Warum Bergkäse im feuchten Felsenkeller besser reift als in jeder Klimakammer
Bergkäse braucht mindestens 200 Tage. Was sein Aroma entscheidet, ist nicht die Milch allein – sondern Luftfeuchte, Holzregal und die Hand, die ihn täglich wendet.
//TASTEBergkäse braucht mindestens 200 Tage. Was sein Aroma entscheidet, ist nicht die Milch allein – sondern Luftfeuchte, Holzregal und die Hand, die ihn täglich wendet.
Bergkäse wird im Stein gemacht, nicht in der Maschine. Wer einmal in einem feuchten Reifekeller stand, in dem hunderte Laibe auf rohem Fichtenholz liegen, versteht, warum 90 Prozent Luftfeuchte und ein paar Grad weniger den Unterschied zwischen einem ordentlichen und einem großen Käse ausmachen.
Stell dir einen Laib Bergkäse vor, wie er an dem Tag aus dem Kessel kommt, an dem er gemacht wurde. Er ist blass, glatt, ein bisschen quietschend zwischen den Zähnen, geschmacklich noch fast nichts. Alles, was ihn später ausmacht, liegt vor ihm. Es passiert in den nächsten Monaten, in einem Raum, den die meisten nie sehen.
Reifung ist keine Wartezeit, sondern Arbeit. Im Inneren bauen Milchsäurebakterien das Eiweiß langsam ab, es entstehen die kleinen, knackigen Kristalle, die ein langgereifter Käse hat. Außen siedelt sich auf der Rinde eine eigene Kultur an, Rotschmiere und Edelschimmel, die den Geschmack von der Schale her ins Innere trägt. Beides braucht Zeit, und beides braucht das richtige Klima. Der Lebensmittelkodex schreibt für Bergkäse mindestens drei Monate vor. Käser wissen, dass das die Untergrenze ist. Sein volles, würzig-pikantes Aroma zeigt ein Bergkäse erst nach gut 200 Tagen, manche lassen ihn 18 Monate und länger liegen. Mehr zum Thema: Vermouth im Holzfass: ein anderes Reifen, dieselbe Geduld.
Die Bedingungen klingen unspektakulär: 12 bis 16 Grad, 90 bis 95 Prozent relative Luftfeuchte. Aber genau diese feuchte, kühle Luft ist das Geheimnis. Ist sie zu trocken, reißt die Rinde, der Käse verliert Wasser und wird hart und bitter, bevor er reif ist. Ist sie zu warm, läuft die Reifung davon, der Geschmack wird unsauber.
Eine Klimakammer kann diese Werte halten. Sie kann sie sogar exakt halten. Und trotzdem schmeckt ein Käse, der in einem natürlichen Keller gereift ist, oft anders, runder, vielschichtiger. Der Grund liegt in den Wänden. In einem alten Stein- oder Felsenkeller leben über Jahrzehnte gewachsene Mikrokulturen, in der Luft, im Holz, in den Mauern. Sie setzen sich auf jeden neuen Laib und prägen ihn mit. Eine sterile Edelstahlkammer hat diese Bewohner nicht. Sie hält das Klima, aber sie erzählt keine Geschichte. Mehr zum Thema: Atlantik-Weine zum Bergkäse: warum Säure hier Sinn macht.
Eine Klimakammer hält die Werte. Ein alter Keller hält das Leben.
Wie ernst es manche damit meinen, siehst du im Tiroler Niederndorf bei Kufstein. Die Käserei Plangger, seit 1956 ein Familienbetrieb, hat 2015 einen eigenen Felsenkeller in Betrieb genommen. 160 Meter lang, zehn Meter breit, zehn Meter hoch, ein Raum, den Besucher mit einer Kathedrale vergleichen. Bis zu 50.000 Laibe finden dort Platz.
Der Berg liefert das Klima von allein. Konstante 12 bis 13 Grad, über 90 Prozent Luftfeuchte, ohne dass eine einzige Maschine läuft. Der Schnitt- und Hartkäse reift dort bis zu zwölf Monate, der Felsenkellerkäse selbst gute 200 Tage, oft länger. Was die Mauern vorgeben, vollendet die Hand: Damit die Rinde sich bildet, wird jeder Laib regelmäßig gebürstet und mit Salzwasser eingerieben. Es ist die alte Logik der Sennerei, nur in einem Stein, der dafür gebaut wurde.
