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29. September 2022 // 15:29 Uhr

Sterneküche in München und im Chiemgau: was aus den Sternen wurde

InspiredByLuxury·Aus dem Archiv, neu aufgelegt

2022 haben wir dir die Sterneküche zwischen Isarmetropole und Chiemsee vorgestellt. Heute steht im Chiemgau ein Drei-Sterne-Haus, München zählt zwei davon, und ein gefeierter Tegernsee-Koch ist weg vom Fenster. Der Rückblick.

Als wir 2022 über die Sterneküche in München und dem Chiemgau geschrieben haben, klang vieles wie eine offene Rechnung. Edip Sigl jagte im Achental seinem dritten Stern hinterher, das Tantris kämpfte sich aus einer Umbaupause zurück, und am Tegernsee thronte Christian Jürgens mit drei Sternen. Drei Jahre später ist die Karte neu gemischt. Wer hat geliefert, wer ist gefallen?

Amuse-Bouche

  • Das Es:senz im Achental bei Grassau hat 2024 den dritten Michelin-Stern geholt, als einziges deutsches Restaurant in dem Jahr.
  • München hat 2025 erstmals zwei Drei-Sterne-Häuser: das Tohru in der Schreiberei und das JAN von Jan Hartwig.
  • Das Tantris steht weiter bei zwei Sternen, das Gabelspiel von Florian Berger hält seinen einen.
  • Christian Jürgens ist nach Vorwürfen freigestellt, sein Restaurant Überfahrt am Tegernsee fing 2025 mit einem Stern neu an.
  • 16 bis 17 Lokale in München tragen mindestens einen Stern, das Niveau in der Region ist so dicht wie nie.
Sterneküche in München und dem Chiemgau - einfach lecker!

Die Isarmetropole war mit Eckart Witzigmann und dem Tantris ab 1974 die Wiege der deutschen Sterneküche. Diese Strahlkraft reicht bis heute ins Chiemgau, und sie ist eher stärker geworden. Im Guide Michelin 2025 trägt München rund 17 Restaurants mit mindestens einem Stern, darunter zum ersten Mal zwei Häuser mit drei Sternen. Was 2022 noch nach Ausnahme klang, ist Normalität geworden: Die Region zwischen Altstadt und Chiemsee gehört zur europäischen Spitze.

Das Gabelspiel in Obergiesing, das wir damals als bezahlbaren Geheimtipp nahe der Redaktion beschrieben haben, hält bis heute seinen Stern. Küchenchef Florian Berger, der unter anderem im Tantris gelernt hat, kombiniert weiter regionale Zutaten auf ungewohnte Weise. Der Stadtteil ist seitdem nur noch schicker und teurer geworden, das Restaurant mit seinen rund 20 Plätzen ist geblieben, was es war: klein, fein und konsequent.

Das Es:senz und der dritte Stern

Die größte Geschichte spielt nicht in München, sondern im Achental bei Grassau, südlich vom Chiemsee. Edip Sigl, deutsch-türkischer Küchenchef und einst Sous-Chef im Münchener Les Deux, hatte sein Es:senz 2022 gerade auf zwei Sterne gebracht. Im März 2024 kam der dritte dazu, als einziges deutsches Restaurant, das in dem Jahr neu in die höchste Liga aufstieg. Damit ist Sigls Markenzeichen, die täuschend echt aussehenden „Chiemseekiesel“ mit Kabeljau, endgültig ein nationales Aushängeschild.

Das Vier-Sterne-Resort DasAchental gehört Dieter Müller und Ursula Schelle-Müller, den Gründern der Hotelkette Motel One. Ein Gourmetrestaurant war ursprünglich gar nicht ihr Plan, sie ließen sich von Sigl überzeugen. Das gläserne, zylinderartige Kaminobjekt im Haus war 2022 schon ein Hingucker. Heute ist es die Kulisse für eines von nur drei Drei-Sterne-Häusern in ganz Bayern.

Wer 2022 auf Edip Sigl gesetzt hat, lag richtig: Aus zwei Sternen am Chiemsee sind drei geworden, gegen die geballte Konkurrenz aus der Großstadt.

Tantris, Tohru und die neue Drei-Sterne-Riege

Das Tantris, dem Witzigmann in den 1970ern die ersten zwei und dann drei Sterne bescherte, darf sich nach seiner Umbaupause wieder mit zwei Sternen schmücken und hält die auch 2025. Die ganz große Krone trägt es nicht mehr, aber das Haus bleibt der Ort, an dem ein großer Teil der bayerischen Spitzenköche gelernt hat. Wer die Region verstehen will, kommt am Tantris nicht vorbei.

