Der 355 by Evoluto in Front-Dreiviertelansicht, StudioaufnahmeEvoluto
Restomod, Peak Analogue
20. Juni 2026

Ein V8, der schreit. Eine Kulisse, die klackt.

Jakob Bach·7 min Lesezeit

Wie Evoluto den letzten analogen Ferrari wieder zum Leben bringt, ohne ihm die Seele zu nehmen.

Auf den Punkt

  • Der 355 by Evoluto ist ein Restomod auf Basis des Ferrari F355, entwickelt von DRVN Advanced Engineering im englischen Coventry. Die Karosserie zeichnete Ian Callum, den Innenraum Wayne Burgess. Rund 85 Prozent des Wagens sind neu.
  • Der originale 3,5-Liter-V8 bleibt, jetzt mit rund 420 PS und bis zu 8.500 Touren, optional 480 PS aus 3,7 Litern. Statt der alten F1-Automatik schaltet ein Sechsgang-Handschalter durch eine offene Kulisse. Trockengewicht rund 1.250 Kilogramm.
  • Limitiert auf 55 Wagen. Der Aufbau beginnt bei 695.000 Pfund, umgerechnet etwa 810.000 Euro, dazu kommen ein Spender-F355 und die Individualisierung.

Es gibt Autos, die man am Klang erkennt, bevor man sie sieht. Der Ferrari F355 gehört dazu. Dieser hochdrehende V8, der erst kurz vor 8.500 Touren seine ganze Wahrheit zeigt, hat eine ganze Generation geprägt, meine eingeschlossen.

Der F355 war von 1994 bis 1999 das Auto, an dem man lernte, was ein Saugmotor kann, wenn ihn niemand mit Software zähmt. Pininfarina zeichnete die Form, der 3,5-Liter-V8 hatte damals die höchste spezifische Leistung aller Serien-Saugmotoren. 1997 bekam der Wagen als erster Ferrari das Schalten per Lenkradwippe. Mit ihr begann bei Ferrari der allmähliche Abschied von der offenen Schaltkulisse, jener verchromten Gitterführung, durch die man den Hebel mit der Hand schob. Wer einen F355 mit drei Pedalen und offenem Gate gefahren ist, weiß, warum Sammler heute genau diese Variante suchen.

Jetzt hat jemand den F355 noch einmal gebaut. Nicht in Maranello, sondern in einer Werkhalle in Coventry. Und je länger ich mich in das Projekt einlese, desto klarer wird: Das hier ist kein Tuning-Kit mit Aufpreis, sondern eine sehr ernste Antwort auf eine Frage, die mich seit Jahren umtreibt. Was, wenn man das beste analoge Auto der Neunziger nimmt und ihm die Schwächen austreibt, ohne ihm die Seele zu nehmen?

420 PS
3,5-Liter-V8, Saugmotor, bis 8.500/min
55
Wagen weltweit, LHD und RHD
1.250 kg
Trockengewicht, rund 100 kg leichter
Die offene Schaltkulisse des 355 by Evoluto mit Carbon-Schaltknauf
Die offene Schaltkulisse kehrt zurück: Carbon-Schaltknauf, polierter Hebel, Alcantara mit orangem Keder, kein Bildschirm. Foto: Evoluto Automobili / DRVN Automotive Group.

Aus Coventry, nicht aus Maranello

Hinter Evoluto steht DRVN Advanced Engineering, Teil der DRVN Automotive Group. Bevor die Firma unter eigenem Namen auftrat, hat sie rund zwei Jahrzehnte lang als stiller Zulieferer gearbeitet, an Jaguar F-Type und i-Pace, an Carbonteilen für Hochleistungsprojekte, sogar am Hilfsrahmen eines aktuellen Ferrari-Hybrids. Das ist eine andere Herkunft als die romantische Garagengründung, die man bei Restomods sonst erzählt. Hier wussten Leute, die Serienteile für große Marken bauen, ganz genau, was ein dreißig Jahre alter Ferrari heute besser können muss.

