
Rauchen 2.0: Die Digitalisierung des schädlichsten Hobbys der Welt
2019 galt die E-Zigarette als coole, sauberere Zukunft des Rauchens. Sechs Jahre später werden Einweg-Vapes verboten und die 95-Prozent-Formel ist überholt. Was vom digitalen Rauchen blieb.
2019 haben wir an dieser Stelle über das „digitale Rauchen“ geschrieben: E-Zigarette statt Glimmstängel, Tabakerhitzer wie IQOS, das Versprechen „95 Prozent weniger schädlich“. Was wurde daraus? Der Trend zum Dampfen ist geblieben, doch die Geschichte ist komplizierter geworden. Die 95-Prozent-Formel gilt heute als überholt, Einweg-Vapes werden reihenweise verboten, und das neue Sorgenkind heißt nicht mehr Zigarette, sondern Jugend am Vape.
- Tabak tötet laut Weltgesundheitsorganisation weiterhin über 8 Millionen Menschen pro Jahr, rund 1,2 Milliarden Menschen konsumieren ihn.
- In Deutschland raucht laut Statistischem Bundesamt noch etwa jeder Fünfte (19,1 Prozent), Männer häufiger als Frauen.
- Die E-Zigarette gilt für umsteigende Raucher als weniger schädlich, harmlos ist sie nicht. Die „95 Prozent“-Aussage ist wissenschaftlich umstritten.
- Einweg-Vapes sind in Belgien, Frankreich und Großbritannien bereits verboten, EU-weit sollen sie bis Ende 2026 verschwinden.
- Der größte Streitpunkt heute: Vaping zieht Jugendliche an, die nie zur Zigarette gegriffen hätten.

Vom Glimmstängel zum Statussymbol
Heimlich im Gebüsch zu paffen galt früher als besonders cool, viele fingen schon als Jugendliche an. Die Weimarer Republik mit ihren Gaststätten und Nachtklubs, wie sie die Krimiserie „Babylon Berlin“ wieder lebendig macht, prägte die deutsche Raucherkultur wie keine andere Ära. Lasziv zündete sich die feine Dame im Charlestonkleid die Zigarette am langstieligen Filter an, in den Schützengräben galt der Glimmstängel als Seelennahrung. Das Bild vom coolen Raucher hielten im 20. Jahrhundert Stars wie Humphrey Bogart, Lauren Bacall, James Dean und Marlon Brando hoch, in US-Serien noch bis weit in die 2000er. „More doctors smoke Camel than any other cigarette“, warb Camel Mitte des Jahrhunderts. Was lange als Lebensgefühl verkauft wurde, ist heute vor allem eins: das tödlichste Laster der Welt.
Wie Verbote und Steuern das Rauchen zurückdrängten
Erstaunlich lange hielt sich der Qualm sogar im Bundestag, erst seit dem 1. September 2007 sind Bundesgebäude rauchfrei. Bayern beschloss sein Gaststätten-Rauchverbot Ende 2007, in Kraft trat es Anfang 2008 und sorgte bei klirrender Kälte für spontane Verbrüderung der Raucher vor den Türen. Im Flugzeug war ab Mitte der 1990er Schluss, zuerst auf innerdeutschen, dann auf internationalen Strecken. Massive Steuererhöhungen, Kampagnen und Verbote zeigten Wirkung: Heute raucht laut Statistischem Bundesamt noch rund jeder Fünfte (19,1 Prozent), Männer mit 22,4 Prozent häufiger als Frauen mit 15,8 Prozent. Der langfristige Trend zeigt nach unten, zuletzt allerdings stagniert die Quote. Wenn du ohnehin bewusster leben willst, lohnt ein Blick auf unseren Beitrag Eat the Rainbow.
Was aus dem „digitalen Rauchen“ wurde
Der Druck auf die Tabakindustrie wuchs, Länder wie Großbritannien, Neuseeland und Australien fahren seit Jahren eine harte Linie, die Schachtel wird immer teurer. In diese Lücke stießen E-Zigarette, Vaporizer und Tabakerhitzer. Der Umstieg ist real: Die WHO zählt inzwischen über 100 Millionen E-Zigaretten-Nutzer weltweit. Nur ist die Bilanz vielschichtiger als das Versprechen von 2019. Für erwachsene Raucher, die vollständig umsteigen, gilt die E-Zigarette als weniger schädlich als Tabak, harmlos ist sie aber nicht: Atemwegsreizungen, mögliche Herzrisiken und Nikotinabhängigkeit sind dokumentiert. Die viel zitierte Aussage, Dampfen sei „95 Prozent weniger schädlich“, stammt aus einer Experteneinschätzung ohne Langzeitdaten und gilt heute als nicht belegt. Die britische Behörde, die sie populär machte, existiert seit 2021 nicht mehr.
Dazu kommt ein neues Problem: die Einweg-E-Zigarette. Billig, bunt, süß aromatisiert, zieht sie vor allem Jugendliche an. Belgien hat Disposables zum 1. Januar 2025 verboten, Frankreich folgte im Februar, Großbritannien stoppte den Verkauf zum 1. Juni 2025. EU-weit sollen die Wegwerfgeräte bis Ende 2026 verschwinden, in Deutschland ist ein Verbot in Arbeit. Treiber sind Umwelt (fest verbaute Lithium-Akkus im Müll) und Jugendschutz. Der Lungenschaden-Skandal EVALI in den USA 2019 mit knapp 70 Toten ging übrigens auf ein Streckmittel in illegalen THC-Liquids zurück, nicht auf regulär verkaufte E-Zigaretten.
Weniger schädlich als die Zigarette heißt nicht harmlos. Und für Jugendliche ist die bunte Einweg-Vape vor allem eins: ein neuer, leichter Einstieg in die Nikotinsucht.
So erfindet sich das Rauchen alle paar Jahrzehnte neu, dieses Mal digital. Schädlich bleibt es trotzdem. Cool ist heute eher, ganz darauf zu verzichten. Wenn du deinem Körper etwas Gutes tun willst, helfen schon kleine Routinen, etwa die Ingwer-Orange-Shots fürs Immunsystem.
Kurz geklärt
▸Ist die E-Zigarette wirklich weniger schädlich als Rauchen?
Für erwachsene Raucher, die komplett umsteigen, gilt sie als weniger schädlich als Tabak. Harmlos ist sie nicht, eigene Risiken und Nikotinabhängigkeit sind belegt. Für Nichtraucher und Jugendliche ist sie keine gute Idee.
▸Wie viele Menschen rauchen heute noch in Deutschland?
Laut Statistischem Bundesamt rund 19,1 Prozent ab 15 Jahren, Männer (22,4 Prozent) häufiger als Frauen (15,8 Prozent). Der Trend zeigt langfristig nach unten, zuletzt stagniert er.
▸Werden Einweg-E-Zigaretten verboten?
Ja. Belgien, Frankreich und Großbritannien haben sie 2025 bereits verboten, EU-weit sollen Disposables bis Ende 2026 vom Markt. Deutschland arbeitet an einer Regelung.
▸Stimmt die Aussage „95 Prozent weniger schädlich“?
Sie stammt aus einer Experteneinschätzung von 2015 ohne Langzeitdaten und gilt heute als nicht belegt. Eine seriöse Pauschalzahl gibt es nicht.



