
Luigi Colani – der Leonardo der Neuzeit und seine organische Designsprache
Der 2019 mit 91 verstorbene Berliner Stardesigner hatte Ecken und Kanten, eckte auch gerne an, hat aber das runde organische Design geprägt wie kein Zweiter. Ein Porträt über ihn.
2024 haben wir Luigi Colani porträtiert – fünf Jahre nach seinem Tod. Der Rückblick zeigt einen Designer, der Ecken hatte, aber dem Runden vertraute: in Autos, Kameras, Keramik, Klavieren und in fast allem, was Menschen anfassen.
- Luigi Colani wurde 1928 in Berlin geboren und starb 2019 mit 91 Jahren in Karlsruhe.
- Seine organische, aerodynamische Formsprache prägte Konsumgüter, Fahrzeuge, Kameras und Möbel.
- Besonders erfolgreich war er später in Japan und China, unter anderem für Canon, Sony und Mazda.
- Mit Knetmasse entwarf er Formen, die an Haie, Delfine, Kugelfische, Insekten und Amphibien erinnerten.
- Der Pegasus K 208 für Schimmel Pianos zeigt seine Idee von einem fast schwebenden Konzertflügel.

Ein Designer, der lieber rund dachte
Luigi Colani war nie der Typ für stille Anpassung. Der alte Text nennt ihn einen Stardesigner mit Ecken und Kanten, der gerne aneckte und gleichzeitig das runde organische Design prägte wie kaum ein anderer. Geboren wurde er 1928 in Berlin, als Sohn eines Schweizer Filmarchitekten mit kurdischen Wurzeln und einer Souffleuse aus Polen. Seine Eltern bezeichnete der Beitrag als zwei begabte Werker mit Hand. Das erklärt viel. Colani dachte Gestaltung nicht nur als Linie auf Papier, sondern als etwas, das man formt, drückt, hält und benutzt.
Als Lutz Colani geboren, später als Luigi Colani bekannt, wurde er auch Modern Leonardo da Vinci genannt. Das ist ein großer Titel, vielleicht zu groß, aber bei Colani passt die Übertreibung fast zum Werk. Er entwarf nicht in einer Disziplin. Er sprang zwischen Autos, Motorrädern, Kameras, Sanitärkeramik, Möbeln, Flügeln, Flugzeugen und Raumschiffen. Alles sollte in Bewegung sein, selbst wenn es stand.
Seine größten Erfolge feierte er laut Archivtext in der zweiten Hälfte seines Lebens in Japan und China. Dort war er Chefdesigner für Unternehmen wie Canon, Sony und Mazda und hatte mehrere Gast- und Ehrenprofessuren. Ab etwa 1995 lebte er mit Zhao Ya-Zhen überwiegend in Shanghai und Beihai, später kamen Karlsruhe und Mailand als Wohnsitze hinzu. Deutschland feierte ihn erst postum wieder stärker. Vielleicht war er hier zu laut, zu eigensinnig, zu wenig kompatibel mit der nüchternen Designverwaltung.
Colani wollte nicht die Welt eckiger machen. Er wollte, dass Dinge in die Hand, in den Körper und in Bewegung passen.
Knetmasse, Kameragriffe und der Hai als Vorbild
Colani liebte schnelle Autos und Motorräder. Der alte Text erzählt, dass er mit Knetmasse, die er immer zur Hand hatte, organisch-futuristische Modelle entwarf. Eines sollte die Form eines Hais annehmen und 600 Stundenkilometer schnell sein, wie er in einem Interview sagte. Solche Sätze klingen bei anderen nach Größenwahn. Bei Colani klingen sie nach Arbeitsmaterial. Er dachte von Naturformen aus: Hai, Delfin, Kugelfisch, Insekt, Amphibie. Nicht als Dekor, sondern als Logik.
Gleichzeitig war er sich für die kleinen Dinge nicht zu fein. Für Canon und später Sony entwarf er ergonomische Griffe, wieder mit Knetmasse. Die Idee dahinter war einfach und gut: Eine Kamera soll nicht nur gut aussehen, sie soll in der Hand liegen. Wer alte Spiegelreflexkameras betrachtet, sieht solche Gedanken teilweise noch. Der Griff ist nicht Beiwerk, sondern Kontaktfläche.
