Sichtbeton braucht kein Licht von der Decke, er trägt es selbst
Sichtbeton und Licht gehören in die Schalung, nicht hinterher. Über Lichtvouten, eingelassene Linien und Beton, der durch optische Fasern selbst leuchtet.
//LIVINGSichtbeton und Licht gehören in die Schalung, nicht hinterher. Über Lichtvouten, eingelassene Linien und Beton, der durch optische Fasern selbst leuchtet.
Eine Sichtbetonwand verträgt keine nachträgliche Beleuchtung. Ein Strahler, der von der Decke draufzielt, macht aus der ruhigen Fläche eine Bühne mit harten Schatten. Wer Beton zeigt, plant das Licht in dem Moment, in dem die Schalung steht, nicht wenn die Möbel schon drin sind. Das ist der ganze Unterschied zwischen einem Raum, der wirkt, und einem, der angestrengt aussieht.
Wenn du Sichtbeton bisher als kalte Fläche verstanden hast, lohnt sich der zweite Blick. Mit sauber geführtem Licht wird aus Schwere plötzlich Richtung, aus Wand plötzlich Atmosphäre.
Sichtbeton ist eine ehrliche Oberfläche. Man sieht die Stöße der Schalung, die kleinen Lunker, den Schimmer der Zementhaut. Genau das macht ihn schön und genau das macht ihn empfindlich für falsches Licht. Eine glatte weiße Wand verzeiht einen schlecht gesetzten Strahler. Beton nicht. Jede Pore wirft einen Schatten, jede Unebenheit wird zur Landschaft, sobald das Licht im flachen Winkel darüberstreift.
Deshalb gilt im Wohnraum eine einfache Regel. Beton mag indirektes Licht. Licht, das nicht auf die Fläche zielt, sondern an ihr vorbei oder von ihr weg. Dann wird die Wand zur ruhigen Tönung im Raum, zur Fläche, die das Licht aufnimmt und sanft zurückgibt. Wer den Beton dagegen anstrahlt wie ein Museumsexponat, bekommt eine harte, fleckige Oberfläche, die nervös wirkt. Das will im Wohnzimmer niemand.
Wer ein Gefühl dafür sucht, wie indirektes Licht und ruhige Materialien zusammenwirken, findet im Scandi-Style einen gut dokumentierten Referenzrahmen. Die Prinzipien, die dort für Holz und Textil beschrieben werden, lassen sich fast eins zu eins auf Sichtbeton übertragen.
Das wichtigste Werkzeug heißt Lichtvoute. Das ist eine verdeckte Kehle, meist am Übergang von Wand zu Decke, in der eine Lichtquelle sitzt, ohne dass man sie sieht. Das Licht tritt aus dem Spalt aus, läuft an der Decke oder der Wand entlang und füllt den Raum, ohne dass irgendwo eine Lampe blendet. Man sieht das Ergebnis, nicht die Technik.
Für Sichtbeton ist die Voute ideal, weil sie streift, statt anzustrahlen. Das Licht legt sich weich über die Fläche, die Textur bleibt sichtbar, aber sie schreit nicht. Bei Wohnräumen mit Betondecke wird die Voute oft umlaufend gebaut, ein schmaler Schattenfugen-Spalt zwischen Wand und Decke, aus dem das Licht nach oben quillt. Die Decke wirkt dadurch leichter, fast als würde sie schweben. Ein guter Trick gegen die Schwere, die rohem Beton sonst anhaftet.
Gutes Licht in einem Betonraum erkennt man daran, dass man die Lampe nicht findet. Man sieht nur, dass es hell ist.
Die zweite Möglichkeit geht direkter. Hier werden Lichtlinien flächenbündig in den Beton eingelassen, dünne Schienen mit LED-Modulen, die als feine Striche in der Wand oder Decke sitzen. Das sieht präzise aus und passt zur geometrischen Sprache, die guter Sichtbeton ohnehin spricht. Eine Linie, die einer Raumkante folgt, ein Lichtstrich, der eine Nische markiert.
Der Haken liegt in der Reihenfolge. Diese Linien müssen in der Schalung geplant werden, also bevor der Beton gegossen wird. Aussparungen, Leerrohre, die Lage der Kanäle, alles gehört in die Planung des Rohbaus. Wer das vergisst und später stemmt, zerstört genau die saubere Fläche, für die man den Sichtbeton überhaupt gewählt hat. Sichtbeton ist Frühplanung. Das Licht entscheidet man mit dem Tragwerk, nicht mit dem Sofa.
