Die 61. Internationale Kunstausstellung der Biennale di Venezia läuft seit dem 9. Mai und noch bis zum 22. November 2026. Ihr Titel ist In Minor Keys, ihre Kuratorin war Koyo Kouoh, und sie ist im Mai 2025 gestorben, bevor sie ihr eigenes Werk sehen konnte.
Quick Fitting
- Die 61. Biennale Arte öffnete am 9. Mai 2026 und läuft bis zum 22. November 2026 in den Giardini und im Arsenale.
- Titel: In Minor Keys, das kuratorische Konzept der 2025 verstorbenen Koyo Kouoh, ehemals Direktorin des Zeitz MOCAA in Kapstadt.
- 99 Länder sind mit nationalen Pavillons vertreten, die zentrale Ausstellung versammelt 110 eingeladene Künstlerinnen und Künstler.
- Die internationale Jury ist Ende April 2026 geschlossen zurückgetreten. Es gibt 2026 keinen Goldenen Löwen.
- Stattdessen vergibt das Publikum am Schlusstag zwei Visitors Lions per Abstimmung.
Eine Eröffnung ohne ihre Architektin
Du kennst das Gefühl, wenn jemand einen Raum gestaltet hat und dann nicht mehr da ist, um ihn zu betreten. Genau das trägt diese Biennale in sich. Koyo Kouoh, geboren in Kamerun, zuletzt Direktorin des Zeitz Museum of Contemporary Art Africa in Kapstadt, hatte das Konzept fertig. Am 8. April 2025 schickte sie ihren kuratorischen Text an den Präsidenten der Biennale. Wenige Wochen später, im Mai 2025, ist sie an Leberkrebs gestorben, nur Tage nach der Diagnose.
Die Biennale stand vor einer Entscheidung, die niemand treffen will. Mit der vollen Unterstützung der Familie hat sie sich dafür entschieden, die Ausstellung nach Kouohs Plänen umzusetzen. Ein von ihr selbst zusammengestelltes Team hat ihr Konzept zu Ende gebracht, darunter die Beraterinnen und Berater Gabe Beckhurst Feijoo, Marie Helene Pereira und Rasha Salti. Was in Venedig hängt, steht und klingt, ist also kein nachträglicher Kommentar zu Kouoh. Es ist ihre Arbeit.
Was In Minor Keys eigentlich meint
Der Titel ist kein Marketing. Kouoh hat ihn aus der Musik geliehen, und er meint, was er sagt. Sie schrieb davon, einen Gang herunterzuschalten und auf die Frequenzen der Moll-Tonarten zu hören. Nicht das Laute, nicht das Spektakuläre, nicht die große Geste, die jede Biennale sonst gern feiert. Sondern das Leise, das Zögerliche, das, was man nur hört, wenn man aufhört zu reden.
Das ist eine mutige Setzung für die größte Kunstausstellung der Welt. Eine Biennale lebt vom Andrang, von den Schlangen vor den Pavillons, vom Wettbewerb der Nationen. In Minor Keys stellt sich quer dazu. Sie verlangt, dass du langsamer wirst. In einer Zeit, in der jede Institution lauter werden will, ist das fast schon ein Luxus, und es ist die interessanteste Haltung, die eine Biennale seit Jahren eingenommen hat.
Der Eklat, der die Eröffnung überschattete
Diese Biennale wird man sich aber auch aus einem anderen Grund merken. Ende April 2026, kurz vor der Eröffnung, ist die fünfköpfige internationale Jury geschlossen zurückgetreten. Unterzeichnet hat den Rücktritt die Präsidentin Solange Oliveira Farkas zusammen mit Zoe Butt, Elvira Dyangani Ose, Marta Kuzma und Giovanna Zapperi.
Der Hintergrund ist politisch und unbequem. Die Jury hatte erklärt, keine nationalen Pavillons von Ländern berücksichtigen zu wollen, gegen die der Internationale Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ermittelt. Diese Linie traf die Teilnahme von Israel und Russland, beide ohnehin umstritten. Als die Biennale dem nicht folgte, zog die Jury die Konsequenz und trat zurück.
Eine Biennale ohne Goldenen Löwen klingt nach Verlust. Tatsächlich ist es die ehrlichste Ausgabe seit Langem, weil sie zeigt, dass Kunst und Politik sich nicht sauber trennen lassen.
