//TRAVELKönnen sich Sylt bald nur noch die Superreichen leisten?
16. Mai 2024 // 11:06 Uhr

Sylt wird zur Insel der Superreichen, doch die Insel wehrt sich

InspiredByLuxury·Aus dem Archiv, neu aufgelegt

Im Frühjahr 2024 waren wir auf Sylt und sahen leere Nobelvillen trotz Sonne. Zwei Jahre später kostet der Quadratmeter in Kampen über 22.000 Euro. Was ist aus der Insel der Schönen und Reichen geworden?

Im Frühjahr 2024 sind wir für eine Woche nach Kampen gefahren, ins teuerste Pflaster Deutschlands. Strahlende Sonne, leere Ferienhäuser, halbleere Shuttle-Züge. Schon damals fragten wir uns, ob Sylt nur noch den Superreichen gehört. Zwei Jahre später lässt sich die Frage genauer beantworten, und die Insel hat reagiert.

Damals fiel uns vor allem eine Lücke auf: zwischen dem Glanz der Reethäuser und der Realität der Menschen, die hier arbeiten. Ein Viertel bis ein Drittel der Ferienwohnungen galten als zweckentfremdet, also illegal vermietet. Viele Sylterinnen und Sylter waren längst aufs Festland gezogen und stiegen Tag für Tag in den Shuttle-Zug, um als Servicekräfte zurück auf die Insel zu pendeln. Die Frage, ob sich Sylt bald nur noch die Superreichen leisten können, hatte schon Der Nordschleswiger zu Weihnachten 2022 gestellt. Heute ist sie keine Zuspitzung mehr, sondern Inselpolitik.

Boarding

  • Kampen bleibt Deutschlands teuerste Lage: Anfang 2026 im Schnitt rund 22.600 Euro pro Quadratmeter, einzelne Häuser bis 39.640 Euro.
  • Seit Juli 2024 gilt in Schleswig-Holstein das Wohnraumschutzgesetz. Sylt nutzt es, um die Umwandlung von Dauerwohnraum in Ferienwohnungen zu stoppen.
  • Das Verhältnis kippt: rund 7.500 Ferienunterkünfte stehen etwa 11.000 Dauerwohnungen gegenüber.
  • Der Shuttle-Zug ist günstiger geworden, das Leben auf der Insel nicht.
  • Wer Sylt liebt, kommt weiter wegen Dünen, Stränden und Sterneküche, nicht wegen der Schnäppchen.

Was die Preise heute wirklich machen

Unser Eindruck von 2024 hat sich nicht nur bestätigt, er hat sich verschärft. In Kampen lag der durchschnittliche Quadratmeterpreis Anfang 2026 bei rund 22.600 Euro. Häuser kosten im Schnitt etwa 24.500 Euro pro Quadratmeter, in Spitzenlagen mit Watt- oder Nordseeblick sind bis zu 39.640 Euro aufgerufen. Selbst die günstigsten Wohnungen starten nicht unter gut 10.000 Euro pro Quadratmeter. Damit bleibt Kampen mit deutlichem Abstand die teuerste Adresse der Republik, noch vor München-Schwabing, das wir 2024 als zweitteuerstes Pflaster im Vergleich hatten.

Interessant ist die Bewegung. Die reinen Wohnungspreise sind 2026 gegenüber dem Vorjahr leicht gesunken, um gut ein Prozent. Von einer Trendwende zu sprechen wäre falsch. Das ist eine Delle auf sehr hohem Niveau, kein Einstiegsfenster. Wenn du auf Sylt kaufen willst, spielst du weiter in einer eigenen Liga.

Heller Sandstrand mit Dünengras unter weitem Himmel auf Sylt

Strahlende Sonne, leere Ferienhäuser, halbleere Züge. Sylt 2024 wirkte wie eine Bühne ohne Publikum.

Die Insel zieht die Reißleine

Der eigentliche Unterschied zu unserem Besuch liegt nicht im Preis, sondern in der Politik. Seit dem 5. Juli 2024 gilt in Schleswig-Holstein das Wohnraumschutzgesetz. Auf dieser Grundlage kann jede Gemeinde eine eigene Zweckentfremdungssatzung erlassen. Die Gemeinde Sylt hat genau das getan und ein Beherbergungskonzept beschlossen, das den Neubau von Ferienwohnungen einschränkt. Bestehender Dauerwohnraum soll in den Bebauungsplänen so festgeschrieben werden, dass er sich künftig nicht mehr in eine Ferienwohnung umwandeln lässt. Der Bauausschuss trug das einstimmig mit.