Der schönste Keller nützt nichts ohne den Menschen darin. Affinage, die Veredelung des fertigen Käses, ist Handwerk im wörtlichen Sinn. Ein Affineur kauft oft den jungen Käse direkt vom Hersteller und bringt ihn über Wochen und Monate zur Reife. Er kennt die Rassen der Kühe, die Milch, das Klima des Ortes, an dem der Käse gemacht wurde, und er weiß, was dieser eine Laib jetzt braucht.
Die Arbeit ist immer dieselbe und doch nie gleich: wenden, damit er sich nicht setzt. Bürsten, damit die Rinde atmet. Mit trockenem Salz oder Salzlake waschen, damit sich die richtige Kultur ansiedelt und die falsche nicht. Über die Salzbehandlung steuert ein guter Affineur Festigkeit, Geschmack und Rinde mehr als über alles andere. Das ist der Unterschied zwischen Käse, der nur alt geworden ist, und Käse, der gereift wurde.
Es gibt einen Reiz an dem Gedanken, Bergkäse im Klima alter Weinkeller reifen zu lassen, und der Reiz ist kein Marketing. Ein über Generationen genutzter Weinkeller bringt fast alles mit, was ein Käse will: gleichmäßige Kühle, hohe Luftfeuchte, dicke Mauern, die das Klima puffern, und Wände, die seit Jahrzehnten von lebendigen Kulturen bewohnt sind. Holzregale statt Edelstahl, Dämmerlicht statt Neon. Es ist dieselbe feuchte Ruhe, die auch einen guten Wein altern lässt.
Wein und Käse teilen mehr als den Teller, auf dem sie zusammenkommen. Es gibt seit Langem Käse, der mit Wein gewaschen oder veredelt wird, die Tiroler kennen das vom Weinkäse her. Die Rinde im feuchten Kellerklima reifen zu lassen, ist die nächstliegende Verlängerung dieser Verwandtschaft. Ob ein Tiroler Käser seinen Bergkäse heute tatsächlich in einem alten Weinkeller einlagert, ist eine Frage des einzelnen Betriebs. Die Handwerkslogik dahinter stimmt in jedem Fall. Ein feuchter, lebendiger Keller ist für einen reifenden Käse ein guter Ort, egal was vorher darin lag.
Du musst kein Käser sein, um zu merken, ob ein Bergkäse seine Zeit bekommen hat. Schneide ihn an. Ein lange gereifter Laib zeigt die kleinen weißen Kristalle, die auf der Zunge knirschen, ein Zeichen für abgebauten Eiweiß und echte Reife. Die Rinde ist nicht glatt und steril, sondern lebendig, leicht rau, oft erdig im Geruch. Im Mund kommt erst die Süße, dann das Würzige, am Ende ein langer, fast salziger Nachhall, der bleibt.
Ein junger Käse aus der Klimakammer kann sauber schmecken und ordentlich sein. Aber er hat selten diesen Nachhall, diese Tiefe, die nur Zeit und ein lebendiger Raum geben. Wenn du das nächste Mal an einer Käsetheke stehst, frag nicht nach dem teuersten Stück. Frag, wie lange er gereift ist und wo. Die Antwort sagt dir mehr über den Geschmack als jeder Preis.
Laut österreichischem Lebensmittelkodex mindestens drei Monate. Sein volles, würzig-pikantes Aroma entwickelt ein Bergkäse aber erst nach rund 200 Tagen. Lang gereifte Laibe liegen 18 Monate und länger im Keller.
Tiroler Bergkäse reift bei 12 bis 16 Grad und einer relativen Luftfeuchte von 90 bis 95 Prozent. Die feuchte, kühle Luft verhindert, dass die Rinde reißt, und lässt die Kulturen auf der Schale arbeiten.
Eine Klimakammer hält Temperatur und Feuchte exakt, ist aber steril. In einem alten Fels- oder Steinkeller leben über Jahrzehnte gewachsene Mikrokulturen in Luft, Holz und Mauern. Sie prägen jeden neuen Laib mit und geben dem Käse mehr Tiefe.
Das hängt vom einzelnen Betrieb ab und ist kein flächendeckender Standard. Die Idee folgt aber einer schlüssigen Handwerkslogik: Ein alter Weinkeller bringt gleichmäßige Kühle, hohe Luftfeuchte und lebendige Wände mit, also genau das Klima, das ein reifender Käse braucht. Bekannt ist die Reifung im Fels, etwa im Felsenkeller der Käserei Plangger in Tirol.
Quelle Titelbild: Pexels / Magda Ehlers