//CULTURERote Ziegelmauer mit Efeu an einer ruhigen Londoner Straße
Roter Ziegel, englischer Garten: das Material des diesjährigen Pavillons. Foto: Boys In Bristol SmokZ.
12. Juni 2026

Ein Sommer aus rotem Ziegel

InspiredByLuxury·//CULTURE

Jedes Jahr baut London im Hyde Park einen neuen Pavillon. Der diesjährige Entwurf greift eine alte englische Gartenmauer auf und macht daraus die 25. Ausgabe einer der schönsten Architektur-Traditionen der Stadt.

Es gibt Bauten, die stehen für die Ewigkeit. Und es gibt solche, die genau deshalb faszinieren, weil sie es nicht tun. Der Serpentine Pavilion gehört zur zweiten Sorte. Jeden Sommer entsteht in den Kensington Gardens ein neuer, temporärer Bau. Jeden Herbst verschwindet er wieder. In diesem Jahr besteht er aus rotem Ziegel und erzählt eine überraschend alte Geschichte. Sie beginnt nicht in einem Architekturbüro, sondern in einem englischen Garten.

Prolog

  • Der Serpentine Pavilion 2026 trägt den Titel „a serpentine“ und stammt vom Studio LANZA atelier
  • Er greift die englische Crinkle-Crankle-Mauer auf, eine geschwungene Wand aus nur einer Ziegelbreite
  • Es ist der erste Serpentine Pavilion aus Ziegel, montiert ohne Mörtel und wieder abbaubar
  • 2026 markiert die 25. Ausgabe dieser jährlichen Architektur-Kommission

Eine Tradition, die jeden Sommer neu beginnt

Seit dem Jahr 2000 lädt die Serpentine Gallery jeden Sommer ein Architekturbüro ein, einen temporären Pavillon in den Kensington Gardens zu errichten. Den Auftakt machte damals Zaha Hadid. Die Kommission hat eine besondere Regel: Sie geht an internationale Architektinnen und Architekten, die in England noch nichts gebaut haben. Der Pavillon ist damit oft ihr erstes realisiertes Werk im Land. Über die Jahre ist so eine kleine Galerie zeitgenössischer Architektur im Park entstanden, Sommer für Sommer ein neuer Entwurf. Der diesjährige Bau folgt auf einen Pavillon aus Holz und Polycarbonat, den die Architektin Marina Tabassum im Jahr zuvor errichtet hatte. Jedes Büro setzt einen anderen Akzent, mal in Material, mal in Form. So wird der Park über die Jahre zu einem Freilichtarchiv der zeitgenössischen Architektur, das sich mit jeder Saison neu schreibt.

In diesem Jahr fiel die Wahl auf LANZA atelier, ein 2015 in Mexiko-Stadt gegründetes Studio von Isabel Abascal und Alessandro Arienzo. Ihr Entwurf öffnete am 6. Juni für das Publikum und steht bis in den Oktober. Ausgewählt wurde das Büro von einem Kuratorenteam um die Serpentine-Leitung und den Artistic Director Hans Ulrich Obrist, beraten von Sou Fujimoto, der den Pavillon vor einigen Jahren selbst entworfen hatte.

Die alte Mauer, neu gedacht

Das Konzept mit dem Titel „a serpentine“ greift ein Detail der englischen Gartenarchitektur auf, die Crinkle-Crankle-Mauer. Das ist eine geschwungene Wand, die nur eine Ziegelbreite dick ist und ihre Stabilität allein aus der Kurvenform bezieht. Eine gerade Mauer dieser Dünne würde umfallen, die Welle hält sie aufrecht. Sie braucht dadurch sogar weniger Steine als eine gerade Wand, ein schönes Beispiel dafür, wie Form und Statik zusammenarbeiten.

Aus dieser bescheidenen Gartenmauer macht LANZA atelier den ganzen Pavillon. Es ist der erste Serpentine Pavilion überhaupt, der aus Ziegel gebaut ist. Die rote Struktur wurde ohne Mörtel montiert und mit Stahlplatten stabilisiert, damit sie sich am Saisonende wieder zerlegen lässt. So verbindet der Bau ein sehr altes Bauprinzip mit dem sehr modernen Gedanken, dass Architektur auch spurlos verschwinden können soll. Der Verzicht auf Mörtel ist dabei kein Trick, sondern eine Idee. Ein Bauwerk, das man wieder zerlegen kann, hinterlässt keine Ruine und keinen Bauschutt. Es ist Nachhaltigkeit, die aus der Konstruktion selbst kommt, nicht aus einem grünen Etikett.

Geschwungenes Pavillondach über einer offenen Gartenkonstruktion
Aus der alten Ziegelmauer wird die geschwungene Struktur des Pavillons. Foto: Noemí Jiménez.

Wie sich der Raum anfühlt

Der Entwurf teilt den Raum in zwei Zonen. Es gibt einen überdachten, öffentlichen Innenbereich mit einem transluzenten Dach, das der Krümmung der Wände folgt und Licht wie Luft durchlässt. Und es gibt einen offenen Aussenbereich mit einer geschwungenen Ziegelsitzbank, die in die hintere Wandkurve eingelassen ist und zugleich als kleine Bühne dienen kann. Der Wechsel zwischen innen und aussen ist fliessend. Man tritt aus dem gefilterten Licht des Daches heraus ins offene Grün des Parks, ohne eine echte Schwelle zu überschreiten. Dieser sanfte Übergang ist typisch für gute Gartenarchitektur, die nie ganz Haus und nie ganz Freiraum sein will.

