//CULTURERohbeton mit Schalungsnarben in warmem Seitenlicht
Rohbeton lebt von seiner Oberfläche: Schalungsnarben, Poren und Patina. Foto: Kaan Keskin.
7. Juni 2026

Beton, der sich anfassen lässt

InspiredByLuxury·//CULTURE

Lange galt Rohbeton als kalt und abweisend. Heute sammeln, bewohnen und begehren Menschen genau diese Oberflächen. Ein Blick darauf, warum Schalungsnarben plötzlich sinnlich wirken.

Es beginnt mit einer Wand, die niemand geglättet hat. Kein Putz, kein Anstrich, nur der Abdruck der Holzbretter, in die man den Beton einst gegossen hat. Früher hieß so etwas unfertig. Heute stehst du davor und fährst mit der Hand über die Poren, weil dieser Stein etwas erzählt, das eine lackierte Fläche nie könnte.

Prolog

  • Der Begriff geht auf Le Corbusiers „béton brut“ zurück, populär gemacht hat ihn der Kritiker Reyner Banham
  • Das Londoner Barbican zeigt, wie viel Handarbeit in einer scheinbar rohen Oberfläche steckt
  • Der Bildband „Brutalist Interiors“ (Blue Crow Media) macht das Wohnen im Beton zum Sammelobjekt
  • Unter dem Etikett „Soft Brutalism“ zieht die Masse des Betons gerade in warme Interieurs ein

Vom Schimpfwort zum Sammelbegriff

Das Missverständnis steckt schon im Wort. Brutalismus klingt nach Gewalt, kommt aber von „béton brut“, roher Beton, wie Le Corbusier ihn nannte. Der britische Kritiker Reyner Banham machte den Begriff in den 1950er Jahren populär. Die Tate ordnet den Stil den 1950er und 1960er Jahren zu: blockartige Formen, sichtbare Struktur, Material im Rohzustand. In London stehen die bekanntesten Zeugen dieser Idee offen sichtbar, die Hayward Gallery und das National Theatre.

Was die Sache interessant macht, ist der Stimmungswechsel. Jahrzehntelang stand Rohbeton für Sozialbau, Verwahrlosung und graue Wetterflecken. Inzwischen kippt das Urteil. Ein Grund liegt im Gegensatz zur digitalen Bilderflut. Wo alles gefiltert, geglättet und optimiert ist, wirkt eine Oberfläche mit Fehlern wieder ehrlich. Der Film „The Brutalist“ hat 2024 dazu beigetragen, dass der Stil aus der Fachdebatte in die Popkultur rutschte. Plötzlich tauchen Rohbeton-Wände auf Interior-Boards auf, wo vor wenigen Jahren noch Marmor und Messing dominierten. Was lange als Zumutung galt, wird jetzt als Charakter gelesen. Die Skepsis ist nicht ganz verschwunden. Das ist gut so, denn ein Material, das man erst verstehen muss, hält länger als eines, das sofort gefallen will.

Das Barbican und die Kunst der rohen Haut

Wer verstehen will, warum Beton sinnlich sein kann, fährt am besten zum Barbican Estate. Die Anlage in der City of London umfasst laut Historic England über 2.000 Wohnungen mit mehr als 4.000 Bewohnern. Der scheinbar rohe Look ist dabei mit hohem Aufwand entstanden. Die Betonsäulen wurden in Ringabschnitten gegossen und anschließend per Hand mit Pickhämmern bearbeitet, bis die Stoßfugen verschwanden und eine einheitliche Textur entstand. Es ist die Umkehrung dessen, was man von Luxus erwartet: nicht die glatte Politur, sondern die kontrollierte Rauheit als Zeichen von Sorgfalt.

Genau hier liegt der Punkt, den die meisten Beton-Verächter übersehen. Diese Oberfläche ist kein Zufallsprodukt, sie ist Handwerk. Jemand hat entschieden, dass die Haut des Gebäudes rau bleiben soll. Jemand anderes hat das mit dem Hammer umgesetzt. Die Queen eröffnete das Barbican Centre 1982, die Wohnsiedlung war schon 1974 fertig. Ein halbes Jahrhundert später ist die Anlage kein Mahnmal, sondern eine begehrte Adresse. Reyner Banham hatte für diese Art zu bauen früh drei Prinzipien benannt: die Bildhaftigkeit eines Baus, die klare Zurschaustellung seiner Struktur und den Wert der Materialien im Zustand, in dem man sie vorfindet. Genau das lässt sich am Barbican ablesen, wenn man die Hand an eine der bearbeiteten Säulen legt und die Spuren des Werkzeugs spürt.

Betontreppe im Barbican-Stil mit rauer Oberfläche
Im Barbican wurde jede Säule nach dem Guss von Hand mit Pickhämmern bearbeitet. Foto: KEHN HERMANO.

Wohnen im Rohbau als Sammelobjekt

Dass diese Ästhetik längst im Wohnzimmer angekommen ist, zeigt ein Buch. „Brutalist Interiors“, erschienen bei Blue Crow Media unter Herausgeber Derek Lamberton, versammelt sieben Essays und über hundert Fotografien und stand auf der Financial-Times-Liste der besten Kunst- und Architekturbücher des Jahres 2025. Es führt vor, dass roher Beton nicht nur eine Fassade sein muss, sondern ein Innenraum zum Leben.

