
Natürliche Dämmstoffe wie Hanf und Flachs werden immer attraktiver
Eine Unternehmerin aus Baden-Württemberg hat in den 1990er Jahren Hanf als Dämmstoff wiederentdeckt und in Deutschland eingeführt.
Ende 2023 haben wir hier über Hanf und Flachs als Dämmstoff geschrieben und gefragt, ob die alte Idee vom atmenden Haus ein Comeback erlebt. Knapp zwei Jahre später ist die Antwort klarer geworden: Die Förderung sitzt, der Markt wächst leise, und das wohl bekannteste deutsche Hanf-Werk hat schon wieder einen neuen Eigentümer. Höchste Zeit für ein Update, mein Herz.
Naturdämmstoffe sind nie der laute Teil einer Sanierung. Niemand zeigt Gästen stolz die Dämmplatte im Dachstuhl. Trotzdem entscheidet genau dieses unsichtbare Material darüber, wie sich ein Haus im Hochsommer anfühlt, wie hoch die Heizkosten im Winter ausfallen und ob die Wände nach zehn Jahren noch trocken sind. Wer heute hochwertig saniert, denkt das Thema von Anfang an mit, statt es als Pflichtübung abzuhaken.
- Hanf, Flachs, Holzfaser und Zellulose gelten als die etablierten Naturdämmstoffe. Holzfaser und Zellulose dominieren, Hanf und Flachs zusammen liegen bei rund zehn Prozent des Natursegments.
- Der große Vorteil: Die Materialien regulieren Feuchtigkeit, dämmen Schall und schützen im Sommer spürbar besser gegen Hitze als dünne Mineralplatten.
- Förderung 2025: über die BEG gibt es beim BAFA bis zu 20 Prozent Zuschuss, viele Städte legen 5 bis 25 Euro pro Quadratmeter für Naturdämmstoffe obendrauf.
- Das Pionierwerk Thermo Hanf in Nördlingen gehört seit November 2025 zu C-HempFlax Building Solutions, einem Joint Venture von C-biotech und der HempFlax Group.
- Schwachpunkt bleibt der Brandschutz und die Außendämmung im Erdreich. Dafür braucht es weiter andere Lösungen.

Von der Hanf-Rebellin zum Industrieprodukt
Die Geschichte der deutschen Hanfdämmung hängt an einem Namen: Carmen Hock-Heyl. Die gelernte Arzthelferin und Krankenschwester aus Stutensee bei Karlsruhe entdeckte Hanf in den 1990er Jahren als Dämmstoff wieder, zu einer Zeit, als der Anbau gerade erst vorsichtig gelockert wurde. Verschiedene Zeitungen nannten sie damals die „Hanf-Rebellin“. Ab 1996 entwickelte sie einen ökologischen Dämmstoff aus Hanffasern, sieben Jahre später lief unter dem Namen Thermo Hanf die eigene Produktion mit rund 50 Mitarbeitenden an.
2013 musste sie sich auf Druck des damaligen Mehrheitsgesellschafters Alfred Ritter, des Mannes hinter der bekannten Schokoladenmarke, aus der Geschäftsführung zurückziehen. Geblieben ist ihr der mit 250.000 Euro dotierte Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, den sie gemeinsam mit der „Stromrebellin“ Ursula Sladek vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck überreicht bekam. Statt Ruhestand widmete sie sich danach stärker dem von ihr gegründeten Interessenverband für Naturfaser-Dämmstoffe.
Eine Idee, die als ökologischer Außenseiter begann, ist heute fester Teil eines industriellen Baustoffmarkts. Genau das ist der eigentliche Erfolg.
Neuer Eigentümer, gleiches Werk
Das Werk selbst hat seit unserem ersten Artikel die Hand gewechselt. Lange firmierte es unter dem Dach der HempFlax Building Solutions, zwischenzeitlich mit dem Dämmstoffriesen Kingspan im Hintergrund. Seit dem 1. November 2025 gehört der Standort Nördlingen zu C-HempFlax Building Solutions, einem gemeinsamen Unternehmen des belgischen Bau-Spezialisten C-biotech aus der Cordeel-Gruppe und der niederländischen HempFlax Group. Es ist die älteste Hanf-Dämmstoffproduktion ihrer Art in Europa, und die neuen Eigentümer wollen die Kapazität ausbauen und die Produktpalette an biobasierten Dämmstoffen erweitern.
Das Sortiment ist längst kein Nischending mehr. Thermo Hanf Premium besteht aus Hanffasern mit Stützfasern und einem Anteil Soda als Brandschutz, dazu kommen Varianten mit Jute, Stopfwolle und Lehmbauplatten. Andere Hersteller wie Hemplith, Hempwool und Isover mischen mit, für Flachs steht sinnbildlich der Anbieter Dämm Flachs. Großisten wie Naturanum und Verbände wie die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe runden einen Markt ab, der sich klar professionalisiert hat.
