//TASTEBunte Einmachgläser mit fermentiertem Gemüse, Karotten, Rote Bete und Kohl in Salzlake
24. Februar 2021 // 09:12 Uhr

Fermentiertes Gemüse – Was steckt hinter dem Hype

InspiredByLuxury·Aus dem Archiv, neu aufgelegt

Fermentieren ist kein kurzlebiger Trend, sondern eine der ältesten Konservierungsmethoden der Welt. Hier erfährst du, was beim Gären im Glas wirklich passiert, warum dein Darm davon profitiert und wie du in vier Schritten dein erstes Sauergemüse ansetzt.

Eingelegtes Gemüse steht in fast jeder gut sortierten Küche, doch beim echten Fermentieren geht es um mehr als Essig und Haltbarkeit. Hier entsteht im Glas ein kleines, lebendiges Ökosystem, das deinem Darm guttut und dem Gemüse einen Geschmack gibt, den du im Supermarkt selten findest.

Sauerkraut, Kimchi, eingelegte Karotten: Fermentation ist seit Jahrtausenden eine Methode, Ernte über den Winter zu retten, lange bevor es Kühlschränke gab. Neu ist das wissenschaftliche Interesse daran, was die Bakterien im Glas mit unserem Körper machen. Und neu ist, dass du dafür kein Spezialequipment brauchst. Ein sauberes Einmachglas, Gemüse, Salz und etwas Geduld reichen.

Amuse-Bouche

  • Fermentation ist Milchsäuregärung: Bakterien wandeln Zucker in Milchsäure um und konservieren das Gemüse ganz ohne Hitze.
  • Die Faustregel für die Salzlake liegt bei rund 2 Prozent Salz auf das Gewicht von Gemüse und Wasser.
  • Der Prozess läuft anaerob, also unter Luftabschluss. Alles muss unter der Lake bleiben.
  • Beim Gären entstehen Vitamin K2 sowie B-Vitamine, und die Milchsäurebakterien unterstützen deine Darmflora.
  • Nach fünf bis sieben Tagen bei Zimmertemperatur ist das erste Sauergemüse fertig, danach hält es im Kühlen wochenlang.
Bunte Einmachgläser mit fermentiertem Gemüse, Karotten, Rote Bete und Kohl in Salzlake

Was beim Fermentieren wirklich passiert

Fermentation ist im Kern eine Gärung. Milchsäurebakterien, die von Natur aus auf rohem Gemüse sitzen, ernähren sich von dem darin enthaltenen Zucker und wandeln ihn in Milchsäure um. Diese Säure senkt den pH-Wert so weit ab, dass Fäulnisbakterien und Schimmel keine Chance mehr haben. Das Gemüse konserviert sich also selbst, ganz ohne Erhitzen und ohne dass Vitamine durch Kochen verloren gehen.

Entscheidend ist der Luftabschluss. Die wichtigen Milchsäurebakterien arbeiten anaerob, also ohne Sauerstoff. Deshalb muss das Gemüse vollständig von der Salzlake bedeckt sein. Sobald etwas aus der Flüssigkeit ragt und mit Luft in Kontakt kommt, bildet sich dort gerne Schimmel. Das ist der häufigste Anfängerfehler und gleichzeitig der am leichtesten zu vermeidende.

Du kochst nichts ein und konservierst nichts mit Hitze. Du schaffst nur die Bedingungen, unter denen die richtigen Bakterien die Arbeit übernehmen.

Warum dein Darm davon profitiert

Fermentiertes Gemüse liefert lebende Milchsäurebakterien, etwa Stämme aus der Lactobacillus-Familie. Diese Bakterien unterstützen eine vielfältige Darmflora, und eine vielfältige Darmflora gilt in der Forschung als guter Marker für ein stabiles Immunsystem. Mehrere klinische Studien untersuchen aktuell, wie regelmäßiger Verzehr von fermentiertem Gemüse Entzündungswerte und die Zusammensetzung der Darmbakterien beeinflusst. Belastbare Endergebnisse stehen noch aus, die Richtung ist aber vielversprechend.