Der Beton ist Wand, Decke und Charakter zugleich. Wer darin lebt, richtet sich nicht gegen den Raum ein, sondern mit ihm.

Ein Beispiel aus dem Band ist Moshe Safdies Habitat 67 in Montreal, ein Wohnkomplex aus 354 vorgefertigten Betonwürfeln. Von außen wirkt das wie ein gestapeltes Kinderspiel, von innen wie ein bewohnbares Manifest. Der Reiz liegt darin, dass hier niemand versucht hat, das Material zu verstecken. Der Beton ist Wand, Decke und Charakter zugleich. Wer darin lebt, richtet sich nicht gegen den Raum ein, sondern mit ihm.

Der Band geht dabei bis in die intimsten Winkel eines Hauses. Er beschreibt etwa eine Duschzelle aus board-marked Beton, deren Wände die Maserung der Schalbretter tragen, sodass die Haut beim Duschen auf eine Oberfläche trifft, die eher an gewachsenes Holz erinnert als an eine kalte Kulisse. Das ist der Moment, in dem Rohbeton aufhört, ein Statement zu sein. Es wird zu einem Material zum Anfassen. Die Schalungsnarbe ist dann kein Makel, sondern eine taktile Spur der Herstellung.

Soft Brutalism: wie die Masse warm wird

Der eigentliche Trend heißt inzwischen „Soft Brutalism“. Die Idee dahinter beschreibt der Fliesenhersteller FAP Ceramiche für das laufende Interior-Jahr so: Beton wirkt samtig statt kalt, Stein bleibt porös, Metall wird matt und patiniert. Roher Beton und Stahl treffen auf Holz, Kupfer und Glas, dazu eine Palette aus Weiß, Beige, Taupe und Ecru. Die Monumentalität bleibt, die Schroffheit weicht.

Das ist der entscheidende Kniff, der Beton wohnbar macht, ohne ihn zu verraten. Es geht nicht darum, das Material weichzuspülen, bis es wie etwas anderes aussieht. Es geht darum, seine Masse als Ruhepol zu nutzen und ihr genug warme Materialien zur Seite zu stellen, dass ein Raum entsteht, in dem man bleiben will. Wer schon einmal in einem gut gemachten Betoninnenraum stand, kennt diese kühle, matte Präsenz, die den ganzen Körper beruhigt.

Betonoberfläche mit warmer Patina im Soft-Brutalism-Ton
Soft Brutalism nimmt der Masse die Kälte: warmes Licht und Patina statt grauer Schroffheit. Foto: Jan-Roger Antonsen.

Warum die Patina den Unterschied macht

Am Ende entscheidet die Oberfläche. Ein frisch gegossener Beton kann kalt wirken, ein gealterter erzählt. Regen, Licht und Zeit hinterlassen Spuren. Genau diese Spuren sind es, die Sammler und Bewohner heute suchen. Das Barbican Conservatory, das zweitgrößte seiner Art in London, öffnete 1984 hinter der Betonhülle und beherbergt über 1.500 Pflanzenarten. Feuchte Luft, Blattgrün und roher Stein, das ist kein Widerspruch, sondern ein Zusammenspiel.

Die Anlage bleibt in Bewegung. 2026 genehmigte die City of London Corporation die erste Phase eines Sanierungsprogramms mit einem Volumen von 231 Millionen Pfund, Baustart ist ab 2027 geplant. Roher Beton altert also nicht in Ruhe, er wird gepflegt, ertüchtigt und weitergegeben. Vielleicht ist das der eigentliche Luxus an dieser Ästhetik. Sie verlangt keine Perfektion, sie belohnt Pflege.

Kurz geklärt

▸Woher kommt der Begriff Brutalismus?

Er leitet sich von Le Corbusiers „béton brut“ ab, also rohem Beton, populär gemacht hat ihn der Kritiker Reyner Banham in den 1950er Jahren. Mit Gewalt oder Brutalität hat das Wort nichts zu tun, auch wenn es so klingt.

▸Warum wirkt Rohbeton heute wieder attraktiv?

In einer Zeit gefilterter und geglätteter Bilder wirken Oberflächen mit sichtbarer Struktur ehrlich. Dazu kommt das Wissen, dass eine gute Betonoberfläche oft echtes Handwerk ist, wie die von Hand bearbeiteten Säulen im Londoner Barbican zeigen.

▸Was bedeutet Soft Brutalism?

Der Interior-Begriff beschreibt Räume, in denen die Masse und Monumentalität des Betons bleibt, die Schroffheit aber durch warme Materialien wie Holz, Kupfer und gedeckte Farbtöne abgemildert wird. Der Beton wird so wohnbar, ohne seine Präsenz zu verlieren.

Bildquelle: Titelbild Kaan Keskin; Beitragsbilder KEHN HERMANO und Jan-Roger Antonsen (Pexels).

Quellen und weiterführende Informationen: Tate, Historic England, Barbican und der Bildband „Brutalist Interiors“ (Blue Crow Media).

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