Sein Verhältnis zum Runden wurde in einem bekannten Zitat besonders deutlich. Die Süddeutsche Zeitung zitierte ihn zu seinem 90. Geburtstag mit einer derben Bemerkung über eckige Toilettenschüsseln. Der alte Text lässt diese Reibung stehen. Colani war unbequem, streitsüchtig, nicht immer charmant. Für Villeroy & Boch entwarf er Sanitärkeramiken, die in ihren Siebziger-Jahre-Farben ebenfalls nicht frei von Kanten waren. Auch Widersprüche gehörten zu ihm.
Vom Pegasus-Flügel bis zum Colani-Ei
Für Schimmel Pianos schuf Colani 1997 einen Flügel mit Acrylgehäuse. Der Pegasus K 208, das Titelbild des alten Beitrags, wirkt fast schwebend und trägt seinen Namen zu Recht. Ein Konzertflügel ist ohnehin ein Objekt mit Aura. Colani befreite ihn noch stärker aus der Möbelhaftigkeit. Er machte daraus eine Form, die eher zu starten scheint als auf ihren Einsatz zu warten.
Auch die Alltagsseite blieb wichtig. Der alte Text betont, dass Colani nicht nur für die High Society entwerfen wollte. Schönes Design sollte jedermann zugänglich sein. Diese Haltung wirkt glaubwürdiger, wenn man an seine Arbeit für Konsumgüter denkt. Dazu passt auch das weiße, neunteilige Teeservice Drop für Rosenthal, entstanden möglicherweise 1972 im Atelier auf Schloss Harkotten. Die Teekanne, die nie tropft, fand Aufnahme in die ständige Sammlung des Centre Georges-Pompidou in Paris.
ARTE setzte ihm kurz vor seinem 96. Geburtstag mit dem Zweiteiler Luigi Colani – Designer ohne Grenzen ein Denkmal. Darin werden laut altem Text seine Anfänge, sein Studium der Aerodynamik des Ultraleichtbaus an der École polytechnique und der Analytischen Philosophie an der Sorbonne sichtbar, nachdem er die Hochschule der Bildenden Künste in Berlin verlassen hatte. 1953 leitete er bald die Projektgruppe New Materials bei Douglas Aircraft Company in Kalifornien, 1954 folgten Aufträge von Fiat, Alfa Romeo und Lancia. 1957 fuhr ein Alfa Romeo mit seiner Karosserie als erster GT-Sportwagen der Welt in unter zehn Minuten um die Nordschleife des Nürburgrings.
Das Colani-Ei im Zechenförderturm in Lünen-Brambauer erinnert im Text an Aussichtstürme der New York World’s Fair 1964. Ob ihm der Vergleich mit Men in Black gefallen hätte, bleibt offen. Sicher ist nur: Colani entwarf Dinge, die so aussahen, als könnten gleich Fremde aus ihnen steigen. Das war nicht immer geschmackssicher. Aber es war nie gleichgültig.
Warum seine Formen heute noch irritieren dürfen
Colani ist im Rückblick nicht nur wegen seiner Erfolge interessant, sondern wegen der Zumutung. Viele seiner Formen sind nicht brav. Sie sind zu rund, zu körperlich, zu sehr Objekt und Lebewesen zugleich. Genau das macht sie schwer einzuordnen. Der Pegasus-Flügel, die Kamera-Griffe, das Colani-Ei: Man kann diese Dinge mögen oder ablehnen, aber man übersieht sie nicht.
Das ist vielleicht sein stärkster Punkt. Colani wollte Alltagsdesign nicht unauffälliger machen, sondern körperlicher. Seine Objekte sollten mit Menschen zu tun haben, mit Hand, Sitzfläche, Bewegung, Blick und Geschwindigkeit. Wenn das manchmal überzogen wirkte, gehörte es zum Risiko. Ein Designer, der so denkt, produziert nicht nur schöne Lösungen. Er produziert Reibung. Und Reibung hält ein Werk lebendig.
Kurz geklärt
▸Wer war Luigi Colani?
Ein 1928 in Berlin geborener Designer, der organische und aerodynamische Formen in viele Bereiche des Produktdesigns brachte.
▸Für welche Marken arbeitete er laut Beitrag?
Genannt werden unter anderem Canon, Sony, Mazda, Villeroy & Boch, Schimmel Pianos und Rosenthal.
▸Was ist der Pegasus K 208?
Ein von Colani 1997 für Schimmel Pianos entworfener Konzertflügel mit Acrylgehäuse aus der Art Collection.
▸Warum war Colani unbequem?
Der Beitrag beschreibt ihn als streitbar, meinungsstark und direkt, zugleich aber als Designer mit einer klaren Philosophie für organische Formen.