Die zwei Münchener Drei-Sterne-Häuser heißen heute anders, als man 2022 vermutet hätte. Das Tohru in der Schreiberei von Tohru Nakamura ist 2025 neu in die höchste Kategorie aufgestiegen, das JAN von Jan Hartwig hält seine drei Sterne. Dazu kommen starke Zwei-Sterne-Adressen wie das Alois – Dallmayr Fine Dining unter Christoph Kunz, das Atelier im Bayerischen Hof und eben das Tantris. Das EssZimmer in der BMW-Welt, das wir wegen Bobby Bräuer gelobt haben, gehört weiter zur gehobenen Riege der Stadt.

Der Fall am Tegernsee

2022 nannten wir das Restaurant Überfahrt am Tegernsee von Christian Jürgens als Beispiel für die höchste Stufe: drei Sterne, eine eigene Reise wert. Diese Geschichte hat sich gedreht. Jürgens wurde nach Vorwürfen über sein Verhalten gegenüber Mitarbeitern von der Hotelgruppe freigestellt und verlor seine Position. Das Restaurant Überfahrt startete unter neuer Leitung von Cornelia Fischer neu und holte im Juni 2025 einen Stern, ein Anfang, kein Comeback der alten Höhe.

Der Fall zeigt, wie schnell die Spitze kippen kann. Ein Drei-Sterne-Haus lebt nicht nur von der Küche, sondern von Führung, Klima und Haltung. Wo das nicht stimmt, hilft auch das beste Menü nicht. Für den Tegernsee bedeutet das einen herben Verlust, denn die Überfahrt war über Jahre das kulinarische Wahrzeichen des Sees.

Türkische Sterneküche macht weiter Schule

Edip Sigl ist nicht der einzige Koch mit türkischen Wurzeln, der die Münchener Szene prägt. Ali Güngörmüş, durch das Fernsehen bekannt, betreibt in den Fünf Höfen sein Pageou und bringt dort die anatolische und orientalische Küche seiner Heimat auf den Teller, vom Zitronenhuhn nach Mutters Art bis zum am Boden gebackenen Brot der Großmutter. Das Pageou steht weiter im Guide Michelin und ist auch ohne Stern einen Abstecher wert.

Güngörmüş war mit seinem Le Canard Nouveau in Hamburg 2006 wohl der erste anatolische Sternekoch der Welt. Den Stern gab er nach einem Brand an seinen Mitinhaber ab und kehrte nach München zurück. Was ihn mit Sigl verbindet, ist nicht nur die Herkunft, sondern eine Bescheidenheit, die in der Sterneküche selten geworden ist. Sigl und Güngörmüş zeigen, dass Spitzenküche und Bodenhaftung zusammengehen.

Was ein Abend kostet

Sterneküche bleibt ein Luxus mit Preisschild. Im Es:senz lag das große Menü zuletzt deutlich über 200 Euro pro Person, dazu kommt die Weinbegleitung im dreistelligen Bereich. Das Pageou ist spürbar günstiger und damit der einfachere Einstieg, wenn du die Liga erst einmal antesten willst. Der Service, oft belächelt, trägt diese Häuser mit. Ohne ihn müssten viele Sternerestaurants die Preise für die Speisen noch deutlich anheben, um zu überleben.

Für dich heißt das: Wer das volle Programm sucht, fährt raus ins Achental. Wer den Genuss in der Stadt und zu kalkulierbarem Budget will, ist im Gabelspiel oder im Pageou richtig. Beide Wege führen zu Küche auf einem Niveau, das 2022 noch knapper besetzt war als heute. Unseren ersten Artikel über die Sterneküche findest du weiterhin im Archiv, dort steht der größere Kontext zur Drei-Sterne-Logik des Guide Michelin. Wer es in München lieber leiser und achtsamer mag, wird auch im Ahimsa fündig.

Gut zu wissen

▸Welches Restaurant in der Region hat drei Michelin-Sterne?

Im Chiemgau trägt das Es:senz im Resort DasAchental bei Grassau seit März 2024 drei Sterne. In München sind es 2025 zwei Häuser: das Tohru in der Schreiberei von Tohru Nakamura und das JAN von Jan Hartwig.

▸Was ist mit Christian Jürgens und der Überfahrt passiert?

Christian Jürgens wurde nach Vorwürfen über sein Verhalten gegenüber Mitarbeitern von der Hotelgruppe freigestellt. Das Restaurant Überfahrt am Tegernsee startete unter Cornelia Fischer neu und erhielt 2025 einen Michelin-Stern.

▸Hat das Gabelspiel in München noch einen Stern?

Ja. Das Gabelspiel von Florian Berger in Obergiesing hält im Guide Michelin 2025 weiter seinen einen Stern und bleibt einer der bezahlbareren Zugänge zur Spitzenküche der Stadt.

▸Wie viele Sternerestaurants hat München insgesamt?

2025 tragen rund 17 Restaurants in München mindestens einen Michelin-Stern, darunter erstmals zwei mit drei Sternen. Damit zählt die Stadt zu den dichtesten Sterne-Standorten Deutschlands.

Bildquelle: youDRESSED Archiv
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