
Wenn eine ganze Stadt zur Bühne wird
Für einige Wochen verwandelt sich Salzburg in eine einzige große Bühne. Ein Ausblick auf die 106. Festspiele, ihre Spielorte und die Idee dahinter, dass Kultur einen ganzen Ort einnehmen kann.
Es gibt Festivals, die man besucht. Und es gibt eines, das eine ganze Stadt übernimmt. In Salzburg wird für einige Wochen im Sommer aus der barocken Altstadt eine durchgehende Bühne, auf der Oper, Schauspiel und Konzert an Dutzenden Orten gleichzeitig stattfinden. Diese Idee ist nicht neu, sie geht auf den Mitbegründer Max Reinhardt zurück. Und sie trägt bis heute: Die ganze Stadt ist Bühne.
- Die 106. Salzburger Festspiele verwandeln die Altstadt für Wochen in eine einzige Bühne
- Der offizielle Festakt mit Eröffnungsrede findet in der Felsenreitschule statt
- Zu den Höhepunkten zählt eine Neuinszenierung von Messiaens „Saint François d’Assise“
- Der „Jedermann“ auf dem Domplatz bleibt das ikonische Herzstück des Programms
Die Idee der Stadt als Bühne
Der Auftakt der Festspiele ist selbst schon ein Ereignis. Das Fest zur Festspieleröffnung bespielt an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen die ganze Stadt mit Konzerten, offenen Proben und Führungen an vielen Spielorten. Es folgt ganz dem Gedanken Max Reinhardts, dass Kultur nicht in einem einzelnen Haus eingesperrt bleiben soll, sondern in Gassen, auf Plätzen und in Kirchen hineinwirkt.
Den formellen Rahmen setzt der Festakt mit der Eröffnungsrede, der in der Felsenreitschule stattfindet. Die vielbeachtete Eröffnungsrede hält in diesem Jahr die belarussische Flötistin und Aktivistin Maria Kalesnikava. Kurz zuvor beginnt die Ouverture spirituelle, die dem Thema Miserere gewidmet ist und mit einem Konzertprojekt von Patricia Kopatchinskaja eröffnet. So spannt sich schon vor dem eigentlichen Programm ein Bogen von der Musik zur Gegenwart. Die Ouverture spirituelle ist dabei mehr als ein Vorspiel. Sie stimmt das Publikum auf ein Thema ein, das den ganzen Sommer durchzieht. Sie verbindet geistliche Musik mit zeitgenössischen Fragen. Wer die Festspiele wirklich verstehen will, beginnt am besten hier.

Ein Heiliger in der Felsenreitschule
Die zentrale Neuinszenierung dieses Sommers ist Olivier Messiaens „Saint François d’Assise“ in der Felsenreitschule, jenem einzigartigen Spielort, dessen Arkaden direkt in den Mönchsberg gehauen sind. Regie führt Romeo Castellucci, die musikalische Leitung liegt bei Maxime Pascal. Die Premiere ist für den 4. August angesetzt, im 800. Todesjahr des Heiligen Franziskus.
Wer die Aufführung aus der Distanz betrachtet, ahnt schon die besondere Wirkung. Messiaens Klangwelt setzt unter anderem drei Ondes Martenot ein, ein frühes elektronisches Tasteninstrument, das mit einem Ring gespielt wird. In der Felsenreitschule sollen diese Instrumente das Publikum von mehreren Seiten umgeben, sodass der Klang aus dem Fels selbst zu kommen scheint. Es ist die Art von Erlebnis, die nur an einem solchen Ort möglich ist. Die Felsenreitschule war ursprünglich eine Reitschule aus dem Barock, deren Zuschauerränge direkt aus dem Berg geschlagen wurden. Heute ist dieser rohe Fels die Rückwand einer der außergewöhnlichsten Opernbühnen Europas. Kein Bühnenbildner müsste sich eine eindrucksvollere Kulisse ausdenken, sie ist schon da. Genau solche Orte machen Salzburg unverwechselbar. Man hört hier nicht einfach nur Musik. Man hört sie an einem Ort, der selbst schon eine ganze Geschichte erzählt, lange bevor überhaupt der erste Ton erklingt.
Kultur soll nicht in einem einzelnen Haus eingesperrt bleiben, sondern in Gassen, auf Plätzen und in Kirchen hineinwirken.
Der Jedermann und das Herz des Programms
Kein Stück ist so eng mit Salzburg verbunden wie der „Jedermann“. Hugo von Hofmannsthals Spiel vom Sterben des reichen Mannes kehrt in einer Inszenierung von Robert Carsen auf den Domplatz zurück, wo Philipp Hochmair die Titelrolle zum dritten Mal spielt. Neu an seiner Seite stehen mehrere Darstellerinnen, die dem Stück in dieser Saison ein deutlich verändertes Gesicht geben. Der Reiz des „Jedermann“ liegt gerade darin, dass er sich immer wieder erneuert, ohne seinen Kern zu verlieren. Ein Stoff aus dem frühen 20. Jahrhundert, ein mittelalterliches Motiv. Und dennoch trifft die Frage nach einem gut gelebten Leben jedes Publikum von Neuem.
