
Hobby-Barista – Anleitung für die Kunst der Latte Art
2022 haben wir Dir gezeigt, wie aus einem Espresso ein kleines Kunstwerk wird. Drei Jahre später ist Latte Art kein Café-Privileg mehr, sondern Feierabend-Ritual in unzähligen Küchen. Höchste Zeit für ein Update der Anleitung.
Latte Art beginnt nicht beim Eingießen, sondern bei der Milch und dem Espresso darunter. Wer das versteht, malt nach ein paar Wochen Übung das erste saubere Herz – der Rest ist Wiederholung. Diese Anleitung führt Dich vom Equipment über das richtige Aufschäumen bis zum ersten Motiv, mit dem Stand von heute.
- Blick zurück: Im Januar 2022 haben wir uns mit Hobby-Barista und Latte Art beschäftigt und wagen hier einen neuen Blick darauf.
- Du brauchst eine Espressoröstung, kein Filterkaffee. Frisch gemahlen, frisch gebrüht.
- Mikroschaum statt grober Blasen: Milch auf etwa 60 bis 65 Grad ziehen, dann glänzt sie wie nasse Farbe.
- Erstes Motiv ist das Herz. Die Tulpe baut darauf auf. Beides ist reine Übungssache.
- Misslingt das Motiv, schmeckt der Kaffee trotzdem. Das ist die entspannteste Kunstform, die es gibt.
Latte Art – vom italienischen latte für Milch und dem englischen art für Kunst – meint das Gestalten des Milchschaums auf Espresso-Getränken. Was als verspieltes Add-on in Spezialitäten-Cafés anfing, ist inzwischen eine eigene Disziplin mit eigenen Weltmeisterschaften. Bei der World Latte Art Championship 2025 in Genf gewann der Chinese Chen Zhuohao den Titel. Du musst nicht auf die Bühne, aber das Niveau zeigt, wie weit sich aus ein bisschen Milchschaum holen lässt.
Die Milch entscheidet alles
Die Milch ist nicht das Beiwerk, sie ist der eigentliche Werkstoff. Am verlässlichsten arbeitest Du mit Vollmilch, Fettgehalt rund 3,5 bis 4 Prozent, Eiweißgehalt 3,3 bis 3,5 Prozent. Das Eiweiß sorgt für die feinen, stabilen Bläschen, das Fett für den seidigen Glanz. Mit fettarmer Milch bekommst Du eher trockenen, steifen Schaum, der sich schlecht gießen lässt.
Pflanzliche Alternativen sind längst Standard im Café und in der eigenen Küche. Hafer, Soja und Mandel lassen sich aufschäumen, aber nur die ausdrücklich als Barista-Edition gekennzeichneten Varianten. Die haben einen leicht erhöhten Eiweiß- oder Fettanteil und manchmal Stabilisatoren, damit der Schaum hält. Hafer-Barista gilt vielen als die zuverlässigste Pflanzenmilch fürs Motiv, weil sie cremig schäumt und süßlich schmeckt. Normale Supermarkt-Hafermilch ohne Barista-Zusatz fällt dagegen schnell in sich zusammen.
Espresso und Equipment
Unter den Schaum gehört ein Espresso, kein Filterkaffee. Eine Filterröstung gibt keinen kräftigen, dichten Shot her, und ohne stabile Crema verschwimmt jedes Motiv. Welche Bohne genau, ist Geschmackssache. Latte-Art-Weltmeister Christian Ullrich, der den Titel 2014 mit einem Schildkröten-Motiv holte, empfiehlt einen frisch gerösteten Arabica. Wichtiger als die Herkunft ist die Frische: Innerhalb weniger Wochen nach der Röstung gemahlen, sofort verarbeitet.
An Equipment brauchst Du nicht viel, aber das Richtige. Eine Siebträgermaschine mit Dampflanze gibt Dir die feinste Kontrolle über den Schaum. Ein gutes Milchkännchen aus Edelstahl mit spitzem Ausguss ist Pflicht, denn der Ausguss lenkt den Strahl. Ein Thermometer hilft am Anfang, später spürst Du die Temperatur am Kännchen: Wenn die Hand es kaum noch halten kann, sind die rund 65 Grad erreicht.
