
Wenn Etiketten nichts zählen: Blindverkostung im großen Stil
Die Decanter World Wine Awards bewerten Wein ohne sichtbares Etikett. Was diese Blindmethode für deinen Keller bedeutet und warum die spannenden Funde selten bei den bekanntesten Namen liegen.
Ein Wein, der ohne Etikett verkostet wird, kann sich nicht auf seinen Namen verlassen. Genau das ist das Prinzip der Decanter World Wine Awards, einer der größten Weinbewertungen überhaupt. Wer die Ergebnisse dieses Sommers verfolgt, sollte nicht nach den lautesten Namen suchen, sondern nach den leisesten Überraschungen.
- Die Verkostung erfolgt strikt blind, Herkunft und Etikett werden erst nach der Bewertung offengelegt
- Unterhalb von Spitzenkategorien wie Best in Show oder Platinum vergibt die Jury Gold-, Silber- und Bronzemedaillen
- Ergebnisse und Regionalauswertungen erscheinen im Kalenderfenster Juni bis Juli
Was Blindverkostung wirklich bedeutet
Die Decanter World Wine Awards sind eine jährliche, blind verkostete Großverkostung der britischen Weinzeitschrift Decanter. Die Verkostung erfolgt nach dem hauseigenen System strikt blind, Flaschen ohne erkennbare Etiketten stehen vor den Juroren. Das ist die methodische Grundlage für Aussagen über unterschätzte Regionen, denn die Herkunft eines Weins wird erst nach der Bewertung offengelegt, nicht davor. Ein bekannter Name kann in diesem Verfahren keinen Vorteil verschaffen, den ein unbekannter Winzer nicht auch bekäme.
Praktisch heißt das: In der ersten Runde entscheiden ausschließlich Farbe, Duft und Geschmack. Die Flaschen stehen in neutralen Gläsern, ohne sichtbares Etikett, ohne Preisangabe, ohne Prestige-Bonus. Erst wenn die Bewertung abgeschlossen ist, erfährt die Jury, welcher Wein welchem Weingut zugeordnet war. Dieses Verfahren ist der eigentliche Grund, warum die Ergebnisliste regelmäßig Namen enthält, die vorher kaum jemand kannte.

Die Medaillen-Hierarchie
Medaillen werden in der Hierarchie unterhalb der Spitzenkategorien wie Best in Show oder Platinum in Gold, Silber und Bronze vergeben. Das ist praktisch für Keller-Empfehlungen im Premium-Segment, weil es den Blick nicht nur auf die absoluten Topplätze lenkt, sondern eine ganze Bandbreite solider bis herausragender Weine sichtbar macht. Wer nach einer neuen Flasche für den Keller sucht, findet in der Goldmedaillen-Liste oft mehr Substanz als im Feuilleton der immer gleichen Spitzenreiter.
Für Keller-Tipps lohnt sich deshalb der Blick auf Goldmedaillen aus kleineren oder neu bewerteten Herkunftsgebieten, statt nur auf die Gewinner der Spitzenkategorien zu schauen. Genau dort entsteht oft der Effekt, eine Flasche zu entdecken, bevor der breite Markt sie findet und der Preis entsprechend anzieht. Das ist keine Garantie, aber ein strukturell nachvollziehbarer Mechanismus: Blindverkostung plus Regionalfilter ergibt Kandidaten, die noch nicht überall bekannt sind.
Eine Goldmedaille aus einer Region, die noch niemand auf dem Schirm hat, ist der Moment, in dem sich eine Blindverkostung wirklich auszahlt.
Ein Kalenderfenster, kein Fixtermin
Historisch fallen die Ergebnisse in die Hochphase der sommerlichen Weinpresse, im Kalenderfenster Juni bis Juli. Ein festes Einzeldatum lässt sich daraus nicht ableiten, wohl aber ein verlässliches Muster: Wer im Frühsommer aufmerksam bleibt, verpasst die Bekanntgabe kaum. Ergebnisse und Regionalauswertungen werden nach Jahrgang der jeweiligen Ausgabe gefiltert und veröffentlicht, sodass sich die Liste über mehrere Wochen sukzessive füllt, statt an einem einzigen Tag komplett zu erscheinen.
Wine-Searcher aggregiert die Medaillen anschließend in Weininseraten und erlaubt die gezielte Suche nach ausgezeichneten Flaschen, ein praktisches Werkzeug, um Preisniveau und Verfügbarkeit vor dem Nachfrageschub zu prüfen. Unabhängige Stimmen wie JancisRobinson.com bieten zusätzlich Verkostungsnotizen und Marktkommentare, die sich als zweite Meinung eignen, nicht als Ersatz für die eigene Verkostung.

Warum die Jury zählt, aber nicht entscheidet
Die Jury besteht nach Angaben von Decanter aus erfahrenen Branchenprofis, aus Handel, Gastronomie und Fachpresse. Das verleiht dem Verfahren Gewicht, ersetzt aber nicht den eigenen Gaumen. Eine Medaille ist ein Hinweis, keine Garantie für den persönlichen Geschmack. Wer eine Goldmedaille kauft, ohne den Wein je probiert zu haben, verlässt sich auf ein Kollektivurteil, das für den eigenen Tisch trotzdem richtig liegen kann, aber nicht muss.
Genau diese Nüchternheit unterscheidet eine seriöse Blindverkostung von einer reinen Marketingveranstaltung. Die Jury bewertet, was im Glas ist, nicht was auf dem Etikett steht. Diese Trennung ist der eigentliche Wert des gesamten Verfahrens.

Was das für deinen Keller bedeutet
Statt auf die immer gleichen Namen zu setzen, lohnt sich in diesem Sommer ein Blick auf die Regionalauswertungen der Awards. Eine Goldmedaille aus einem Gebiet, das man noch nicht kennt, ist oft der zuverlässigste Weg, eine Flasche zu finden, die im nächsten Jahr teurer sein wird, wenn der Markt nachzieht. Das lohnt sich gerade, weil man dafür keine Insiderkontakte braucht, nur die Bereitschaft, die Liste tatsächlich zu lesen.
Gut zu wissen
▸Was bedeutet Blindverkostung bei den Decanter World Wine Awards?
Die Juroren bewerten Weine ohne sichtbares Etikett. Herkunft, Preis und Weingut werden erst nach Abschluss der Bewertung offengelegt, sodass ausschließlich Farbe, Duft und Geschmack zählen.
▸Wie ist die Medaillen-Hierarchie aufgebaut?
Unterhalb von Spitzenkategorien wie Best in Show oder Platinum vergibt die Jury Gold-, Silber- und Bronzemedaillen. Diese breitere Struktur macht auch Weine sichtbar, die nicht ganz oben landen, aber trotzdem überzeugen.
▸Wann werden die Ergebnisse veröffentlicht?
Historisch fallen die Ergebnisse in das Kalenderfenster Juni bis Juli. Ein festes Einzeldatum gibt es nicht, die Auswertungen erscheinen über mehrere Wochen gestaffelt nach Region.
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