Das Besondere am „Jedermann“ ist seine Verletzlichkeit gegenüber dem Wetter. Gespielt wird unter freiem Himmel auf dem Domplatz. Ob die Vorstellung dort stattfindet, entscheidet sich oft erst zwei bis drei Stunden vor Beginn. Bei Regen weicht man ins Große Festspielhaus aus. Stehplätze auf dem Domplatz sind schon für wenige Euro zu haben, was das Stück zu einem der zugänglichsten Höhepunkte des ganzen Festivals macht. Dieses Wetter-Ritual hält die Stadt jeden Sommer in Spannung.
Neue Leitung, alte Größe
Hinter dem Programm dieses Jahres steht eine Übergangssituation. Die künstlerische Leitung liegt interimistisch bei Karin Bergmann, die auf Markus Hinterhäuser folgte, dessen Programm für diesen Sommer bereits zuvor vorgestellt worden war. Solche personellen Wechsel gehören zu einer Institution dieser Größe einfach dazu, ohne dass sie die Kontinuität des Programms gefährden. Ein Festival, das über hundert Jahre besteht, hat gelernt, Übergänge zu meistern. Die Namen an der Spitze wechseln von Zeit zu Zeit, doch der hohe künstlerische Anspruch bleibt über die Jahrzehnte derselbe.
Die Leitidee des Sommers trägt den Titel „Von der Geburt der Zeit und der Macht des Herzens“ und verknüpft Oper, Schauspiel und Konzert unter einem gemeinsamen Gedanken. Neben Messiaens Werk gehört auch eine Rossini-Inszenierung zum Programm, die zuvor bei den Pfingstfestspielen debütierte und im Sommer wieder aufgenommen wird. So entsteht ein dichtes Geflecht aus Premieren, Wiederaufnahmen und Konzerten, das die Stadt über Wochen trägt.

Kultur für alle, nicht nur für wenige
Man könnte die Salzburger Festspiele für ein rein exklusives Ereignis halten, doch das greift zu kurz. Neben den großen Premieren gibt es Formate, die bewusst offen sind. Der langjährige Hauptsponsor unterstützt etwa die Fest>Spiel>Nächte am Kapitelplatz, ein kostenloses Public Screening klassischer Musik, das als das weltweit größte seiner Art gilt. Hier sitzen Menschen unter freiem Himmel und erleben Oper, ohne ein Ticket lösen zu müssen. Es ist ein bewusstes Signal, dass die großen Werke nicht nur einem zahlenden Publikum gehören, sondern grundsätzlich der ganzen Stadt und all ihren Besuchern.
Genau diese Mischung macht den Reiz der Stadt im Sommer aus. Wer will, kann sich eine Premiere in der Felsenreitschule gönnen, wer lieber draußen bleibt, findet Musik auf dem Platz. Zwischen dem teuersten Sitz und dem freien Stehplatz auf dem Domplatz liegt eine ganze Welt. Beide gehören zum selben Festival. Die Stadt öffnet sich. Für einige Wochen scheint jeder Winkel Teil einer großen Aufführung zu sein. Das ist der eigentliche Luxus dieses Festivals. Er hat wenig mit dem Preis eines Tickets zu tun. Er liegt in der Erfahrung, dass ein ganzer Ort für eine begrenzte Zeit von Kultur durchdrungen ist, so vollständig, dass man ihr auf dem Weg zum Bäcker begegnet.
Gut zu wissen
▸Was macht die Salzburger Festspiele besonders?
Statt an einem einzigen Ort zu spielen, verwandeln die Festspiele die ganze Salzburger Altstadt für Wochen in eine Bühne. Oper, Schauspiel und Konzert finden gleichzeitig an vielen Spielorten statt, von Kirchen über Plätze bis zur in den Fels gehauenen Felsenreitschule.
▸Warum ist der Jedermann so bekannt?
Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ wird traditionell auf dem Domplatz unter freiem Himmel gespielt und gilt als das Herzstück der Festspiele. Ob die Vorstellung draußen stattfindet, entscheidet sich oft erst kurz vorher. Stehplätze sind bereits für wenige Euro erhältlich.
▸Kann man Festspiele auch kostenlos erleben?
Ja. Am Kapitelplatz gibt es ein kostenloses Public Screening klassischer Musik, das als das weltweit größte seiner Art gilt. Dort lässt sich Oper unter freiem Himmel erleben, ohne dass man ein Ticket lösen muss.
Bildquelle: Titelbild SevenStorm JUHASZIMRUS; Beitragsbilder Withanonim und Jacob Yavin (Pexels).
Quellen und weiterführende Informationen: Salzburger Festspiele.