Beim Gären entstehen außerdem Vitamine, die das frische Gemüse so nicht enthält. Bestimmte Bakterien produzieren während der Fermentation Vitamin K2 sowie B-Vitamine wie B2 und B9. Je länger das Gemüse fermentiert, desto mehr Vitamin K kann sich bilden. Beim oft genannten Vitamin B12 lohnt ein ehrlicher Blick: In pflanzlichen Fermenten entstehen zwar Spuren, verlässlich decken lässt sich der B12-Bedarf darüber aber nicht. Wer sich rein pflanzlich ernährt, kommt um eine gezielte Ergänzung nicht herum.

So setzt du dein erstes Sauergemüse an

Du brauchst nichts Exotisches: ein sauberes Bügel- oder Schraubglas, frisches Gemüse, gutes Salz ohne Rieselhilfe und Wasser. Karotten, Kohl, Radieschen oder Blumenkohl sind ein dankbarer Einstieg.

Schritt 1: Gemüse waschen und schneiden

Wasche das Gemüse gründlich und schneide es in Stücke, die später samt Lake in dein Glas passen. Greif möglichst zu Bio-Ware, denn Pestizidrückstände können den Geschmack und die Gärung stören. Wer mag, verfeinert mit Ingwer, Senfkörnern, Dill oder Lorbeer.

Schritt 2: Lake ansetzen und sauber arbeiten

Fülle das Glas mit dem Gemüse und gieße es mit Wasser auf. Für die Salzmenge gilt die Faustregel von rund 2 Prozent: auf ein Kilogramm Gemüse und Wasser kommen also etwa 20 Gramm Salz. Bei wasserreichem Gemüse wie Gurken darf es auch etwas mehr sein. Ein Kohlblatt oder ein Gärgewicht obendrauf hält alles unter der Lake. Arbeite sauber, denn Glas, Brett und Hände sollten vor dem Start gründlich gereinigt sein.

Schritt 3: Täglich kurz lüften

Stell das Glas an einen hellen Ort bei Zimmertemperatur, aber nicht in die direkte Sonne. Bei einem Schraubglas öffnest du es einmal täglich kurz, damit die entstehenden Gärgase entweichen können. Bügelgläser regeln das oft von selbst.

Schritt 4: Umlagern und genießen

Nach fünf bis sieben Tagen ist die Hauptgärung durch. Probier zwischendurch: Schmeckt es angenehm säuerlich, wandert das Glas in den Kühlschrank und hält dort wochenlang. Im Kalten verlangsamt sich die Gärung, der Geschmack reift weiter.

Wenn dir der bewusste Umgang mit Lebensmitteln liegt, schau auch in unseren Beitrag zum Meal Prepping für gesunde Ernährung im Alltag. Und für die Tage, an denen dein Immunsystem einen Extra-Schub braucht, sind die Ingwer-Orange-Shots eine schöne Ergänzung zum Sauergemüse.

Gut zu wissen

▸Wie viel Salz brauche ich für die Lake?

Als Faustregel gelten rund 2 Prozent Salz bezogen auf das Gesamtgewicht von Gemüse und Wasser, also etwa 20 Gramm auf ein Kilogramm. Bei wasserreichem Gemüse wie Gurken darfst du Richtung 3 Prozent gehen. Unter 2 Prozent steigt das Risiko, dass sich unerwünschte Keime durchsetzen.

▸Woran erkenne ich, dass etwas schiefgelaufen ist?

Eine trübe Lake und ein säuerlicher Geruch sind völlig normal. Vorsicht ist geboten bei pelzigem, farbigem Schimmel an der Oberfläche oder einem faulig-stechenden Geruch. Dann gehört der Ansatz entsorgt. Eine weißliche Kahmhefe an der Oberfläche ist dagegen harmlos und lässt sich abschöpfen.

▸Wie lange hält fermentiertes Gemüse?

Im Kühlschrank, gut von Lake bedeckt, hält dein Sauergemüse problemlos mehrere Wochen, oft Monate. Die Milchsäure konserviert es zuverlässig. Wichtig ist, immer mit sauberem Besteck zu entnehmen und den Rest wieder unter die Flüssigkeit zu drücken.

▸Ist roh fermentiertes Gemüse gesünder als gekauftes aus dem Glas?

Oft ja. Viele industriell eingelegte Produkte werden pasteurisiert, also erhitzt, was die lebenden Milchsäurebakterien abtötet. Selbst fermentiertes und ungekühlt eingekauftes Rohkost-Sauerkraut behält die aktiven Kulturen, auf die es beim Darm-Effekt ankommt.

Bildquelle: Pexels / Beatrice B
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