Wenn das Publikum den Preis vergibt
Die Folge ist beispiellos. Es gibt 2026 keinen Goldenen Löwen im klassischen Sinn. Die Preisverleihung, sonst der glanzvolle Auftakt vor der Eröffnung, wurde auf den 22. November verschoben, den letzten Tag. Und vergeben werden die Preise nicht mehr von einer Fachjury, sondern vom Publikum.
Zwei sogenannte Visitors Lions stehen zur Wahl, einer für die beste Teilnahme an der zentralen Ausstellung In Minor Keys, einer für die beste nationale Beteiligung. Du als Besucherin oder Besucher entscheidest mit. Das ist mehr als eine Notlösung. Es verschiebt die Macht von einem geschlossenen Gremium zu den Menschen, die tatsächlich durch die Hallen gehen. Ob das die bessere Kunst prämiert, wird man sehen. Spannender ist es allemal.
99 Länder, 110 Stimmen
Bei aller Aufregung um Jury und Politik sollte man nicht vergessen, worum es eigentlich geht. 99 Länder sind mit nationalen Pavillons vertreten, verteilt auf die Giardini und das Arsenale. Die zentrale Ausstellung versammelt 110 eingeladene Künstlerinnen und Künstler. Das ist die eigentliche Substanz, und sie trägt Kouohs Handschrift.
Mehr als 70 Künstlerinnen und Künstler haben sich Anfang Mai aus dem Wettbewerb um die Preise zurückgezogen, aus Solidarität mit der zurückgetretenen Jury. Das ändert nichts daran, dass ihre Werke zu sehen sind. Es zeigt aber, wie sehr diese Ausgabe von einer Haltung getragen wird, die über das einzelne Objekt hinausgeht. Venedig 2026 ist eine Biennale, die über sich selbst nachdenkt.
Warum sich der Weg nach Venedig lohnt
Es gibt Jahre, in denen eine Biennale vor allem eine Pflichtübung ist, ein Abhaken von Pavillons und ein Foto vor dem Löwen. Wer lieber mit Kriterien auswählt, findet eine brauchbare Perspektive bei der Ausstellung, die man gesehen haben muss. Dieses Jahr ist anders. Hier kommt eine Ausstellung mit einer klaren, leisen Idee zusammen mit einer institutionellen Krise, die ehrlicher ist als jede inszenierte Kontroverse. Beides zusammen ergibt einen Moment, der historisch werden könnte.
Wenn du zwischen jetzt und dem 22. November in Venedig bist, nimm dir Zeit für beides. Im Sommer lohnt außerdem die Art Basel Unlimited, die in Basel zeigt, was zu groß ist für klassische Messestände. Für die Moll-Tonarten, die Kouoh gesetzt hat, und für die Frage, wer eigentlich entscheidet, was gute Kunst ist. Eine Biennale, die ihre eigene Jury verliert und das Urteil an dich weiterreicht, ist keine geschwächte Biennale. Sie ist eine, die etwas riskiert. Und genau das macht sie sehenswert.
Kurz geklärt
Wann findet die Venice Biennale 2026 statt?
Die 61. Internationale Kunstausstellung läuft vom 9. Mai bis zum 22. November 2026 in Venedig, in den Giardini und im Arsenale. Die Preview-Tage lagen Anfang Mai.
Wer hat In Minor Keys kuratiert?
Das Konzept stammt von Koyo Kouoh, der früheren Direktorin des Zeitz MOCAA in Kapstadt. Sie ist im Mai 2025 gestorben, bevor die Ausstellung eröffnete. Ein von ihr eingesetztes Team hat ihre Pläne umgesetzt.
Warum gibt es 2026 keinen Goldenen Löwen?
Die fünfköpfige internationale Jury ist Ende April 2026 geschlossen zurückgetreten, im Streit um den Umgang mit bestimmten nationalen Pavillons. Statt eines Goldenen Löwen vergibt das Publikum am Schlusstag zwei Visitors Lions per Abstimmung.
Wie viele Länder und Künstler sind vertreten?
99 Länder beteiligen sich mit nationalen Pavillons. Die zentrale Ausstellung von Koyo Kouoh versammelt 110 eingeladene Künstlerinnen und Künstler.
Quelle Titelbild: Pexels / Matheus Natan