//TASTEBeschriftete Vorratsgläser mit Erbsen, Hirse und Kichererbsen neben frischem Gemüse auf Leinen
22. April 2020 // 09:05 Uhr

Food-Trends 2020: Der kulinarische Weg zur Nachhaltigkeit

InspiredByLuxury·Aus dem Archiv, neu aufgelegt

2020 haben wir drei Lebensmittel als Zukunft der nachhaltigen Küche gefeiert: Erbsenmilch, Kichererbsenbutter und Tigernussmehl. Fünf Jahre später ziehen wir Bilanz – was ist geblieben, und was war nur Hype?

Im Frühjahr 2020 haben wir drei Newcomer aus dem Supermarktregal vorgestellt, die den kulinarischen Weg zur Nachhaltigkeit ebnen sollten: Erbsenmilch, Kichererbsenbutter und Tigernussmehl. Die kurze Antwort, fünf Jahre später: Zwei davon haben sich behauptet, eines blieb eine Randnotiz. Wir haben nachgesehen, was aus den Versprechen geworden ist – und warum Hülsenfrüchte heute mehr Sinn ergeben als 2020.

Amuse-Bouche

  • Erbsenmilch liefert rund 8 Gramm Eiweiß pro Viertelliter – so viel wie Kuhmilch. Marktstark ist sie trotzdem nicht: Pflanzendrinks halten 2024 etwa 9,8 Prozent des Milchmarkts, davon führt Hafer mit weitem Abstand, die Erbse bleibt Nische.
  • Kichererbsenbutter ist der heimliche Gewinner für Allergiker: nussfrei, streichfähig, proteinreich. Und die Hülsenfrucht selbst bindet 50 bis 100 Kilogramm Stickstoff pro Hektar im Boden – der eigentliche Nachhaltigkeitsvorteil.
  • Tigernussmehl hat den Sprung in die Breite nicht geschafft, bleibt aber eine kluge glutenfreie Backbasis. Wichtige Korrektur: Die Erdmandel stammt nicht aus Äthiopien, sondern aus Afrika und dem Mittelmeerraum.
  • Unser Fazit: Nicht das Exotische zählt, sondern was du dauerhaft im Vorrat hast. Hülsenfrüchte schlagen jeden Superfood-Hype.
Beschriftete Vorratsgläser mit Erbsen, Hirse und Kichererbsen neben frischem Gemüse auf Leinen

Erbsenmilch: aus der Eiweißbombe wurde ein Nischenprodukt

Mandel- und Hafermilch waren 2020 erst der Anfang. Die Erbsenmilch galt damals als gesündeste Alternative zu Kuhmilch – und wer dabei an eine dickflüssige, grüne Paste denkt, irrt. Der Drink aus getrockneten, gelben Erbsen ist weiß, sämig und schmeckt erstaunlicherweise nicht nach Erbse. Selbst in der ungesüßten Variante bleibt der Geschmack leicht süßlich und kommt der Kuhmilch verblüffend nah.

Der Grund für den Hype lag bei den Nährwerten. Mit rund 8 Gramm Eiweiß auf einen Viertelliter ist die Erbsenmilch etwa so proteinreich wie Kuhmilch. Dazu kommt sie laktosefrei, fettarm und reich an Ballaststoffen daher. Ein ehrlicher Hinweis, den 2020 selten jemand gemacht hat: Erbsenprotein wird vom Körper nicht ganz so gut verwertet wie Milcheiweiß, die biologische Wertigkeit liegt niedriger. Für den Kaffee am Morgen ist das egal, für die gezielte Eiweißversorgung lohnt der Blick aufs Etikett.

Erbsenmilch hat die Kuhmilch nicht ersetzt. Aber sie hat bewiesen, dass Hülsenfrüchte mehr können als auf dem Teller liegen.

Was wurde daraus? Den deutschen Hersteller „Princess and the Pea“ der Rosenheimer DrinkStar GmbH gibt es weiterhin – der Erbsendrink ist in ausgewählten Rewe- und Kaufland-Märkten, online und bei Amazon erhältlich, inzwischen sogar in einer Barista-Variante für den Milchschaum. Den großen Durchbruch hat die Erbse aber nicht geschafft. 2024 halten pflanzliche Drinks zusammen etwa 9,8 Prozent des Milchmarkts. Den Löwenanteil holt Hafer, fast jeder Zweite greift dazu, gefolgt von Mandel und Soja. Erbsenmilch liegt bei rund drei Prozent – ein solides Nischenprodukt, kein Massenphänomen.

Kichererbsenbutter: der unterschätzte Gewinner

Nein, das ist kein neuer Name für Hummus. Butter aus Kichererbsen ist so konzipiert, dass sie klebrig und streichfähig ist wie Erdnussbutter, mit der Balance aus süßen und salzigen Noten. Wer sie probiert hat, sagt: geschmacklich näher an Erdnussbutter als an Hummus. Ergänzt wird das Profil durch pflanzliche Proteine, Vitamine und Mineralstoffe. Und weil keine Nüsse drinstecken, ist sie einer der wenigen cremigen Aufstriche, die auch Nussallergiker bedenkenlos aufs Brot streichen können.