Der Pavillon verbindet ein sehr altes Bauprinzip mit dem modernen Gedanken, dass Architektur auch spurlos verschwinden können soll.

Aus der Distanz betrachtet klingt das nach einem einfachen Bau. Genau darin liegt sein Reiz. Rote Einziegelmauern, an Stahlplatten geführt, ergeben im Inneren so etwas wie einen filigranen Ziegelgarten, durch dessen Säulen Wind und Tageslicht ziehen. Statt fest verdrahteter Funktionen setzen die Architektinnen auf bewegliche Möbel, damit die Besucher den Raum selbst ordnen. Die Hoffnung ist, dass ungeplante Nutzungen entstehen, dass Kinder um eine Säule kreisen oder jemand die Sitzbank zur Bühne macht. Diese Offenheit ist selten. Die meisten öffentlichen Räume schreiben ihren Nutzern genau vor, was sie tun sollen. Hier ist es umgekehrt, der Raum wartet ab, was die Menschen aus ihm machen.

Wenn ein Pavillon zum Ereignis wird

Man könnte fragen, warum ein temporärer Bau in einem Park so viel Aufmerksamkeit bekommt. Die Antwort liegt in der Kombination aus Freiheit und Bühne. Weil der Pavillon nur einen Sommer steht, dürfen die Architekten experimentieren, ohne an Dauerhaftigkeit, Büroflächen oder Renditen denken zu müssen. Der Bau ist ein reines Architekturmanifest, aufgestellt an einem der meistbesuchten Orte Londons. Kaum eine andere Institution schenkt einem einzelnen Entwurf so viel Bühne. Für ein junges Studio ist das eine seltene Chance, die eigene Handschrift vor einem internationalen Publikum zu zeigen.

Der Zugang ist kostenfrei. Rundherum entsteht ein ganzes Programm. Zu den Park Nights gehören Abendveranstaltungen im Pavillon. Zur diesjährigen Ausgabe zählt auch ein Symposium zu Zaha Hadid, die den allerersten Pavillon entwarf. So schließt sich ein Kreis: Der Bau, mit dem die Tradition vor einem Vierteljahrhundert begann, wird im Jahr der 25. Ausgabe noch einmal zum Thema.

Menschen auf einer Rasenfläche in einem Londoner Park mit klassischer Architektur
Im Londoner Park wird der kostenfreie Pavillon zum sommerlichen Treffpunkt. Foto: Mingyang LIU.

Ein Bau, der bewusst vergeht

Vielleicht ist das Schönste an dieser Tradition, dass sie das Vergängliche feiert. Wir sind gewohnt, dass Architektur bleiben will, dass sie Denkmäler setzt und Ewigkeit beansprucht. Der Serpentine Pavilion tut das Gegenteil. Er entsteht, wirkt einen Sommer lang und wird dann wieder abgebaut. Zurück bleiben eine Erinnerung und ein Foto.

Gerade das macht einen Besuch besonders. Wer den Pavillon in diesem Sommer sehen will, hat ein enges Zeitfenster. Danach gibt es genau diesen Bau nie wieder. Das ist eine seltene Form von Luxus in der Architektur, die sonst so sehr auf Dauer angelegt ist. Hier zählt der Moment, das Licht durch das transluzente Dach, die warme Farbe der Ziegel, der eine Sommer, in dem dieser Ort existiert. Wer schon einmal an einem warmen Abend durch die Kensington Gardens gegangen ist, ahnt, wie gut sich dieser rote Ziegelbau ins Grün des Parks fügt. Er drängt sich nicht auf. Er lädt ein, für einen Moment kurz stehen zu bleiben.

Kurz geklärt

Was ist der Serpentine Pavilion?

Es ist ein temporärer Architekturpavillon, den die Serpentine Gallery seit dem Jahr 2000 jeden Sommer in den Londoner Kensington Gardens errichten lässt. Jedes Jahr entwirft ein anderes Büro den Bau, der nur eine Saison steht und danach wieder abgebaut wird.

Was ist eine Crinkle-Crankle-Mauer?

Das ist eine traditionelle englische Gartenmauer, die in einer Wellenlinie verläuft. Durch die geschwungene Form ist sie stabil, obwohl sie nur eine Ziegelbreite dick ist. Sie benötigt sogar weniger Steine als eine gerade Wand gleicher Länge.

Kostet der Besuch Eintritt?

Nein. Der Pavillon in den Kensington Gardens ist kostenfrei zugänglich. Rundherum gibt es ein Sommerprogramm mit Abendveranstaltungen, den Park Nights, für die teils gesonderte Regeln gelten können.

Bildquelle: Titelbild Boys In Bristol SmokZ; Beitragsbilder Noemí Jiménez und Mingyang LIU (Pexels).

Quellen und weiterführende Informationen: Serpentine Galleries, ArchDaily und Dezeen.

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