt, welches Fass, welcher Augenblick zur Lese.

Ein nüchternes Wort gehört dazu. Burgund ist teuer geworden, und gerade die kleinsten, raresten Cuvées spielen in einer Liga, in der Preis und Trinkfreude auseinanderdriften. Der Montrachet von Amiot ist ein Sammlerstück, kaum eine Flasche fürs Abendessen. Die Wahrheit über den Wert dieses Hauses steht woanders: in einem reifen Caillerets oder Vergers, der einen Bruchteil kostet und neunzig Prozent der Geschichte erzählt. Dort, nicht in der Vitrine, lernt man, was diese Familie kann.

1920
Gründungsjahr der Domaine durch Arsène Amiot in Chassagne-Montrachet
~10 ha
Rebfläche heute, verteilt über Chassagne, Puligny, Saint-Aubin und Santenay
~2
Fässer Montrachet in einem normalen Jahr — kaum mehr als ein paar Hundert Flaschen

Wenn du also je vor einem Regal mit dem Namen Amiot stehst, lass dich nicht von der Jagd nach dem Unbezahlbaren in die Irre führen. Greif zum Premier Cru, leg ihn ein paar Jahre weg, und öffne ihn an einem Abend, an dem du Zeit hast. Lass ihn atmen. Was dann aus dem Glas steigt — warmer Stein, Zitrusschale, eine ferne geröstete Haselnuss — ist kein Zufall. Es ist ein Hügel im Burgund, der über hundert Jahre gelernt hat, sich selbst zu erzählen, und eine Familie, die ihm nur zuhört.

Die Details

Was ist der Montrachet, und warum gilt er als so groß?

Der Montrachet ist ein Grand-Cru-Weinberg auf der Grenze zwischen den Dörfern Chassagne-Montrachet und Puligny-Montrachet im Burgund. Auf rund acht Hektar wächst ausschließlich Chardonnay. Lage, Boden und Exposition gelten vielen Kennern als die ideale Kombination für trockenen Weißwein — weshalb der Montrachet oft als die größte Weißweinlage der Welt bezeichnet wird.

Wie groß ist der Montrachet-Anteil von Guy Amiot?

Rund neun Ar, also etwa neunhundert Quadratmeter, im Sektor, der früher Dent de Chien hieß. Daraus entstehen in einem normalen Jahr ungefähr zwei Fässer — eine sehr kleine Menge, die den Wein selten und entsprechend teuer macht.

Welcher Wein lohnt sich, wenn der Montrachet zu rar ist?

Die Premiers Crus von Chassagne-Montrachet — vor allem Les Caillerets und Les Vergers — sowie die Puligny-Lage Les Demoiselles. Sie kosten einen Bruchteil des Grand Cru, sind besser verfügbar und zeigen den Stil des Hauses sehr klar. Ein paar Jahre Reife tun ihnen gut.

Wie schmeckt der Stil von Amiot?

Trocken, mit klarer Säure, eher zurückhaltend als üppig. Im Holzfass vergoren und lange auf der Hefe ausgebaut, mit Bâtonnage, aber ohne dominante Eiche. Junge Jahrgänge wirken oft straff; mit ein paar Jahren entfalten sich Zitrus, Stein, Haselnuss und eine cremige Textur.

Quellen Faktenlage: Domaine Guy Amiot et Fils (Eigendarstellung), Jasper Morris „Inside Burgundy“. Quelle Titelbild: Wikimedia Commons / Benjamin Smith, CC BY-SA 4.0.

Jakob Bach schreibt für InspiredByLuxury über das, was sich lohnt — und über das, was bleibt. Diese Kolumne ist eine persönliche Position, kein Werbetext. Empfehlungen entstehen aus Neugier, nicht aus Auftrag.

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