
Silvretta: 34 Kehren bis zum Stausee
Eine Traumstraße für Genießer, kein Rennkurs. Warum die Silvretta-Hochalpenstraße gerade jetzt ein sehr eigenes Kapitel schreibt.
Es gibt Alpenpässe, die man abhakt. Und es gibt solche, die man fährt, um langsamer zu werden. Die Silvretta-Hochalpenstraße gehört zur zweiten Sorte. 22,3 Kilometer, 34 Kehren, am höchsten Punkt ein tiefblauer Stausee auf 2.032 Metern. Der Betreiber nennt sie ganz ohne Ironie die Traumstraße der Alpen für Genießer. Aus der Distanz betrachtet klingt das nach Werbung. Wer die Route kennt, weiß, dass es eine Beschreibung ist.
- 22,3 Kilometer und 34 Kehren von Partenen über die Bielerhöhe nach Galtür
- Höchster Punkt: der Silvretta-Stausee auf 2.032 Metern
- Die Tiroler Seite ist ab dem 4. Juni wieder befahrbar, in der Bauzeit ohne Maut
- Die Vorarlberger Seite bleibt nach Felsstürzen voraussichtlich bis 2030 gesperrt
Eine Straße für das lange Atmen
Die Silvretta will nicht schnell gefahren werden. Die Steigung liegt bei bis zu zehn Prozent, in den Kehren bei rund zwölf. Anhänger sind verboten, nachts darf hier niemand parken. Reisebusse über 13,8 Meter kommen erst gar nicht hoch. Das ist keine Schikane, das ist die Grammatik dieser Strecke. Sie zwingt dich in einen Rhythmus, der zum Berg passt.
Motorradfahrer beschreiben die Kehren offiziell als schlaglochfrei und kurvig, mit dem Piz Buin als ständigem Horizont. Der höchste Berg Vorarlbergs steht mit 3.312 Metern über allem, was hier passiert. Man fährt nicht auf ihn zu, man fährt in seinem Blickfeld. Das ist ein Unterschied, den man erst merkt, wenn die Baumgrenze hinter einem liegt.
Die leere Straße, die 2026 möglich wird
Hier wird es ehrlich. Die klassische Grand-Tour-Vorstellung, einmal von Vorarlberg nach Tirol über den Pass, geht in diesem Sommer nicht auf. Die Vorarlberger Seite ist nach Felsstürzen und Muren gesperrt, voraussichtlich bis 2030. Ein Langfristkonzept sieht Straßenumlegungen und Schutzdämme in drei Bausaisonen vor, die volle Wiederfreigabe ist für 2030 geplant. Das sind Planungsstände, keine Garantien.
Befahrbar ist ab dem 4. Juni die Tiroler Seite über das Paznauntal, hinauf bis zum Vermuntsee, während der Bauzeit sogar ohne Maut. Von Vorarlberg aus ersetzt die Vermuntbahn mit Tunnelbus den Straßenzugang, ihr Sommerbetrieb startet erst später im Juni. Wer also jetzt hochfährt, fährt eine Teilstrecke, keinen Loop. Das ist kein Makel. Es macht die Fahrt sogar ruhiger, weil der Durchgangsverkehr fehlt.
Eine gesperrte Hälfte klingt nach Verlust. In Wahrheit bekommt man eine Bergstraße fast für sich, wenn der große Durchzug ausbleibt.
Der Stausee als Belohnung
Am Scheitelpunkt liegt der Silvretta-Stausee so nah am Weg, dass sein tiefblaues Wasser und die Staumauer die Serpentinen wie eine Kulisse einrahmen. Tourismustexte sprechen von einem Dreiländer-Panorama über Österreich, die Schweiz und Liechtenstein, mit Blick auf den Piz Buin. Man muss diese Aufzählung nicht glauben, um zu verstehen, was gemeint ist: Hier oben wird die Landschaft größer als der Anlass, überhaupt hergekommen zu sein. Der Vermuntsee liegt am Wegesrand, der Silvrettasee gleich dahinter. Die Staumauer schiebt sich als klare Linie ins Bild. Es ist diese Nähe von Wasser, Fels und Straße, die den Scheitelpunkt zu mehr macht als einem Wendepunkt für die Rückfahrt.
Der Silvretta-Stausee war nie nur Kulisse. Er ist der Grund, warum diese Straße überhaupt existiert: Ohne den Kraftwerksbau gäbe es hier keine Serpentinen, nur Fels. So gesehen ist der See am Scheitelpunkt kein Zufall, sondern das Ziel, um das herum alles andere gebaut wurde. Wer hier steht, steht an einer Grenze zwischen Technik und Natur, die sich hier ausnahmsweise vertragen.

Was die Zahlen nicht erzählen
Die Mautstraße entstand im Zuge des Illwerke-Kraftwerksbaus und wurde 1954, am 23. Juni, erstmals für den öffentlichen Verkehr freigegeben; bis Anfang der sechziger Jahre baute man sie zweispurig aus.

Das erklärt ihren Charakter. Sie ist keine Rennstrecke, die man einer Landschaft übergestülpt hat, sondern eine Ingenieursleistung, die aus dem Kraftwerksbau eine Genussroute machte. Das Silvretta-Haus auf der Bielerhöhe hat abhängig von der Straßenöffnung wieder geöffnet, das Restaurant am See bleibt in diesem Sommer zu.
Wer eine ganz andere Rechnung sucht, findet sie am Großglockner: Dort kostet die PKW-Tageskarte 46,50 Euro. Im Hochsommer ist von halb sechs früh bis neun Uhr abends offen. Die Silvretta-Teilstrecke ist demgegenüber mautfrei, dafür eben nur halb befahrbar. Beide Straßen führen in dieselbe Höhe. Sie erzählen aber nicht dieselbe Geschichte. Die eine ist ein Klassiker mit Andrang, die andere in diesem Jahr ein stiller Umweg mit Aussicht.
Die Details
▸Kann man die Silvretta-Hochalpenstraße 2026 komplett fahren?
Nein. Befahrbar ist die Tiroler Seite über das Paznauntal bis zum Vermuntsee, ab dem 4. Juni und während der Bauzeit ohne Maut. Die Vorarlberger Seite bleibt nach Felsstürzen und Muren voraussichtlich bis 2030 gesperrt, ein durchgehender Pass ist in diesem Sommer nicht möglich.
▸Wie lang ist die Strecke und wie viele Kehren hat sie?
Die Silvretta-Hochalpenstraße ist 22,3 Kilometer lang und führt in 34 Kehren von Partenen auf 1.051 Metern über die Bielerhöhe auf 2.032 Metern nach Galtür auf 1.584 Metern. Die Steigung erreicht bis zu zehn Prozent, in den Kehren rund zwölf.
▸Was ist der Höhepunkt der Route?
Der Silvretta-Stausee auf 2.032 Metern am Scheitelpunkt. Von der Bielerhöhe reicht der Blick auf den Piz Buin, mit 3.312 Metern der höchste Berg Vorarlbergs, dazu ein Panorama über drei Länder.



