
Der Saal, der schon vor dem Ton spielt
Zwei Säle, zwei Ideen vom Hören: Hamburg baut den Weinberg, Wien hütet den goldenen Schuhkasten. Warum Architektur den Klang formt, bevor das Orchester überhaupt beginnt.
Du sitzt, das Licht dämmt herunter. Noch bevor der erste Bogen die Saite berührt, hat der Raum schon eine Entscheidung getroffen. Ein Konzertsaal ist kein neutraler Behälter für Musik. Er ist ein Instrument, das mitspielt. Wer einmal in einem wirklich guten Saal gesessen hat, weiß, dass der Luxus des Hörens nicht erst mit dem Orchester beginnt.
- Die Elbphilharmonie folgt dem Weinberg-Prinzip mit Terrassen rund um das Podium
- Ihre „Weiße Haut“ besteht aus über 10.000 einzeln gefrästen Paneelen
- Der Wiener Musikverein setzt auf das ältere Schuhkasten-Prinzip mit rund zwei Sekunden Nachhall
- Beide Säle zeigen: Der Raum entscheidet über den Klang, bevor der erste Ton fällt
Hamburg baut den Weinberg
Die Elbphilharmonie in Hamburgs HafenCity setzt ihren gläsernen Aufbau auf den früheren Kaispeicher A, entworfen vom Architekturbüro Herzog & de Meuron. Eröffnet wurde sie 2017. Der Große Saal folgt dem Weinberg-Prinzip: Die Terrassen der Sitzreihen steigen wie Rebhänge rund um das Podium an, sodass das Orchester in der Mitte steht und niemand weit entfernt sitzt. Der Saal fasst 2.100 Plätze. Kein Sitz liegt mehr als 30 Meter vom Dirigentenpult weg.
Das Herzstück dieser Idee ist die sogenannte Weiße Haut. Für die Akustik arbeitete das Büro mit dem Akustiker Yasuhisa Toyota zusammen. Das Ergebnis sind über 10.000 individuell gefräste Paneele aus Gipsfaserbeton, die Wände und Decke überziehen. Jedes Paneel hat flache und tief eingeschnittene Stellen, die den Schall gezielt reflektieren oder streuen. Man kann sich das wie eine steinerne Landschaft vorstellen, die den Klang nicht einfach zurückwirft, sondern ihn verteilt.

Wie man Stille überhaupt erst baut
Damit ein Saal so klingt, muss zuerst alles verschwinden, was ihn stören könnte. Der Große Saal der Elbphilharmonie ruht auf 362 Federpaket-Gruppen und ist durch eine Doppelwand vom Hafenlärm entkoppelt. Konzertgäste hören ungestört, während Hotelgäste und Anwohner nicht durch die Musik am Elbufer geweckt werden. Das ist der unsichtbare Teil des Luxus: Ein Raum, der außen mitten in einer lauten Stadt steht und innen eine Stille herstellt, in der ein Pianissimo überhaupt erst wirken kann. Diese Entkopplung ist keine Kleinigkeit. Der ganze Saal schwebt praktisch in seiner Hülle, damit kein Tritt von der Straße, keine Bahn im Untergrund und kein Wellenschlag am Kai bis zu den Ohren durchdringt. Erst diese aufwendig hergestellte Ruhe macht den Unterschied zwischen einem beliebigen Konzertraum und einem wirklich guten Saal, in dem noch das leiseste Detail einer Partitur ankommt.
Interessant ist, dass das Haus zwei Hörwelten unter einem Dach vereint. Neben dem Weinberg gibt es den rechteckigen Kleinen Saal mit 550 Plätzen, der bewusst dem klassischen Schuhkarton-Typ folgt. Damit macht die Elbphilharmonie eine architektonische Aussage. Sie stellt die moderne Terrassenform neben das jahrhundertealte Kastenmodell und lässt beide gelten. Der Weg dorthin ist übrigens selbst schon Inszenierung: Die öffentliche Plaza liegt 37 Meter über dem Boden, erreichbar über eine 82 Meter lange, leicht gekrümmte Rolltreppe mit rund 8.000 Scheiben, die etwa zweieinhalb Minuten bis zur Aussichtsplattform braucht.
Ein Konzertsaal ist kein neutraler Behälter für Musik. Er ist ein Instrument, das mitspielt.
Wien hütet den goldenen Kasten
Der Gegenentwurf steht in Wien und ist mehr als 150 Jahre älter. Der Wiener Musikverein wurde 1870 eröffnet, entworfen vom Architekten Theophil von Hansen als Tempel der Musik. Sein Großer Saal, der Goldene Saal, bietet regulär 1.744 Sitzplätze und rund 300 Stehplätze und ist seit der Eröffnung die Heimstätte der Wiener Philharmoniker. Er gilt bis heute als einer der renommiertesten Konzertsäle der Welt.