Den Innenraum verantwortet Wayne Burgess, Designchef der Gruppe und vorher bei Jaguar. Die Karosserie hat Ian Callum gezeichnet, der zuvor Jaguar und Aston Martin prägte. Sie ist komplett aus Carbon, nur das Dach bleibt Stahl, vorn 77 und hinten 66 Millimeter breiter, 25 Millimeter tiefer, die Verwindungssteifigkeit um knapp ein Viertel höher. Vom Spender bleiben am Ende der Chassis-Kern, der Motorblock und das aufbereitete Originalgetriebe. Alles andere, rund 85 Prozent, ist neu. Über dem Ganzen steht ein Satz, den die Firma wie ein Mantra wiederholt und der mir besser gefällt als jedes Datenblatt.

Peak Analogue.Die Leitidee hinter dem 355 by Evoluto

Kein Touchscreen, kein Infotainment-Bildschirm. Stattdessen Carbon, Alcantara und gefrästes Aluminium, dort wo man hingreift. Das ist eine Haltung, keine Ausstattungsliste. Und sie zieht sich konsequent bis in die Teile, die niemand sieht: ein komplett neuer Kabelbaum, Steckverbinder im Flugzeugstil, ein abkoppelbarer Heck-Hilfsrahmen. Damit lässt sich der Motor in einem Bruchteil der früheren Zeit ausbauen. Wer ein altes Auto wirklich fahren will, statt es nur zu besitzen, weiß solche Dinge zu schätzen.

Was bleibt, was verschwindet

Die wichtigste Entscheidung ist zugleich die leiseste: Evoluto wirft die F1-Automatik des Spenders raus und baut das manuelle Sechsganggetriebe wieder ein, überholt, mit neuen ersten beiden Gängen und der offenen Kulisse. Genau das, was der F355 ab Werk verlor, kommt zurück. Der V8 bekommt über zweihundert neue Bauteile und dreht in der Basis bis 8.500 Touren, im optionalen 3,7-Liter-Paket mit Titanpleueln sogar bis 9.000. Das Fahrwerk ist neu, mit Drei-Wege-Dämpfern, die Lenkung schneller übersetzt, gut zwei Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag, Brembo-Bremsen mit sechs Kolben, Michelin Pilot Sport 4S.

Bemerkenswert ist, was Evoluto bewusst nicht tut. Die Firma nennt keine offizielle Zeit von null auf hundert. Schätzungen liegen bei rund fünf Sekunden, was im Jahr 2026 kein Wert ist, mit dem man angibt. Genau das ist der Punkt. Es geht nicht um die Zahl, es geht um die Art, wie diese Zahl zustande kommt. 420 PS in einem Wagen von rund 1.250 Kilogramm sind keine Ansage fürs Datenblatt, sondern ein Versprechen für die Straße: dauerhaft Vollgas, ohne sofort in absurde Geschwindigkeiten zu schießen.

Der 355 by Evoluto in Bewegung durch einen Tunnel
Im Tunnel zeigt der V8, was die Tester meinen: ein Klang, der sich zwischen den Wänden auftürmt. Foto: Evoluto Automobili / DRVN Automotive Group.

Wie es sich anfühlt, sagen die, die ihn fuhren

Ich bin den 355 by Evoluto nicht gefahren. Aber die ersten, die durften, beschreiben ihn auf eine Weise, die zu allem passt, was ich über das Projekt gelesen habe. Top Gear nennt den Klang einen der rohesten und besten, den der Tester je erlebt hat, lauter als manches Hypercar mit dem Vierfachen an Leistung. Bei Larry Chen schreit der Motor jenseits von 8.000 Touren wie kaum etwas anderes. Das Schalten wird im hohen Drehzahlbereich leichter, als möge es das Getriebe, wenn man es fordert.

Was mir an diesen Berichten am meisten gefällt, ist der Widerstand, von dem sie erzählen. Schalten verlangt bewusste Kraft, man zwingt den Hebel in den Schlitz, kein lässiges Wegtippen. Wenn Kupplung, Gang und Gasstoß zusammenpassen, antwortet die Kulisse mit einem satten Klacken, das die Tester übereinstimmend als das eigentliche Erlebnis beschreiben. Das Lenkrad hat einen dünnen Kranz und reichlich Tiefe, die Lenkung bleibt hydraulisch und präzise, ohne hyperaktiv zu wirken. Und das Fahrwerk, so steif die Struktur auch ist, federt geschmeidig, das Auto atmet mit der Straße, statt sie zu bekämpfen. Unter 4.000 Touren spürt man eine kurze Pause, fast einen kleinen Durchhänger, darüber kippt der Motor in die Wildheit, für die der F355 immer stand.

