//CULTURESchwarz-weiße Fotografien in schlichten Rahmen an einer weißen Galeriewand
Fotografie als Hauptrolle: eine ganze Stadt wird zur Galerie. Foto: Trash Art.
1. Juli 2026

Wenn eine Stadt zur Galerie wird

InspiredByLuxury·//CULTURE

In Arles verwandelt sich die Provence jeden Sommer in die Welthauptstadt der Fotografie. Ein Ausblick auf ein Festival, das Kirchen, Klöster und Industriehallen zu Ausstellungsräumen macht.

Es gibt eine kleine Stadt in der Provence, in der man im Sommer keinen Reiseführer braucht, um zur Kunst zu finden. Man stolpert dort einfach hinein. In Arles hängt die Fotografie nicht nur in einem Museum, sondern in gotischen Kirchen, in ehemaligen Klöstern und in stillgelegten Industriehallen. Für ein paar Wochen wird die ganze Stadt zur Galerie. Der Weg von einer Ausstellung zur nächsten führt durch zweitausend Jahre Geschichte.

Prolog

  • Die 57. Rencontres d’Arles tragen das Motto „Des mondes à relire“
  • Das Festival läuft von Anfang Juli bis in den Oktober und bespielt rund 40 Orte
  • Ausstellungen finden in Kirchen, Klöstern und ehemaligen Industriehallen statt
  • Ein Festivalpass für alle Schauen kostet 42 Euro, ermäßigt 33 Euro

Ein Festival ohne Museumsmauern

Die Rencontres d’Arles gehören zu den wichtigsten Fotografie-Festivals der Welt, ihre erste Ausgabe fand 1970 statt. In diesem Jahr ist es die 57. Auflage, unter dem Motto „Des mondes à relire“, was sich ungefähr mit „Welten zum Wiederlesen“ übersetzen lässt. Das Festival öffnet Anfang Juli mit einer intensiven Eröffnungswoche und läuft dann bis in den Oktober. Über diesen Zeitraum kommen Menschen aus aller Welt in die kleine Stadt, Fotografinnen, Sammler, Galeristen und einfach Neugierige. Für ein paar Monate ist Arles ein Treffpunkt für alle, die die Fotografie ernst nehmen.

Was Arles von einem klassischen Museumsbetrieb unterscheidet, ist die Streuung über die Stadt. Rund 40 Ausstellungsorte verteilen sich in und um Arles, von Kirchen über Klöster bis zu Industriehallen, einzelne Schauen reichen sogar bis in die Nachbarstädte Nîmes und Marseille hinein. Für die diesjährige Ausgabe sind rund 28 Kuratorinnen und Kuratoren verantwortlich, ein bewusst dezentraler Ansatz, der viele Handschriften statt einer einzigen Leitfigur zeigt. Das führt zu einem Programm, das absichtlich vielstimmig ist. Wer alle Ausstellungen sehen will, erlebt keinen glatten kuratierten Rundgang, sondern ein Nebeneinander sehr unterschiedlicher Blicke auf die Fotografie. Genau diese Reibung macht Arles lebendig.

Dämmriges gotisches Kircheninneres mit Bögen und Buntglasfenster
Alte Kirchenräume werden in Arles zu Ausstellungssälen für Fotografie. Foto: carlos.

Kunst in ungewöhnlichen Räumen

Der Reiz des Festivals liegt in seinen Orten. Eine Ausstellung mit dem Titel „Ghana ! Rêver l’indépendance 1957-1976“ ist im Palais de l’Archevêché untergebracht und verknüpft historische Archivfotografie mit zeitgenössischen Positionen. Der Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart ist ein wiederkehrendes Motiv in diesem Jahr, passend zum Gedanken vom Wiederlesen der Welten. Es geht nicht nur darum, neue Bilder zu zeigen, sondern auch darum, bekannte Bilder in einen neuen Zusammenhang zu stellen. Fotografie wird so nicht als abgeschlossenes Werk verstanden, sondern als etwas, das man immer wieder neu befragen kann.

Besonders eindrücklich wird es dort, wo Raum und Bild sich gegenseitig aufladen. Sammy Balojis Schau über kongolesische Bildarchive wird in der Église des Trinitaires gezeigt, einem ehemaligen Klosterkomplex. Stein, Dämmerlicht und historisches Mauerwerk werden hier selbst zur Bühne, auf der westliche Archivbilder auf familiäre Erinnerung treffen. Wieder anderswo, in der ehemaligen Industriehalle La Mécanique générale, spannt eine Ausstellung ein Panorama von zwei Jahrhunderten Tierfotografie auf. So entsteht ein Rhythmus aus Kontrasten: hier das Sakrale einer Kirche, dort das Industrielle einer Werkhalle, dazwischen die Stille eines Klosterhofs. Man merkt schnell, dass in Arles der Raum immer mitspricht. Kein Bild hängt hier im luftleeren Raum, jedes bekommt vom Ort eine zusätzliche Bedeutung mit.

Der Weg von einer Ausstellung zur nächsten führt durch zweitausend Jahre Geschichte.