Milch richtig aufschäumen
Hier passiert die eigentliche Arbeit. Tauche die Dampfdüse knapp unter die Milchoberfläche und ziehe Luft ein, bis das Volumen leicht wächst – das zischende Geräusch ist Dein Signal. Danach senkst Du die Düse tiefer und bringst die Milch zum Rotieren, sodass sich die Luft in unzählige winzige Bläschen verteilt. Ziel ist Mikroschaum: eine glänzende, dickflüssige Masse ohne grobe Blasen. Klopfe das Kännchen einmal auf die Arbeitsplatte und schwenke es, dann verschwinden die letzten großen Blasen.
Guter Mikroschaum sieht aus wie frisch gemischte Wandfarbe: glänzend, ohne sichtbare Blasen, in einem feinen Strudel kreisend.
Das erste Motiv: das Herz
Das Herz ist der Einstieg, weil es verzeiht. Du brauchst frisch gebrühten Espresso, gut gezogenen Mikroschaum und eine ruhige Hand. Halte das Milchkännchen anfangs etwas höher über die Tasse und gieße aus der Höhe in die Mitte, sodass die Milch unter die Crema sinkt, ohne den Schaum schon an die Oberfläche zu drücken. Fülle die Tasse so zu etwa drei Vierteln.
Jetzt senkst Du den Ausguss näher an die Oberfläche. Der Schaum tritt aus und bildet einen weißen Kreis. Sobald der Kreis groß genug ist, hebst Du das Kännchen leicht an und ziehst mit einem dünnen Strahl von oben durch die Mitte des Kreises nach unten. Dieser Schnitt teilt den Kreis und formt die Spitze – fertig ist das Herz. Klappt es beim ersten Mal nicht, ist das normal. Der Kaffee schmeckt trotzdem.

Der nächste Schritt: die Tulpe
Die Tulpe gehört schon zu den anspruchsvolleren Motiven und eignet sich, wenn das Herz sitzt. Gieße die Milch so ein, dass sie nicht direkt auf den Kaffee trifft, sondern darunter verschwindet, bis die Tasse etwa halb voll ist. Dann setzt Du in einer Reihe drei bis vier Schaumpunkte, jeder leicht versetzt zum vorigen. Zum Schluss ziehst Du, wie beim Herz, eine Linie durch alle Punkte. So entstehen die gestaffelten Blätter, die der Tulpe ihre Form geben. Es braucht Fingerspitzengefühl in der Dosierung, aber kein Geheimwissen.
Inspiration findest Du reichlich. Christian Ullrich teilt auf seinem Kanal regelmäßig Übungsvideos, und unter Hashtags wie #latteart laufen Tausende Beispiele vom einfachen Herz bis zur mehrschichtigen Komposition. Wichtig ist nur, nicht zu früh aufzugeben. Latte Art ist Wiederholung, kein Talent. Wer eine Woche lang jeden Morgen ein Herz versucht, sieht den Unterschied.

Wenn Du tiefer einsteigen willst
Hat Dich das Thema gepackt, lohnt der Blick auf die Bohne selbst. Wir haben in unserem Beitrag zu den Kaffeemythen aufgeräumt mit dem, was wirklich stimmt und was nur Café-Folklore ist. Und wenn der Espresso für einmal Pause macht, findest Du in unseren ungewöhnlichen Sommer-Cocktail-Rezepten die nächste Übung in Sachen Handwerk im Glas.
Gut zu wissen
▸Welche Milch eignet sich am besten für Latte Art?
Vollmilch mit etwa 3,5 Prozent Fett und 3,3 bis 3,5 Prozent Eiweiß schäumt am stabilsten und ergibt den feinsten Mikroschaum. Bei pflanzlichen Alternativen funktionieren nur die als Barista-Edition gekennzeichneten Sorten zuverlässig, besonders Hafer-Barista.
▸Brauche ich eine teure Siebträgermaschine?
Eine Maschine mit Dampflanze gibt Dir die beste Kontrolle über den Mikroschaum. Wichtiger als der Preis ist, dass Du einen echten Espresso ziehen und die Milch fein aufschäumen kannst. Ein gutes Milchkännchen mit spitzem Ausguss ist dabei Pflicht.
▸Warum klappt nicht?
Meist liegt es am Schaum: zu grob, zu fest oder zu flüssig. Guter Mikroschaum glänzt und hat keine sichtbaren Blasen. Außerdem entscheidet die Gießhöhe. Erst aus der Höhe einfüllen, dann zum Formen näher an die Oberfläche gehen.
▸Wie lange dauert es, bis ich Latte Art kann?
Das erste saubere Herz gelingt vielen nach ein bis zwei Wochen täglicher Übung. Latte Art ist Wiederholung, kein Talent. Misslungene Versuche sind Teil des Lernens und schmecken genauso gut.