Es gibt eine dritte Variante, und die ist die radikalste. Lichtdurchlässiger Beton. Der ungarische Architekt Áron Losonczi entwickelte ihn 2001 während eines Studienjahres in Stockholm und nannte ihn Litracon, kurz für Light Transmitting Concrete. Das Time Magazine zählte ihn 2004 zu den innovativsten Erfindungen des Jahres.
Das Prinzip ist verblüffend einfach. In den feinkörnigen Beton werden optische Fasern eingelegt, schichtweise, mit einem Faseranteil von rund vier Prozent. Die Fasern leiten Licht fast verlustfrei durch die massive Wand. Steht eine Lichtquelle hinter dem Beton, scheinen Helligkeit, Schatten, sogar Farben durch das Material, als wäre die Wand halb durchsichtig. Von vorn bleibt es ein massiver, tragfähiger Betonblock. Im DACH-Raum stellt etwa die LUCEM GmbH in Aachen solchen Lichtbeton her, ein Unternehmen, das 2007 als Ausgründung der RWTH Aachen entstand. Für eine private Wand ist das eine Entscheidung mit Ansage, kein Standard, sondern ein Statement.
Egal welche Methode, eine Größe wird oft unterschätzt: die Lichtfarbe. Beton ist von Natur aus kühl und grau. Beleuchtet man ihn zusätzlich mit kaltweißem Licht jenseits von 4000 Kelvin, kippt der Raum schnell ins Klinische. Es sieht aus wie eine Tiefgarage, nur teurer.
Wohnlich wird Beton mit warmem Licht. Werte um 2700 Kelvin geben der grauen Fläche einen leichten, fast sandigen Ton, der Raum wird ruhig statt steril. Wer flexibel bleiben will, plant Tunable White, also Leuchten, deren Temperatur sich von warm bis kühl regeln lässt. Morgens neutraler, abends warm. Das ist kein Spielzeug, sondern der Unterschied zwischen einem Beton, der lebt, und einem, der nach Werkstatt aussieht.
Sichtbeton mit eingeplantem Licht ist nichts, was man nebenbei macht. Es verlangt, dass Architekt, Statiker und Lichtplaner früh am selben Tisch sitzen, lange bevor die erste Wand steht. Das ist aufwendig, und es ist teurer als eine verputzte Wand mit einer Stehlampe daneben.
Aber der Effekt hält. Eine gut beleuchtete Betonwand altert nicht mit der Mode, weil sie nie modisch war. Sie ist Material und Licht, sonst nichts. In zehn Jahren wird sie genauso ruhig dastehen wie am ersten Tag, vielleicht eine Spur dunkler in den Fugen. Das ist der eigentliche Luxus an dieser Bauweise. Nicht das teure Material, sondern die Ruhe, die entsteht, wenn Licht und Fläche von Anfang an zusammen gedacht wurden.
Wer noch unentschieden ist, welcher Wohnstil zur eigenen Planung passt, findet im Eklektizismus als Wohntrend interessante Kombinationsansätze, gerade wenn Beton auf weiche Materialien trifft.
Besser nicht. Strahler im flachen Winkel betonen jede Pore und werfen harte Schatten, die Wand wirkt unruhig und fleckig. Für Wohnräume ist indirektes Licht über eine Lichtvoute oder eine eingelassene Lichtlinie fast immer die schönere Lösung.
Eine verdeckte Kehle, meist am Übergang von Wand zu Decke, in der eine Lichtquelle versteckt sitzt. Das Licht tritt seitlich oder nach oben aus, streift über die Betonfläche und füllt den Raum, ohne dass die Lampe sichtbar ist oder blendet.
Bei eingelassenen Lichtlinien ja. Aussparungen und Leerrohre müssen in die Schalung, bevor der Beton gegossen wird. Nachträgliches Stemmen zerstört die saubere Sichtbetonfläche. Sichtbeton ist Frühplanung, das Licht entscheidet man mit dem Rohbau.
Ja, lichtdurchlässigen Beton. Der ungarische Architekt Áron Losonczi entwickelte ihn 2001. In den Beton eingelegte optische Fasern leiten Licht fast verlustfrei durch die massive Wand. Im DACH-Raum stellt etwa LUCEM in Aachen solchen Lichtbeton her.
Quelle Titelbild: Pexels / York Peuckert