
Karosserie als Atelier: Coachbuilding kehrt zurück
Einzelstücke, Handformung, Namen wie Zagato und Pininfarina. Warum das Karosserie-Handwerk gerade wieder zum Statement wird, nicht zur Fußnote.
Lange galt Coachbuilding als Sache von gestern, eine Kunst für Museen und Concours-Rasen. Beim Blick auf die aktuellen Ateliers fällt auf: Das stimmt nicht mehr. Zagato, Pininfarina und Touring Superleggera bauen wieder Einzelstücke, die kein Konzern von der Stange liefern könnte. Nicht als Retro-Zitat, sondern als Gegenwart mit Werkstattgeruch. Die Karosserie ist wieder ein Atelier geworden.
- Pininfarina startete mit Walter De Silva das One-off-Programm UNICUM
- Der capricorn 01 Zagato debütierte am Comer See in der Spezifikation Tutto Rosso
- Zagatos AGTZ Twin Tail wechselt per abnehmbarem Heck zwischen zwei Silhouetten
- Touring Superleggera baut die Veloce12-Familie um einen 5,5-Liter-V12 mit 503 PS
Ein Programm für das Unwiederholbare
Den deutlichsten Beleg liefert Pininfarina. Zusammen mit dem Designer Walter De Silva startete das Haus das Programm UNICUM: Kunden geben exklusive Einzelstücke in Auftrag, das De Silva Automotive Studio entwirft, Pininfarina fertigt jedes Fahrzeug einmalig in italienischen Werkstätten. Das ist keine limitierte Serie mit anderer Farbe. Das ist ein Fahrzeug, das es genau einmal gibt.
Der Unterschied klingt nach Marketing, ist aber handwerklich real. Wer ein Einzelstück baut, kann keine Fehler in Stückzahlen verteilen. Jede Naht, jede Kante, jede Proportion muss von Anfang an sitzen. Genau das trennt eine Manufaktur von einer Fabrik: nicht der Preis, sondern die Unmöglichkeit, etwas noch einmal zu machen.
Rot bis in den letzten Winkel
Am Comer See zeigte Zagato, was heute möglich ist. Der capricorn 01 Zagato feierte dort sein italienisches Debüt in der Spezifikation Tutto Rosso, bei der laut Hersteller rund 95 Prozent aller sichtbaren Flächen in Rosso gehalten sind. Nur Schaltkulisse und Pedale bleiben kontrastierend, ein Detail, das die alten italienischen Rennwagen der dreißiger Jahre zitiert, ohne sie zu kopieren.
Technisch ist das kein Schauobjekt. Der capricorn 01 ist ein handgebauter Mittelmotor-Hypercar mit manuellem Getriebe, einem 5,2-Liter-Kompressor-V8 mit über 900 PS, einem Carbon-Monocoque aus der Prototypen-Rennklasse und einem Leergewicht unter 1.200 Kilogramm. Gebaut werden 19 Coupés. Das ist keine Serie. Das ist eine Auflage.
Eine Manufaktur unterscheidet sich von einer Fabrik nicht durch den Preis, sondern durch die Unmöglichkeit, etwas noch einmal genau so zu bauen.
Ein Heck, das man abnehmen kann
Noch radikaler denkt Zagato beim AGTZ Twin Tail. Das Auto vereint zwei Silhouetten in einem: Per abnehmbarem Heck wechselt es zwischen Shorttail und Longtail. Der lange Heckaufsatz darf als eigenständige Skulptur in der Garage stehen bleiben, während der Wagen im Shorttail-Modus gefahren wird. Kein Software-Update, kein Fahrmodus im Menü, sondern ein physischer Moduswechsel, den man in die Hand nimmt.

Der V12 als Bekenntnis
Touring Superleggera hält die andere Fahne hoch, die des Saugmotors. Die Veloce12-Familie baut auf einem 5,5-Liter-V12 mit 503 PS und 760 Newtonmetern, gekoppelt an eine Sechsgang-Schaltung. Die Aperta-Variante ergänzt die Linie mit versenkbarem Dach und einer geschätzten Höchstgeschwindigkeit von 290 Stundenkilometern. Karosserie aus Carbon, Brembo-Bremsen, ein maßgeschneidertes Fahrwerk mit variabler Dämpfung. Jedes Exemplar wird kundenspezifisch gefertigt.
Touring nennt sein heutiges Geschäft schlicht low-volume bespoke motorcars, in der Tradition der Superleggera-Bauweise. Das ist die ehrlichste Beschreibung dessen, was hier passiert. Es geht nicht um Masse, es geht um das Recht, ein Auto genau so zu bekommen, wie man es will, mit einem Handschalter und einem Motor, der atmet statt lädt.
Warum die Nische keine mehr ist
Am Comer See standen in diesem Frühjahr die Beweise nebeneinander. Ein Ferrari 250 GTZ gewann seine Klasse, Zagato zeigte Klassiker wie den Lancia Flaminia Sport Zagato von 1959. Die neuen One-offs standen daneben, als wäre nie eine Lücke gewesen. Genau das ist der Punkt. Coachbuilding ist keine Restauration von Vergangenem, sondern eine lebende Disziplin, die aus alten Formen neue Präzision holt.

Wer heute ein Einzelstück in Auftrag gibt, kauft kein Statussymbol im üblichen Sinn. Er kauft die Gewissheit, dass ein Team von Menschen Wochen an einer einzigen Karosserie gearbeitet hat, die kein zweites Mal existiert.
Das ist teurer als jede Serie. Es ist auch das Gegenteil von beliebig.
Die Details
▸Was ist Coachbuilding eigentlich?
Coachbuilding bezeichnet die manuelle Fertigung einer Fahrzeugkarosserie durch eine spezialisierte Manufaktur, oft als Einzelstück oder in strikt limitierter Auflage. Häuser wie Zagato, Pininfarina und Touring Superleggera stehen für diese Tradition, die heute wieder aktiv gepflegt wird.
▸Was macht den AGTZ Twin Tail besonders?
Der von Zagato gebaute AGTZ Twin Tail vereint zwei Silhouetten. Über ein abnehmbares Heck lässt sich das Auto zwischen einer kurzen und einer langen Version wechseln. Der lange Heckaufsatz kann als eigenständige Skulptur in der Garage verbleiben.
▸Welchen Motor nutzt die Touring Superleggera Veloce12?
Die Veloce12 baut auf einem 5,5-Liter-Saugrohr-V12 mit 503 PS und 760 Newtonmetern, kombiniert mit einer Sechsgang-Schaltung. Die Aperta-Variante ergänzt die Linie mit versenkbarem Dach und Carbon-Karosserie, jeweils kundenspezifisch gefertigt.