Der Druck dahinter ist messbar. Rund 7.500 Ferienunterkünfte stehen auf der Insel etwa 11.000 Dauerwohnungen gegenüber. Kippt dieses Verhältnis weiter, verliert Sylt die Menschen, die es am Laufen halten: Pflegekräfte, Handwerker, Kellnerinnen, Busfahrer. Genau die Lücke, die uns 2024 zwischen Glanz und Alltag aufgefallen war, versucht die Kommunalpolitik jetzt zu schließen. Ob das reicht, entscheidet sich an der Durchsetzung, nicht am Beschluss.

Warum Sylt trotzdem lockt

Bei aller Preiskritik bleibt die Insel ein besonderer Ort, und das hat nichts mit Statussymbolen zu tun. Die Fahrt nach List im Norden führt an einer der größten zusammenhängenden Wanderdünen Europas vorbei, der Uwe-Düne, die so schnell wandert, dass es Pläne gab, sie zu untertunneln. Betreten darf man sie nur bei einer der exklusiven Führungen, limitiert auf 500 Besucherinnen und Besucher pro Jahr. Wenningstedt, Keitum, Rantum, Hörnum: Wer die Hochhäuser Westerlands hinter sich lässt, wird mit Landschaft entschädigt.

Und mit Küche. Auf der Sansibar bei Rantum, dem Promi-Treff mit Piraten-Logo und einem der größten Weinkeller Deutschlands, zahlt man für Strand-Feeling und Meerblick gern den Aufpreis. Eine Flasche mit dem berühmten Logo kostet allein wegen der Verpackung schnell 20 Euro mehr als das Original. Bodenständiger geht es im Manne Pahl in Kampen zu, wo die gleichnamige Currywurst auch mal 19,50 Euro kostet, der älteren Klientel zuliebe aber als kleine Portion zu haben ist. Bei der Sterneküche hat sich seit unserem Besuch wenig geändert: Johannes King hat seinen Söl’ring Hof längst abgegeben, ein paar Sterne leuchten weiter über der Insel, etwa im Kai 3 im Hörnumer Hotel Budersand mit Blick auf Amrum und Föhr.

Sylt ist also kein Ort mehr, an dem du die Frage nach dem Preis vermeiden kannst. Aber es ist auch kein Ort, der seine Seele schon verkauft hat. Die Insel kämpft gerade darum, beides zu bleiben: Sehnsuchtsort und Heimat. Fahr in der Nebensaison, wohn in einer Pension statt im Reethaus, und du erlebst genau das, ohne ein Vermögen auszugeben.

Gut zu wissen

Kann sich ein Normalverdiener noch Sylt leisten?

Als Eigentümer kaum. Mit Quadratmeterpreisen von über 22.000 Euro in Kampen ist Kaufen praktisch ausgeschlossen. Als Urlauberin oder Urlauber geht es: Wer auf Nebensaison, Pension statt Reethaus und die günstigen Shuttle-Tarife der Bahn ab knapp 20 Euro setzt, kommt überraschend bezahlbar auf die Insel.

Was unternimmt Sylt gegen die Verdrängung?

Seit Juli 2024 erlaubt das Wohnraumschutzgesetz Schleswig-Holsteins den Gemeinden eigene Zweckentfremdungssatzungen. Die Gemeinde Sylt hat ein Beherbergungskonzept beschlossen, das den Neubau von Ferienwohnungen einschränkt und die Umwandlung von Dauerwohnraum in Ferienwohnungen verhindern soll.

Warum standen 2024 so viele Ferienhäuser leer?

Wir waren in der Zwischensaison Ende April da. Trotz strahlendem Wetter blieben viele Gäste aus, auch das Ostergeschäft war mau. Hohe Preise, eine zersplitterte Eigentümerstruktur und Häuser, die als Kapitalanlage und nicht zum Bewohnen gekauft wurden, erklären die Leere mehr als das Wetter.

Lohnt sich die Anreise mit dem Auto noch?

Der Sylt-Shuttle ist das eine Sylter Angebot, das günstiger geworden ist. Durch die Konkurrenz auf der Strecke Niebüll nach Westerland zahlt man für Hin- und Rückfahrt mit dem Auto pauschal rund 119 Euro, statt früher etwa 100 Euro pro einzelner Überfahrt. Supersparpreise gibt es ab knapp 20 Euro.

Mehr Reise-Stoff abseits des Mainstreams? Lies, warum echte Stille der neue Luxus ist, oder wie ein klassischer Nordsee-Urlaub im Strandkorb aussieht.

Bildquelle: Pixabay / Detmold

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