Was Naturfasern können, und was nicht
Der technische Kern hat sich nicht geändert, er ist nur besser belegt. Hanf erreicht eine Wärmeleitfähigkeit von rund 0,039 Watt pro Meter und Kelvin, das liegt auf Augenhöhe mit konventionellen Dämmstoffen. Entscheidend für den Wohnkomfort ist aber etwas anderes: Naturfasern speichern Wärme träger, deshalb bleibt der Dachboden im Hochsommer länger kühl als unter dünner Mineralwolle. Dazu regulieren sie Feuchtigkeit und gelten als deutlich weniger anfällig für Schimmel, ein Punkt, der viele Hausbesitzer mehr überzeugt als jeder Datenblattwert.
Genau dieser Schimmel- und Schadstoffgedanke ist oft der wahre Grund, warum Menschen vor einer Sanierung zurückschrecken, nicht der Preis. Hartschaum und Mineralwolle stehen im Ruf, Allergien begünstigen, Stoffe ausdünsten und im Brandfall schwer löschbar sein zu können. Naturfasern punkten hier mit einem ehrlicheren Materialgefühl. Ihre Schwäche bleibt der Brandschutz, den Hersteller über Zusätze wie Soda ausgleichen, sowie die Eignung im Erdreich. Für die sogenannte Perimeterdämmung rund um das Fundament kommen weiter Mineralwolle, Hartschaum oder Schaumglas-Schotter zum Einsatz, ergänzt durch Granulate aus Kork und Zellulose.
Rechnet sich das 2025 noch?
Hier hat sich am meisten bewegt. Früher lagen Hanf- und Flachspreise deutlich über denen herkömmlicher Dämmstoffe, heute sind viele Naturplatten je nach Dicke konkurrenzfähig. Wichtiger ist die Förderkulisse. Über die Bundesförderung für effiziente Gebäude gibt es beim BAFA bis zu 20 Prozent Zuschuss, wenn die Maßnahme aus einem individuellen Sanierungsfahrplan stammt. Städte wie München, Hamburg, Hannover oder Freiburg legen eigene Zuschüsse zwischen 5 und 25 Euro pro Quadratmeter speziell für Naturdämmstoffe obendrauf, teils kombinierbar mit der Bundesförderung.
Dahinter steht ein größeres Bild. Laut dem UN-Umweltprogramm UNEP verursachen Gebäude rund ein Drittel der weltweiten CO2-Emissionen, den größten Anteil tragen Wohnhäuser. Eine ordentliche Dachdämmung spart laut Sparkasse etwa 30 Prozent Energie, kostet aber rund 225 Euro pro Quadratmeter. Wer ohnehin saniert, für den ist der Aufpreis für Naturfaser gegenüber Mineralplatte kleiner, als viele denken, vor allem wenn die kommunale Förderung greift. Eine ähnliche Stoff-Logik wie bei der Renaissance von Leinen in der Mode zeigt sich hier im Bau: alte Naturfasern werden neu gelesen, weil sie ehrlicher altern.
Kurz geklärt
▸Sind Hanf und Flachs wirklich teurer als Mineralwolle?
Nicht mehr pauschal. Je nach Plattendicke sind Jute- und Hanfplatten heute konkurrenzfähig. Rechnet man kommunale Zuschüsse von 5 bis 25 Euro pro Quadratmeter und bis zu 20 Prozent BAFA-Förderung ein, schrumpft der Abstand oft auf einen Aufpreis, der den Komfortgewinn wert ist.
▸Brennen Naturdämmstoffe nicht leichter?
Reine Naturfaser ist brennbar, das stimmt. Deshalb mischen Hersteller Brandschutz bei, etwa Soda bei Thermo Hanf. Im Erdreich und an stark gefährdeten Stellen bleiben mineralische Dämmstoffe trotzdem die erste Wahl.
▸Helfen Naturfasern wirklich gegen Hitze im Dachgeschoss?
Ja, und das ist ihr unterschätztes Argument. Sie speichern Wärme träger als dünne Mineralplatten, dadurch heizt sich der Raum unter dem Dach im Hochsommer langsamer auf. Für Altbauwohnungen mit ausgebautem Dach ist das oft der entscheidende Komfortpunkt.
▸Gibt es Thermo Hanf noch?
Ja. Das Werk in Nördlingen produziert weiter, seit November 2025 unter dem Joint Venture C-HempFlax Building Solutions von C-biotech und der HempFlax Group. Es ist die älteste Anlage ihrer Art in Europa und soll ausgebaut werden.
Wer gerade über Sanierung nachdenkt, sollte Naturdämmstoffe nicht als Öko-Aufschlag abtun, sondern als Wohnqualität, die man später nicht mehr sieht, aber jeden Sommer spürt. Mehr dazu, wie sich Wohnen heute leise statt laut definiert, liest du in unserem Stück Das Apartment, das nichts beweisen muss.