Der Innenraum, schreibt einer der Tester, rieche nach teurem Leder, nicht nach vergilbtem Neunziger-Plastik. Das ist eine kleine Beobachtung, aber sie sagt alles. Hier hat jemand nicht nur die Technik modernisiert, sondern den Eindruck, den der Wagen im Stillstand macht, bevor der Motor überhaupt läuft.

Key Facts, 355 by Evoluto

BasisFerrari F355 (1994 bis 1999), strukturell intakter Spender erforderlich
Motor3,5-Liter-V8, Saugmotor, rund 420 PS, bis 8.500/min, optional 3,7 L mit 480 PS
Getriebe6-Gang manuell, offene Kulisse, Originalgetriebe überholt, F1-Automatik entfällt
Karosserie & DesignCarbon (Dach Stahl), Design Ian Callum, Innenraum Wayne Burgess
FahrwerkNeu, Drei-Wege-Dämpfer, Lenkung rund 2,0 Umdrehungen, Brembo Sechskolben, Michelin Pilot Sport 4S
GewichtRund 1.250 kg Trockengewicht
Auflage & Preis55 Stück, Aufbau ab 695.000 Pfund (umgerechnet etwa 810.000 Euro) plus Spender
Verdikt

Aus der Distanz betrachtet ist der 355 by Evoluto eine kluge Wette. Während rundherum über Elektroantrieb und Software diskutiert wird, setzt Evoluto kompromisslos auf das Analoge. 55 Wagen, dann ist Schluss, keine offizielle Beschleunigungszeit. Das ist keine Bescheidenheit, das ist Selbstbewusstsein. Wer so etwas baut, baut es nicht für die Bestenliste, sondern für einen sehr bestimmten Menschen, der genau weiß, was er an einem analogen Ferrari vermisst.

Mich überzeugt, dass die Firma am richtigen Ende angefangen hat. Nicht bei der Leistung, sondern bei der offenen Kulisse, beim Klang, beim Gewicht, bei der Servicefreundlichkeit. Der F355 war immer ein Auto, das ein Versprechen gab. Evoluto löst es ein, mit dreißig Jahren Abstand und der Ruhe von Leuten, die wissen, was sie tun. Bleibt am Ende dieser eine Gedanke, den die offene Kulisse bei mir auslöst, lange bevor ich je in einem dieser 55 Wagen sitzen werde: dass das satte Klacken eines Metallhebels mehr über ein Auto verrät als jede Zehntelsekunde.

Die Details

▸Wie viele werden gebaut und kann man noch bestellen?

Geplant sind 55 Wagen, als Links- und als Rechtslenker. Aufträge sind laut Unternehmen bereits eingegangen, der Schwerpunkt liegt in den USA. Ein konkretes Datum für das erste Kundenauto nennt Evoluto bislang nicht belastbar.

▸Was kostet der 355 by Evoluto?

Der Aufbau beginnt bei 695.000 Pfund, umgerechnet etwa 810.000 Euro. Dazu kommt ein Spender-F355, für gute Exemplare oft im Bereich von 140.000 bis 230.000 Euro, sowie die Individualisierung. Realistisch landet eine Komplettrechnung jenseits von 900.000 Euro. Einen offiziellen Euro-Listenpreis nennt Evoluto nicht.

▸Was genau wird am F355 verändert?

Rund 85 Prozent des Wagens sind neu: Carbon-Karosserie, komplett neues Fahrwerk, ein um über zweihundert Teile überarbeiteter V8 mit rund 420 PS (optional 480 PS) und das auf die offene Schaltkulisse zurückgebaute Getriebe. Erhalten bleiben Chassis-Kern, Motorblock und das aufbereitete Originalgetriebe des Spenders. Die F1-Automatik entfällt bewusst.

❖
Bilder: Evoluto Automobili / DRVN Automotive Group (Pressematerial).
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