Der eigentliche Punkt liegt aber im Acker. Die Kichererbse ist eine Hülsenfrucht, und die haben einen Trick, den kaum ein anderes Lebensmittel beherrscht: Über eine Symbiose mit Knöllchenbakterien binden sie zwischen 50 und 100 Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr im Boden. Dieser Stickstoff steht der nächsten Kultur als natürlicher Dünger zur Verfügung – mineralischer Kunstdünger wird überflüssig, Lachgas- und Ammoniak-Emissionen sinken. Dazu kommen ein niedriger Wasserbedarf und eine echte Dürreresistenz. Was 2020 noch vage als „ressourcenschonend“ beschrieben wurde, hat also einen handfesten agronomischen Hintergrund.

Bemerkenswert: Die Kichererbse wächst inzwischen auch hierzulande. In Deutschland stehen rund 1.300 bis 1.500 Hektar unter Kichererbsen-Anbau, Tendenz steigend – vor zehn Jahren war das kaum denkbar. Die Marke aus dem Original-Artikel, The Amazing Chickpea, gibt es übrigens bis heute, sie produziert ihre Aufstriche weiter. Selbst machen ist aber kein Hexenwerk: geröstete Kichererbsen, etwas Öl, eine Prise Salz, fertig.

Tigernussmehl: das Missverständnis mit der Herkunft

Sie sehen aus wie Nüsse, sie schmecken nussig, sie heißen sogar TigerNÜSSE – also müssen es Nüsse sein? Falsch. Tigernüsse, auch Erdmandeln genannt, sind gar keine Nüsse, sondern die kleinen, stärkehaltigen Knollen eines Sauergrases (Cyperus esculentus). Genau das macht das Mehl für Allergiker und alle, die glutenfrei backen, interessant.

Eine Sache haben wir 2020 falsch erzählt, und das korrigieren wir hier gern: Die Erdmandel stammt nicht aus Äthiopien. Ihre Heimat ist Afrika und der Mittelmeerraum, domestiziert wurde sie in der Region des Weißen Nils im heutigen Sudan. Im alten Ägypten gehörte sie zu den ältesten kultivierten Nahrungspflanzen überhaupt, und nach Spanien kam sie im 8. Jahrhundert – bis heute ist sie dort die Basis der „Horchata de Chufa“. Eine Pflanze mit tausenden Jahren Geschichte also, kein Laborprodukt.

Geschmacklich ist Tigernussmehl von Natur aus süßlich-nussig und damit eine gute Backbasis. Es liefert präbiotische Ballaststoffe, Eisen, Kalium, Magnesium und Zink. Im Supermarktregal ist es fünf Jahre später trotzdem kaum angekommen – es bleibt ein Spezialprodukt für Reformhaus und Online-Handel. Wer glutenfrei backt, sollte es kennen. Den Weg zum Alltagsmehl hat es nicht geschafft.

Was bleibt – und was wir daraus lernen

Die ehrliche Bilanz nach fünf Jahren: Der eigentliche Trend war nicht das einzelne Exotenprodukt, sondern die Hülsenfrucht. Erbse und Kichererbse sind geblieben, weil sie zweimal überzeugen – auf dem Teller und auf dem Acker. Das Tigernussmehl zeigt die Kehrseite: Ein Lebensmittel kann noch so gesund sein, wenn es im Alltag umständlich bleibt, setzt es sich nicht durch. Das passt zu dem, was wir schon beim großen Superfood-Versprechen beobachtet haben, und es deckt sich mit der Frage, ob Veganismus nur ein Trend oder die Zukunft der Ernährung ist. Wie es ein Jahr später weiterging, haben wir uns in den Food-Trends 2021 angesehen.

Und falls du Erbsenprotein vor allem aus dem Sport kennst: Wann der Eiweiß-Shake nach dem Training wirklich etwas bringt, haben die Kollegen von InspiredBySports im Protein-Timing-Check 2026 aufgedröselt. Kurz: Die Quelle ist zweitrangig, die Gesamtmenge über den Tag zählt.

Gut zu wissen

Schmeckt Erbsenmilch nach Erbsen?

Nein. Der Drink ist weiß, sämig und leicht süßlich. Den typischen Erbsengeschmack merkst du nicht – in der ungesüßten Variante kommt er der Kuhmilch geschmacklich verblüffend nah.

Ist Erbsenmilch wirklich so proteinreich wie Kuhmilch?

Von der Menge her ja: rund 8 Gramm Eiweiß pro Viertelliter, vergleichbar mit Kuhmilch. Qualitativ wird Erbsenprotein vom Körper aber etwas schlechter verwertet, die biologische Wertigkeit liegt niedriger. Für eine ausgewogene Ernährung spielt das kaum eine Rolle.

Sind Tigernüsse echte Nüsse?

Nein. Tigernüsse, auch Erdmandeln genannt, sind die Knollen eines Sauergrases. Tigernussmehl ist daher von Natur aus nuss- und glutenfrei – ideal für Allergiker und glutenfreies Backen.

Warum gelten Kichererbsen als so nachhaltig?

Als Hülsenfrucht bindet die Kichererbse über Knöllchenbakterien 50 bis 100 Kilogramm Stickstoff pro Hektar im Boden und düngt so die nächste Kultur auf natürliche Weise. Dazu braucht sie wenig Wasser und verträgt Trockenheit. In Deutschland wächst sie inzwischen auf rund 1.300 bis 1.500 Hektar.

Bildquelle: Pexels / cottonbro studio
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