Bemerkenswert ist, wie unterschiedlich die beiden Häuser entstanden. Die Elbphilharmonie ist ein Präzisionsbau des 21. Jahrhunderts, dessen Klang am Computer und im Modell durchgerechnet wurde, bis jedes der über 10.000 Paneele seine Aufgabe kannte. Der Goldene Saal dagegen ist ein Werk aus einer Zeit vor der Raumakustik als Wissenschaft. Hansen baute nach Gefühl, Erfahrung und Proportion. Das Ergebnis hält seit mehr als 150 Jahren jedem Messgerät stand. Zwei Epochen, zwei Methoden, ein vergleichbar hoher Anspruch an das, was ein Ohr verdient.
Die Akustik beruht auf dem Schuhkasten-Prinzip, also einem hohen, schmalen Rechteck. Hansen konnte dabei auf keine wissenschaftlichen Studien zur Raumakustik zurückgreifen, traf aber intuitiv Proportionen, die bis heute als ideal gelten. Die Nachhallzeit liegt bei etwa zwei Sekunden, lang genug, dass ein Ton warm ausklingt, kurz genug, dass er nicht verwischt. Über den Köpfen zeigt die Decke August Eisenmengers Gemälde der neun Musen. Der historische Orgelprospekt prägt die Bühne als Markenzeichen des Saals.

Zwei Wege, ein Versprechen
Der Reiz liegt im Vergleich. Der Weinberg holt das Publikum nah ans Orchester und verteilt den Klang über eine hoch entwickelte Oberfläche. Der Schuhkasten fängt ihn in einem klaren Volumen und lässt ihn seitlich zurückkommen, warm und rund. Beide Säle wollen dasselbe, nämlich dass Musik nicht nur zu hören, sondern körperlich zu spüren ist. Sie erreichen es auf entgegengesetzten Wegen. Genau das macht den Besuch in beiden zu einer Lehrstunde über das Hören.
Aus der Distanz betrachtet erzählen diese Säle auch etwas über den Luxus, den sie bieten. Es ist nicht die Vergoldung und nicht die spektakuläre Silhouette am Wasser. Es ist die Genauigkeit, mit der ein Raum auf einen einzelnen Ton reagiert. Wer die Elbphilharmonie oder den Musikverein betritt, kauft kein Bild für die Kamera. Er bekommt eine akustische Präzision, die man erst im Sitzen begreift, wenn ein Streicher pianissimo spielt und der Ton trotzdem bis in die letzte Reihe trägt. Das ist eine Form von Reichtum, die sich nicht fotografieren lässt.
Das Ritual gehört dazu
Zu einem großen Saal gehört mehr als seine Physik. Im Musikverein gilt die Hausregel, dass selbst leises Flüstern stört, weil die Akustik so fein ist. Der Goldene Saal öffnet in der Regel eine halbe Stunde vor Beginn. Spätkehrer dürfen oft erst in der Pause Platz nehmen. Das klingt streng, ist aber Teil des Versprechens. Ein Raum, der so genau hört, verlangt auch von seinem Publikum Genauigkeit.
Vielleicht ist das der eigentliche Punkt. Ein großartiger Konzertsaal ist kein Hintergrund, vor dem Musik passiert. Er ist der erste Mitspieler, der schon steht, bevor das Orchester kommt. Wer das einmal verstanden hat, betritt einen Saal anders. Er sieht nicht mehr nur Sitzreihen und Gold, sondern eine über Jahrzehnte gebaute Entscheidung darüber, wie ein Ton bei ihm ankommen soll.
Kurz geklärt
▸Was ist der Unterschied zwischen Weinberg und Schuhkasten?
Beim Schuhkasten-Prinzip sitzt das Publikum in einem hohen, schmalen Rechteck vor der Bühne, wie im Wiener Musikverein. Beim Weinberg-Prinzip, das die Elbphilharmonie nutzt, steigen die Sitzterrassen rund um ein zentral gelegenes Podium an. Beide Formen erzeugen einen sehr guten, aber unterschiedlich gefärbten Klang.
▸Was ist die Weiße Haut der Elbphilharmonie?
So heißt die Innenverkleidung des Großen Saals aus über 10.000 einzeln gefrästen Paneelen aus Gipsfaserbeton. Ihre unregelmäßige Oberfläche reflektiert und streut den Schall gezielt, damit die Musik im ganzen Saal gleichmäßig ankommt.
▸Warum gilt der Wiener Musikverein akustisch als so gut?
Der Goldene Saal hat ein hohes, schmales Volumen mit einer Nachhallzeit von etwa zwei Sekunden. Der Architekt Theophil von Hansen traf diese Proportionen ohne wissenschaftliche Grundlage intuitiv. Sie gelten bis heute als nahezu ideal für sinfonische Musik.
Bildquelle: Titelbild Martin de Arriba; Beitragsbilder Peter Holmboe und Lucia Barreiros Silva (Pexels).
Quellen und weiterführende Informationen: Elbphilharmonie Hamburg und Wiener Musikverein.