Die Nacht als Höhepunkt

Ein Festival, das eine ganze Stadt bespielt, hat auch seine großen gemeinschaftlichen Momente. Der bekannteste ist „La Nuit de l’Année“, eine Nacht, in der auf großen Leinwänden Fotografien projiziert werden. Gezeigt wird das an den Papeteries Étienne, einer nächtlichen Industriefläche am Ufer der Rhône, bei freiem Eintritt und mit einem Programm, das bis tief in die Nacht reicht.

Aus der Distanz betrachtet klingt das nach einer Mischung aus Ausstellung und Fest. Genau das ist der Punkt. Fotografie ist hier kein andächtiges Flüstern vor einem gerahmten Bild, sondern ein öffentliches Ereignis unter freiem Himmel. Die Hitze des Tages weicht der Nachtkultur, die Leinwände leuchten. Die alte Papierfabrik wird für ein paar Stunden zum Zentrum der ganzen Region. Solche Abende machen aus einem Ausstellungsbesuch ein Erlebnis, an das man sich erinnert.

Praktisch, für die Planung

Wer nach Arles reist, sollte sich auf ein Marathon-Programm einstellen. Der Festivalpass für alle Ausstellungen kostet 42 Euro, ermäßigt 33 Euro, einzelne Schauen liegen zwischen 6 und 15 Euro. Die meisten Ausstellungen sind bis Ende August täglich geöffnet. Die langen Öffnungszeiten laden dazu ein, den Tag in Etappen zu planen, mit Pausen in den schattigen Gassen der Altstadt. Zwischen zwei Ausstellungen ein Glas Rosé in einem Café, danach weiter zur nächsten Halle im nächsten alten Gemäuer, das ist der eigentliche Rhythmus dieser sommerlichen Tage.

Ein Tipp für Frühbucher betrifft die Eröffnungswoche Anfang Juli. In diesen Tagen ballen sich Vernissagen, Preisverleihungen und Sonderveranstaltungen, darunter die Bekanntgabe der Buchpreise im antiken Théâtre Antique. Wer die Atmosphäre in ihrer dichtesten Form erleben will, kommt in dieser Woche, muss aber mit vollen Straßen und knappen Unterkünften rechnen. Wer es ruhiger mag, reist später im Sommer, wenn sich die Ausstellungen in aller Ruhe abgehen lassen.

Weite leere Industriehalle mit Betonsäulen und einfallendem Tageslicht
Ehemalige Industriehallen geben der Fotografie in Arles einen rauen Rahmen. Foto: Tibor Szabo.

Mehr als nur ein Festival

Parallel zu den Rencontres hat sich in Arles ein zweiter Anziehungspunkt etabliert. Auf dem Gelände ehemaliger Eisenbahn-Werkstätten, dem Parc des Ateliers, startet die Kulturinstitution LUMA Arles ihre Sommerprogrammierung, mit eigenen Ausstellungen und Veranstaltungen. So ergänzt sich die temporäre Kraft des Festivals mit einem dauerhaften Ort für zeitgenössische Kunst. Wer also außerhalb der Festivalzeit nach Arles kommt, findet auch dann Gründe für einen Besuch. Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahren zu einer festen Adresse für Kunst und Fotografie entwickelt, weit über die Sommerwochen hinaus.

Am Ende ist es diese Verbindung aus Ort und Bild, die Arles einzigartig macht. Man sieht Fotografie nicht in einem neutralen Ausstellungswürfel, sondern in Räumen, die selbst Geschichte tragen. Ein Archivbild wirkt anders unter dem Gewölbe einer alten Kirche als an einer weißen Wand. Eine zeitgenössische Serie bekommt in einer rauen Industriehalle eine ganz eigene Wucht. Wer die Fotografie liebt, findet in dieser provenzalischen Stadt für ein paar Wochen im Sommer den vielleicht schönsten Ort, um ihr zu begegnen. Und selbst wer sonst wenig mit Fotokunst anfangen kann, wird sich dem Sog schwer entziehen. Denn hier geht es nicht nur um Bilder an Wänden, sondern um eine Stadt, die für einen Sommer beschließt, das reine Sehen für einige Wochen zur wichtigsten Hauptsache zu machen.

Gut zu wissen

Was sind die Rencontres d’Arles?

Es ist eines der wichtigsten Fotografie-Festivals der Welt, das seit 1970 jeden Sommer in der provenzalischen Stadt Arles stattfindet. Die Ausstellungen verteilen sich auf rund 40 Orte in der ganzen Stadt, darunter Kirchen, Klöster und ehemalige Industriehallen.

Was kostet der Besuch?

Ein Festivalpass für alle Ausstellungen kostet 42 Euro, ermäßigt 33 Euro. Einzelne Schauen liegen zwischen 6 und 15 Euro. Die meisten Ausstellungen sind bis Ende August täglich mit langen Öffnungszeiten zugänglich.

Wann lohnt sich die Reise besonders?

Die Eröffnungswoche Anfang Juli ist am dichtesten, mit Vernissagen, Preisverleihungen und der Nuit de l’Année. Wer es ruhiger mag, reist später im Sommer und kann die Ausstellungen in aller Ruhe erkunden. Beide Varianten haben ihren Reiz.

Bildquelle: Titelbild Trash Art; Beitragsbilder carlos und Tibor Szabo (Pexels).

Quellen und weiterführende Informationen: Rencontres d’Arles und LUMA Arles.

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